Wirtschaft

Trotz steigender Inflation EZB hält die Geldschleusen weit offen

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Sorgloses Frühsommersommeridyll vor dem EZB-Hauptsitz in Frankfurt am Main.

(Foto: picture alliance / greatif)

Inflationssorgen halten die Anleger seit Wochen in Atem, doch die Europäische Zentralbank nimmt es gelassen. Obwohl sich die Corona-Pandemie entspannt, will die EZB ihre Krisen-Ankäufe unvermindert fortsetzen. Auch der Leitzins bleibt bei null. Ökonomen bewerten den Kurs sehr unterschiedlich.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hält trotz einer sich abschwächenden Pandemie und steigender Inflationszahlen an ihren umfangreichen Konjunkturhilfen für die Wirtschaft fest. Die Euro-Wächter um Notenbank-Präsidentin Christine Lagarde beschlossen, dass die Ankäufe im Rahmen ihres billionenschweren Krisen-Anleihenkaufprogramms PEPP weiter deutlich umfangreicher ausfallen sollen als zu Jahresbeginn.

Die Notenbank hatte das Tempo der Käufe im Frühjahr im Vergleich zu den Anfangsmonaten des Jahres deutlich erhöht. Die Währungshüter wollen vermeiden, dass sich die Finanzierungsbedingungen für Firmen, Staaten und Privathaushalte verschärfen. Denn das könnte die Erholung der Wirtschaft von den Pandemie-Folgen gefährden. Ihren Leitzins zur Versorgung der Wirtschaft mit Geld beließen die Euro-Wächter auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent. Seit März 2016 liegt er bereits auf diesem Niveau. Der Einlagesatz bleibt bei minus 0,5 Prozent.

Geldhäuser müssen somit weiterhin Strafzinsen zahlen, wenn sie überschüssige Gelder bei der Notenbank horten. Die Währungshüter stellten zudem in Aussicht, nötigenfalls alle ihre Instrumente anzupassen. Sie sind der von der Pandemie geschwächten Wirtschaft mit diversen Stützungsmaßnahmen zur Seite gesprungen. Das im Frühjahr 2020 aufgelegte Notfall-Kaufprogramm PEPP, das Staatsanleihen, Firmenanleihen und andere Titel umfasst, wurde bereits zweimal aufgestockt. Es hat einen Kaufrahmen von 1,85 Billionen Euro und die Käufe sollen noch bis Ende März 2022 fortgesetzt werden. Zudem hat die Notenbank langfristige, sehr günstige Kreditspritzen für Banken aufgelegt, die in der Fachwelt "TLTRO" genannt werden.

"Zinssteuerung gegen die Marktlogik"

In einer ersten Reaktion bewerteten Ökonomen die Entscheidung sehr unterschiedlich. Friedrich Heinemann vom Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) äußerte sich kritisch: "Bei einer Mehrheit im EZB-Rat herrscht offenbar die Sicht vor, dass sich die Eurozone nur dann erholen kann, wenn die langfristigen Zinsen auf ihrem historisch niedrigen Niveau verbleiben. Diese Sichtweise überzeugt in einem Umfeld der kräftigen Konjunkturerholung immer weniger." Steigende Langfristzinsen seien eine natürliche Marktreaktion auf die stark verbesserte Wachstumsperspektive, sagte der Experte weiter. "Die EZB betreibt damit eine Steuerung der Langfristzinsen gegen die Marktlogik. Geldmenge und EZB-Bilanzsumme relativ zur Wirtschaftsleistung steigen mit dieser Politik sehr rasch an." Mit der Fortsetzung der aktuellen Geldpolitik wüchsen die Risiken für eine dauerhafte Inflationsdynamik."

Alexander Krüger vom Bankhaus Lampe lobte die Entscheidung als wohltuend und souverän: "Inflationsspuk hin oder her, die EZB bleibt bei ihrer Linie. Ihr Vorgehen zeigt eine große Gelassenheit gegenüber dem aktuellen Inflationsanstieg." Die Ruhe der EZB tue gut, da sie auf aktuelle Inflationstreiber ohnehin kaum Einfluss habe, sagte Krüger und prophezeite eine Fortsetzung des Kurses: "Statt Inflation zu bekämpfen, dürfte die EZB noch lange alles tun, um für Stabilität bei Konjunktur, Staaten und Finanzmärkten zu sorgen."

Quelle: ntv.de, mau/rts

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