Wirtschaft

Bald größtes Einwanderungsland? Deutsche Bank sieht Flüchtlinge als Chance

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Flüchtlinge lohnen sich, wenn sie schnell integriert werden, meint die Deutsche Bank.

(Foto: picture alliance / dpa)

Millionen Flüchtlinge bedeuten Milliardenkosten und den Wandel Deutschlands zum Einwanderungsland. Doch die gigantische Zukunftsinvestition zahlt sich langfristig aus, meint die Deutsche Bank. Falls die Integration gelingt.

Laut einer Studie der Deutschen Bank kann der massenhafte Zustrom von Flüchtlingen für Deutschland ein Gewinn statt einer Belastung sein, wenn die Neuankömmlinge zügig integriert werden. Bei der Aufnahme von einer Million Menschen im Jahr könnte Deutschland nicht nur "die USA als traditionell größtes Einwanderungsland ablösen", schreiben die Forscher der Bank. "Die Flüchtlinge sind eine Chance für das alternde Deutschland, in dem Arbeitskräfte knapp werden und die wirtschaftliche Dynamik zu erodieren droht".

Ohne Zuwanderung werde das Wachstum in den nächsten zehn Jahren von derzeit im Schnitt 1,5 Prozent auf nur noch 0,5 Prozent jährlich einknicken, schätzen die Experten. Ohne neue Arbeitskräfte drohe der Standort Deutschland zu vergreisen. Flüchtlinge wirkten wie eine Verjüngungskur, weil sie im Schnitt deutlich jünger seien als die heimische Bevölkerung. "Die Integration der Flüchtlinge muss als Zukunftsinvestition begriffen werden". Der Zustrom könne Deutschland "neue Dynamik für die nächsten Dekaden verschaffen".

"Enorme Entlastung der Sozialkassen"

Die Bank geht davon aus, dass ohne Zuwanderung die Erwerbsbevölkerung schon in den nächsten zehn Jahren um 4,5 Millionen Menschen schrumpfen würde. Das heutige Rentensystem "wäre ohne drastische Einschnitte kaum aufrechtzuerhalten". Die Zuwanderung der Flüchtlinge könnte deshalb "Deutschlands wirtschaftliche Vorreiterrolle in Europa festigen".

Um die positiven Potentiale der Zuwanderung zu heben, werden zunächst allerdings enorme Kosten fällig. Die Bank rechnet mit einem deutlichen Ausgabenschub bei Hartz IV. Zudem müssen die Kommunen hunderttausenden Menschen Unterkunft und Existenzsicherung bezahlen. Kurzfristig seien Flüchtlinge eine Belastung für den Staatshaushalt und die Sozialsysteme. Langfristig könnten sie sich aber für die heimische Bevölkerung mehr als auszahlen und die Sozialkassen enorm entlasten.

Allerdings gilt das nur, wenn die Millionen neuen Zuwanderer einen Job bekommen und sich gesellschaftlich integrieren. Die Chancen dafür sind gut. Die Arbeitslosenquote ist auf dem niedrigsten Stand seit dem Mauerfall. Eine Million Stellen sind derzeit in Deutschland frei, 80 Prozent wären sofort zu besetzen. 20 Prozent der freien Jobs sind für ungelernte Arbeitskräfte, 60 Prozent für Menschen mit Ausbildung und 20 Prozent für Hochschulabsolventen. Trotz vieler deutscher Arbeitsloser ohne Abschluss fänden viele Firmen offenbar keine geeigneten Kandidaten, schreibt die Bank.

Parallelwelten und soziale Konflikte

Die Frage ist, ob die Flüchtlinge die Qualifikation haben, um in diese Lücke zu stoßen. Belastbare Daten zum Ausbildungsstand der Migranten gibt es nicht. Die Deutsche Bank glaubt, dass ihre Qualifikationsstruktur u-förmig ist: viele ungelernte Arbeiter, wenige mit einer Ausbildung, und viele mit Hochschulabschluss. Die erfolgreiche Integration erfordere einen "enormen gesellschaftlichen Kraftakt und hohe Anfangsinvestitionen". Falls sie schnell gelingt, dürfte die Beschäftigung in den nächsten zehn Jahren um rund 1,7 Millionen Menschen steigen.

Flüchtlinge seien räumlich mobil und beruflich flexibel, schreibt die Bank. Zudem hätten sie eine hohe Motivation und würden auch Jobs annehmen, für die sich kaum deutsche Bewerber finden lassen. Um die Integration zu erleichtern, müssten aber Hemmnisse abgebaut werden. Vor allem die weiter für ein Jahr geltende Prüfung, ob es keinen gleichqualifizierten deutsche Bewerber gebe, erscheine "nicht mehr zeitgemäß". Zudem sollte der vergleichsweise hohe Mindestlohn ausgesetzt oder abgesenkt werden.

Ansonsten drohten bei einem Scheitern der Integration erhebliche soziale Verwerfungen. Mangels Jobs würden viele Flüchtlinge in die Schattenwirtschaft wandern. Im Niedriglohnsektor würde ein harter Verdrängungswettkampf ausbrechen. Dadurch würden nicht unbedingt Deutsche unter Druck geraten, sondern schlecht ausgebildete Ausländer und Einwanderer, die bereits länger hier sind. Die Arbeitslosigkeit würde steigen, Verteilungskonflikte und soziale Spannungen würden ausbrechen, Parallelgesellschaften entstehen. Die Belastung der Sozialkassen würde noch verschärft, wenn hunderttausende Flüchtlinge dauerhaft staatlich alimentiert werden müssten.

Quelle: ntv.de

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