Wirtschaft

Im Kampf gegen die nächste Weltkrise EZB verstärkt die Dämme

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(Foto: REUTERS)

Zu Beginn der neuen Börsenwoche bleibt die Lage an den Finanzmärkten extrem angespannt: Der befürchtete Kurssturz nach der Herabstufung der USA bleibt zunächst aus. Am Anleihemarkt greifen die Maßnahmen der EZB. Doch Sicherheit suchen Anleger vergebens. Die Welt sieht sich mit einer neuen Lage konfrontiert.

Die Schuldenkrise in Europa und den USA treibt Politiker und Währungshüter vor sich her: Die betroffenen Staaten haben zusammen mit den beteiligten Finanzinstitutionen ihre Stabilisierungsbemühungen weiter verstärkt. Die Europäische Zentralbank (EZB) erklärte nach einem hektischen Telefonmarathon am Sonntagabend, sie wolle ihr Programm zum Aufkauf von Staatsanleihen von Regierungen der Eurozone "aktiv umsetzen". Rund um die Welt zeigten sich die Börsen zu Wochenbeginn im Handelsverlauf als sehr nervös.

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Nicht gut für den Blutdruck: Stress und Hektik am deutschen Aktienmarkt.

(Foto: dapd)

Das Eingreifen der EZB erzielte allerdings zumindest am Anleihenmarkt die gewünschte Wirkung: Dank der Ankäufe fielen die Renditen auf italienische und spanische Staatsanleihen zu Wochenbeginn deutlich. Auch die Finanzierungskosten für Portugal, Irland und Griechenland verringerten sich. Der befürchtete Kursrutsch an den Aktienmärkten blieb weitgehend aus. Die Nervosität bleibt.

Die Sparpläne Italiens und Spaniens hätten die EZB zu der Einschätzung geführt, dass es "legitim" sei, beiden Ländern zu helfen, sagte der französische Finanzminister François Baroin. Aus Rom hieß es, die EZB habe Italien detaillierte Bedingungen für ihr Eingreifen diktiert. Der Tageszeitung "Corriere della Sera" zufolge forderte sie in einem "geheimen" Brief unter anderem schnelle Privatisierungen sowie eine Reform des Arbeitsmarkts.

Hektische Weltpolitik am Telefon

Die Gruppe der größten Industrieländer (G7) kündigte nach einem Gespräch ihrer Finanzminister und Notenbankchefs an, gemeinsam für ein Funktionieren der Finanzmärkte sorgen und die Finanzstabilität stützen zu wollen. Ähnlich äußerten sich die Finanzminister und Zentralbankchefs der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer (G20). Die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, begrüßte die Bemühungen.

Nach einer tiefroten Woche - der Dax verlor auf Wochensicht knapp 13 Prozent - kann von einem wiederkehrenden Vertrauen der Investoren keine Rede sein. Die Sorgen über die Schulden in Europa und den USA hatten in den vergangenen Tagen die Börsen weltweit abstürzen lassen. Am Freitag nach Börsenschluss stufte die Ratingagentur Standard & Poor's dann erstmals in der Geschichte die Kreditwürdigkeit der USA von der Bestnote herab. US-Finanzminister Timothy Geithner warf der Agentur eine "schreckliche Fehleinschätzung" vor. Trotz Rücktrittsforderungen seitens der Republikaner will Geithner im Amt bleiben.

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Stoßgebet oder tiefe Konzentration? Der Markt hielt sich besser als von vielen Anlegern erwartet.

(Foto: AP)

Zur Schuldenkrise in den USA kommt die laufende Debatte in Europa: Die Bundesregierung ging zuletzt auf Konfrontationskurs mit europäischen Partnern und sprach sich gegen eine Aufstockung des Rettungsfonds EFSF aus. Der Euro geriet ins Trudeln und rutschte unter 1,42 Dollar. Im frühen Geschäft hatte er noch von der Dollar-Schwäche profitiert und zwei US-Cent höher notiert.

An den europäischen Börsen herrschte zu Wochenbeginn scharf gespannte Nervosität. Nach deutlichen, aber nicht übermäßigen Kursverlusten in Asien und einem leichten Minus zum Auftakt in Europa meldeten die meisten Börsen eine teils deutliche Erholung. Gegen Mittag gaben die Kurse aber wieder stark nach. Die Renditen für italienische und spanische Staatsanleihen sanken deutlich. Auch die Renditen auf US-Staatsanleihen gaben trotz der Herabstufung leicht nach. Beobachter sprachen von einer paradoxen, aber erwartbaren Reaktion: Wenn die Unsicherheit global zunehme, zögen viele Investoren ihre Mittel aus riskanteren Anlagen ab. Mangels Alternativen fließt Geld zurück in den immer noch als vergleichsweise sicher geltenden Markt für US-Bonds.

Zeichen einer neuen Machtbalance

Chinesische Staatsmedien übten unterdessen erneut scharfe Kritik an den Staatsschulden der USA. Die "entwickelten Länder" gefährdeten weltweit das Wirtschaftswachstum, "weil sie ihre Verantwortung nicht wahrnehmen", schrieb die "Volkszeitung", das offizielle Organ der Kommunistischen Partei Chinas. Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua rief die US-Politiker dazu auf, einander nicht länger zu zerfleischen. Beide Einlassungen müssen Washington in den Ohren klingeln. Nach der Kritik an der chinesischen Wechselkurspolitik revanchieren sich chinesische Kommentatoren mit ungewohnt offenen Worten. Die Machtverhältnisse scheinen sich umzukehren. 

In Deutschland forderte der FDP-Finanzexperte Frank Schäffler eine Sondersitzung des Bundestags. Das Parlament müsse über eine weitere Ausweitung des Euro-Rettungsschirms entscheiden, sagte er bei n-tv.de. SPD-Chef Sigmar Gabriel lehnte dies umgehend als nicht hilfreich ab. Der Vizesprecher der Bundesregierung, Christoph Steegmans, sagte, Änderungen an den Beschlüssen des Euro-Krisengipfels von Ende Juli seien nicht nötig.

Schweigen und aussitzen oder aufstocken?

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Bargeld von beiden Seiten des Atlantiks: "Trust" steht für Vertrauen.

(Foto: dpa)

Am Wochenende hatten die sieben wichtigsten Industrienationen auf die Kurseinstürze an den weltweiten Finanzmärkten im Zusammenhang mit den Italien-Sorgen reagiert und zugesichert, gemeinsam alles Notwendige zu tun, um die Liquidität und Funktionsfähigkeit der Märkte aufrechtzuerhalten. Vor diesem Hintergrund wurden die - den EFSF nicht aufstocken zu wollen - als verständlich, aber nicht hilfreich gewertet.

"Es war ja der Hauptkritikpunkt am jüngsten Gipfel, dass der EFSF ohne Ende Aufgaben bekommen hat aber kein Geld", sagte Rentenstratege Kornelius Purps. EU-Kommissionspräsident Manuel Jose Barroso habe immerhin erkannt, dass eine Aufstockung der Kreditsumme notwendig sei. Die Haltung der Bundesregierung sei kontraproduktiv. "Damit ist klar, dass wir in der Schuldenkrise nicht einen Schritt weiter sind."

Die Skepsis der Investoren ließ sich auch am Kursverlauf der zehnjährigen Bundesanleihen ablesen: Angesichts der EZB-Aktion waren diese im frühen Geschäft um 1,5 auf 106 Punkte abgerutscht. Bis zum Nachmittag hatten die als sicher geltenden Papiere ihre Verluste wieder wettgemacht.

Quelle: n-tv.de, mmo/AFP/rts

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