Wirtschaft

Banken über den Brexit "Europas schlimmster Albtraum"

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(Foto: REUTERS)

Der Brexit stößt bei den Banken auf ein geteiltes Echo. Von "Europas schlimmstem Albtraum" und "großer Unsicherheit" ist die Rede, aber auch ein gewisser Zweckoptimismus ist bei den Volkswirten der Geldhäuser zu spüren.

Beim Brexit-Referendum hat eine Mehrheit der Briten für einen Austritt Großbritanniens aus der EU ausgesprochen. Sowohl die BBC als auch ITV erklärten die EU-Gegner zum Sieger der Abstimmung. Ökonomen sagen in ersten Reaktionen:

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Hans-Walter Peters.

(Foto: picture alliance / dpa)

Hans-Walter Peters, Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken: "Die Lage an den Finanzmärkten dürfte sich nach dem ersten Schock rasch beruhigen", sagte er. Die Notenbanken hätten zudem alle erforderlichen Vorkehrungen getroffen, um eingreifen zu können. "Es ist ein schwarzer Tag für das Vereinigte Königreich und die EU gleichermaßen", sagte Peters, der auch Sprecher der persönlich haftenden Gesellschafter der Privatbank Berenberg ist. Nun gelte es, Klarheit über das weitere Vorgehen zu bekommen. "Jahrelange Verhandlungen über die Modalitäten eines möglichen Austritts - eventuell mit offenem Ausgang - wären Gift für die Stabilität der EU." Es gelte, die Phase der Unsicherheit für die Wirtschaft so kurz wie möglich zu halten. Auch müsse ein klares Signal gesendet werden, "dass der Austritt aus der EU einen hohen Preis hat". Peters geht davon aus, dass die Finanzplätze Kontinentaleuropas mittelfristig bei einem Austritt des Vereinigten Königreichs an Bedeutung gewinnen werden: "Auch wenn Frankfurt zu Lasten der City Marktanteile gewinnen würde, so wäre mir ein politisch geeintes Europa mit dem Vereinigten Königreich weitaus lieber." Auch bei einem Austritt des Vereinigten Königreichs dürfe die EU nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, warnte der Bankenpräsident. Es müsse eine gemeinsame Agenda entwickelt werden, mit der sich die EU stabilisieren und unter Rücksichtnahme auf nationale Selbstbestimmungsansprüche weiterentwickeln könne.

Carsten Brzeski, ING-Diba-Chefvolkswirt: "Es sieht so aus, als ob Europas schlimmster Alptraum Wahrheit geworden ist." Die wirtschaftlichen und politischen Folgen würden noch lange zu fühlen sein. "Es steht ein langer, schwieriger und dreckiger Scheidungsprozess an. Der Geist des Populismus und anti-europäischer Haltungen ist aus der Flasche entwichen und wird nur sehr schwer einzufangen sein."

Holger Schmieding, Chefvolkswirt Berenberg Bank: "Jetzt kommt eine große Phase der absoluten Unsicherheit. Denn etwas Vergleichbares hatten wir noch nicht. Unsicherheit ist schlecht für die Wirtschaft. Der Aufschwung in Großbritannien dürfte weitgehend zu Ende sein. Auch die Euro-Zone wird die Folgen spüren: Der Aufschwung wird schwächer, geht aber weiter. Hersteller von Investitionsgütern wie Maschinen und Autos dürften die Folgen stärker spüren. Deutschland ist also stärker betroffen als beispielsweise Spanien."

Holger Sandte, Europa-Chefvolkswirt Nordea Bank: "Die Finanzmärkte werden einige Tage brauchen, um den Schock zu verarbeiten. Die Politik muss jetzt versuchen, das Beste aus einer Entscheidung zu machen, die die EU schwächt. Das wird lange brauchen. Und so lange wird Unsicherheit das Geschehen prägen, zumal die Fliehkräfte in anderen EU-Ländern stärker zutage treten werden. Das Ergebnis kann auch die Nicht-Mainstream-Parteien in Spanien stärken, wo am Sonntag gewählt wird. Bis gestern hatte Europa ein Problem, jetzt ist erst mal Panik."

