Wirtschaft

Aus der Dunkelheit ans Licht Die neue Macht der Rohstoffhändler-Riesen

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Gefülltes Getreidesilo: Agrar- und andere Rohstoffhändler gewinnen immer mehr an Bedeutung und Macht.

(Foto: picture alliance / dpa)

816 Milliarden Dollar Einnahmen erzielen die vier größten Rohstoffhändler der Welt. Der breiten Öffentlichkeit sind die Konzernnamen dennoch nicht bekannt. Das Wirken dieser stillen Giganten stößt nun vermehrt auf Kritik.

Platz da, Wall Street - die Rohstoffhändler kommen. Es sind nicht viele, aber ihre Macht ist groß. Eine Handvoll riesiger Rohstoffhandelsfirmen wie die niederländische Trafigura Beheer und die Vitol Group nimmt auf den weltweiten Warenmärkten einen immer größeren Raum ein. Diese allgemein kaum bekannten Firmen wetten nicht nur auf Kurse oder fädeln Produktlieferungen ein. Sie nehmen es mittlerweile auch mit Erdöl- und Minengesellschaften und mit den großen Banken der Wall Street auf, indem sie Milliardenbeträge in Raffinerien, Kraftwerke, Häfen und alle möglichen anderen Anlagen stecken.

Glencore Xstrata
Glencore Xstrata 2,03

Die vier größten Händler - Vitol, Glencore, Cargill und Trafigura - können sich damit brüsten, im Jahr jeweils mehr als 100 Milliarden Dollar einzunehmen. Damit spielen sie in derselben Liga wie etwa Apple oder Chevron, nur mit dem Unterschied, dass letztere jeder kennt.

In den vergangen fünf Jahren haben sich die Einnahmen dieser vier stillen Giganten auf 816,4 Milliarden Dollar oder fast 600 Milliarden Euro erhöht und damit nahezu verdoppelt, wie eine Analyse der Unternehmensdaten durch das Wall Street Journal ergeben hat. Im gleichen Zeitraum sind die Rohstoffhandelseinnahmen der vier führenden US-Banken, die sich in diesem Sektor engagieren, um 56 Prozent auf 3,8 Milliarden Dollar oder knapp 2,8 Milliarden Euro eingebrochen. Zu erklären ist dieser starke Rückgang damit, dass der Handel allgemein gedrückt war und sich die Banken aufgrund der verschärften Regulierung aus einigen Geschäften zurückgezogen haben.

"Die Rohstoffhändler sind stärker ins Blickfeld gerückt und schwerer zu ignorieren", meint Craig Pirrong, ein Finanzwissenschaftsprofessor an der University of Houston.

99 Millionen Cornflakes-Packungen pro Tag

Allein in diesem Jahr haben die Warenhandelsgiganten mehrere Megadeals über die Bühne gebracht. Die im Jahr 1865 gegründete Agrarhandelsgesellschaft Cargill hat sich mit der brasilianischen Copersucar zusammengeschlossen, um den weltgrößten Zuckerhändler ins Leben zu rufen. Die Mercuria Energy Group, ein auf den Energiesektor konzentrierter Händler, der noch nicht einmal 10 Jahre alt ist, hat die Sparte für physische Rohstoffe von J.P. Morgan Chase & Co übernommen und dafür umgerechnet rund 2,6 Milliarden Euro hingeblättert.

Der Agrarhändler Archer Daniels Midland verarbeitet täglich so viel Mais, dass damit 99 Millionen Cornflakes-Packungen gefüllt werden können. Der Metall-und Minengigant Glencore nutzte im Juni seinen Einfluss dazu, einen Kredit für die Republik Tschad über knapp eine Milliarde Euro einzufädeln. Mit dem Geld kaufte die Regierung von Tschad Chevron Ölförderkonzessionen, Pipeline-Anteile und Förderstätten in dem afrikanischen Land ab.

Investoren und Kartellwächter horchen auf

Inzwischen sind die Investoren hellhörig geworden. Als Trafigura im Dezember 2013 zum ersten Mal seine Jahresbilanz der Öffentlichkeit präsentierte, gab der Händler den Blick auf rekordverdächtige Jahresgewinne von 2,18 Milliarden Dollar oder 1,6 Milliarden Euro frei, die er im vergangenen Jahr erzielt hatte. Gleichzeitig skizzierte die Firma einen Wachstumsplan, der aus dem US-Ölboom Kapital schlagen will. Die zu Vitol gehörende Ölspeicherfirma VTTI Energy Partners gab im vergangenen Monat bekannt, beim geplanten Gang an die New Yorker Börse umgerechnet 308 Millionen Euro einspielen zu wollen.

Durch eine Reihe von Akquisitionen und Investitionen haben sich die Handelsunternehmen in Märkten für wichtige Rohmaterialien - von Zucker über Kupfer bis hin zu Öl - in eine beherrschende Lage manövriert. "Sie sind immer bereit, ein Geschäft abzuschließen, wenn man nur genug dafür hinlegt", sagt Dario Scaffardi, geschäftsführender Vizepräsident und Generaldirektor der italienischen Raffinerie Saras.

Als Japan im Jahr 2011 nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima seine Atomkraftwerke vom Netz nahm, stieg die japanische Nachfrage nach Erdgas, und die Erdgaspreise zogen an. Der Genfer Energiehändler Gunvor Group half aus und schickte 23 Ladungen an verflüssigtem Erdgas nach Japan und damit mehr als das Fünffache des Volumens, das 2010 dahin geliefert wurde. Im vergangenen Jahr liehen Glencore und Vitol dem russischen Staatsölkonzern Rosneft 7,3 Milliarden Euro. Im Gegenzug beliefert der Ölriese die beiden Händler fünf Jahre lang mit Öl.

Wettbewerbshüter alarmiert

Die emsige Geschäftigkeit und der wachsende Einfluss der großen Rohstoffhändler sind aber nicht nur den Investoren aufgefallen. Auch die Marktwächter sind alarmiert. Die britische Finanzdienstleistungsaufsicht Financial Conduct Authority (FCA) sprach im Februar mit Blick auf die Warenhandelsgesellschaften von einer "bekannten Unbekannten", denn sie arbeiteten weitgehend außerhalb des Zuständigkeitsbereichs der Regulierer. Die FCA will nun stärker mit den Händlern Zweisprache halten. "Diese Firmen spielen eine immer entscheidendere Rolle beim Funktionieren eines sich stets komplexer gestaltenden globalen Markts", hatte die FCA im Februar in einem Bericht ausgeführt.

Einfach ist das Geschäft für die Rohstoffriesen aber keineswegs. Sie müssen sich in einem scharfen Wettbewerb behaupten und sehen sich quer durch den Sektor mit hauchdünnen Gewinnmargen konfrontiert. Der Agrarhändler Louis Dreyfus Commodities musste sich im vergangenen Jahr mit einem Gewinneinbruch um 27 Prozent auf 470 Millionen Euro abfinden, nachdem eine schwere Dürre sein Weizengeschäft in Mitleidenschaft gezogen hatte. Vitol-Chef Ian Taylor beschrieb die Marktbedingungen im Jahr 2013 als "äußerst anspruchsvoll" und "extrem wettbewerbsintensiv".

Dass die Rohstoffhändler ihre Fühler immer weiter ausstrecken, stößt nicht überall auf uneingeschränktes Wohlwollen. Im vergangenen Jahr sperrte sich die australische Regierung gegen ein Gebot über 2,2 Milliarden Euro, das Archer Daniels Midland für den Getreidehändler GrainCorp vorgelegt hatte. Das Geschäft sei nicht im Interesse des Landes, hieß es damals. In den USA untersuchen die Aufsichtsbehörden derzeit, ob es in Aluminiumlagern, die unter anderem im Besitz von Glencore und Trafigura sind, zu Preis- und Angebotsverzerrungen gekommen ist. Louis Dreyfus, einer der weltgrößten Baumwollhändler, muss sich in den USA vor Gericht verantworten. Der Firma wird vorgeworfen, im Jahr 2011 den Baumwollmarkt manipuliert zu haben.

Viele "schwarze Schafe"

Kritiker verweisen auch gern darauf, das Glencore von dem milliardenschweren Ölhändler Marc Rich gegründet wurde, der Jahre lang auf der Flucht vor den US-Behörden war, die ihm Steuerhinterziehung vorwarfen. Der Mitbegründer von Gunvor, Gennadi Timtschenko, war im März vom US-Finanzministerium auf eine Liste mit Personen gesetzt worden, gegen die Sanktionen verhängt wurden. Das Unternehmen reagierte umgehend und ließ wissen, dass Timtschenko seinen Anteil bereits an den Konzernchef Torbjörn Törnqvist verkauft hat. "Das sind Händler, das sind Produzenten, das sind Vertreiber", erklärt Diego Valiante, der Leiter für Kapitalmarktanalyse beim Centre for European Policy Studies. "Das Problem ist: Entsteht daraus ein Konflikt?"

Andererseits sei es auch nicht schwer, die Wachstumschancen für die Branche auszumachen, meinen Beobachter. In Kenia zum Beispiel findet sich im ganzen Land das bekannte gelb-rote Logo von Royal Dutch Shell an insgesamt 123 Tankstellen. Sie bieten eine verlässliche Benzinquelle für die immer zahlreicher werdenden Autobesitzer der sich herausbildenden kenianischen Mittelschicht. Doch abgesehen vom Firmenzeichen hat Shell hat mit den Tankstellen gar nichts mehr zu tun. Der Mineralölkonzern hat seinen Anteil an dem Geschäft an ein Gemeinschaftsunternehmen verkauft. An diesem Joint-Venture hält der Energiehändler Vitol, der vor allem dafür bekannt ist, in abgelegenen und vom Krieg heimgesuchten Gebieten hinter den Kulissen Transaktionen abzuschließen, einen Anteil von 40 Prozent.

Wer die Tankstellen jetzt eigentlich betreibt, ist den allermeisten Kunden nicht bekannt. Er wisse es nur, weil ihm ein Journalist von dem Besitzerwechsel erzählt habe, sagt ein Kunde. "Ich fahre meistens direkt zur Shell-Tankstelle", sagt der 43-jährige Manager Jeremy Wyatt, der in Nairobi arbeitet. "Die Mitarbeiter sind die gleichen und der Service hat sich auch nicht verändert."

Quelle: ntv.de, Tatjana Shumsky, DJ