Henrik Enderlein, Direktor Jacques Delors Institut: "Das Ergebnis des Referendums ist kein gutes Signal für Europa. Aber es ist vor allem kein gutes Signal für Großbritannien. Die politischen Strukturen der EU sind stark. Und anders als bei einem 'Grexit', also dem Ausscheiden eines Landes aus der Währungsunion, für das es keine rechtliche Grundlage gibt, ist die Prozedur für das Ausscheiden eines Landes aus der EU rechtlich klar geregelt. Die Folgen für den europäischen Integrationsprozess werden weniger gravierend sein, als jetzt oft vorschnell beschrieben. Auch wenn es schwierig wird: Die EU kann einen Austritt Großbritanniens verkraften. Innerhalb Europas sollte der Fokus der nächsten Monate auf der Vertiefung des Euro-Raums liegen. Die Euro-Krise ist immer noch nicht ausgestanden. Die EZB hat die Grenze ihres Mandats erreicht. Nun müssen sich die Euro-Länder so schnell wie möglich auf einen Stabilisierungsplan einigen, der sowohl mehr Risikoteilung (vor allem schwierig für Deutschland) als auch mehr Souveränitätsteilung (vor allem schwierig für Frankreich) umfasst. Allerdings ist für einen solchen Plan kaum Zeit."

Jörg Kramer, Commerzbank-Chefvolkswirt: "Es kommt jetzt darauf an, ob wir eine saubere oder eine schmutzige Scheidung bekommen. Es geht vor allem darum, ob Großbritannien nach einem Verlassen der EU den Zugang zum EU-Binnenmarkt behält. Wichtig ist, dass die EU jetzt nicht die beleidigte Leberwurst spielt. Sie sollte ein starkes Interesse daran haben, mit den Briten in den kommenden zwei Jahren eine saubere Trennung zu vereinbaren. Das Land ist zweitwichtigster Handelspartner der EU, nach den USA und vor China. Die EU hat ein großes wirtschaftliches Interesse daran, Zölle im Warenhandel zu vermeiden und das Land im Binnenmarkt zu behalten. Der Brexit stellt auch ein politisches Risiko für die EU dar. Denn das wird den Anti-EU-Parteien in vielen EU-Ländern Rückenwind geben. Die Regierungen werden noch weniger als bisher mehr Europa wagen, so dass die Probleme der Währungsunion weitgehend ungelöst bleiben. Was die EZB mehr denn je zwingt, die Probleme durch eine lockere Geldpolitik zu übertünchen. Der Brexit schafft Unsicherheit und ist insofern schlecht für die deutsche Wirtschaft. Aber wir erwarten nicht, dass der Euro-Raum in die Rezession zurückfällt. Das gilt auch für Großbritannien und erst recht für den Fall, dass sich allmählich eine saubere Scheidung abzeichnet."

Thomas Gitzel, VP Bank: "Jetzt wird es turbulent an den Finanzmärkten. Das Pfund ist bereits auf einem 30-Jahres-Tief gegenüber dem Dollar. In absehbarerer Zeit sollten wir aber wieder eine Erholung sehen. Die Finanzmärkte fragen sich jetzt: Wie sieht das neue Verhältnis zwischen EU und Großbritannien aus? Die Briten könnten künftig Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) werden, wie Norwegen. Ich gehe nicht davon aus, dass das Verhältnis EU-Großbritannien damit beendet ist. Die EU wird das Land nicht am langen Arm verhungern lassen. Mit dem heutigen Tag ändert sich erst einmal gar nichts. Es wird jetzt Verhandlungen mit der EU geben. So lange bleibt GB Vollmitglied der EU, also die nächsten zwei Jahre. Ich gehe nicht davon aus, dass sich die wirtschaftliche Lage dramatisch verändern wird. Die Briten dürften es aber merken: Die dortigen Unternehmen dürften jetzt Investitionen überdenken. Aber ich denke nicht, dass das Land nun in eine Rezession fällt."

Quelle: n-tv.de, vpe/dpa/rts

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