Wirtschaft

Per Privatjet nach Beirut Ex-Renault-Nissan-Chef flüchtet aus Japan

Der geschasste Konzernchef einer der weltweit mächtigsten Auto-Allianzen steht in Japan eigentlich unter strengen Kautionsauflagen. Doch Carlos Ghosn taucht unerwartet im Libanon auf. Selbst seine eigenen Anwälte überrumpelt der Ex-Manager mit seiner Flucht.

Unerwartete Wende im Wirtschaftskrimi um Ex-Autoboss Carlos Ghosn: Der in Japan auf Kaution freigelassene frühere Auto-Topmanager hat das Land überraschend verlassen und ist in den Libanon gereist. Berichten libanesischer Medien zufolge traf Ghosn bereits am Sonntagabend an Bord eines Privatjets auf dem Internationalen Flughafen Beirut ein. Unter welchen Umständen er aus Japan ausreisen konnte, ist noch unklar.

Ghosn bestätigte heute frühere Angaben aus libanesischen Regierungs- und Sicherheitskreisen, dass er sich im Libanon aufhält. Er erklärte in einem schriftlichen Statement, dass er vor "Ungerechtigkeit und politischer Verfolgung" in Japan geflüchtet sei. Er werde nun nicht mehr von dem "manipulierten japanischen Justizsystem als Geisel gehalten".

Zu den genaueren Umständen seiner Ausreise äußerte sich der frühere Spitzenmanager der Autobranche nicht. Offenbar erfolgte sie jedoch nicht im Rahmen einer Übereinkunft mit der japanischen Justiz. Der japanische öffentlich-rechtliche Sender NHK zitierte einen Mitarbeiter des dortigen Außenministeriums mit den Worten, Ghosn habe das Land nicht verlassen sollen: "Hätten wir vorab davon gewusst, hätten wir die zuständigen Strafverfolgungsbehörden informiert." Japan ist nun auf die Kooperationsbereitschaft der libanesischen Behörden angewiesen, denn der Libanon hat kein Auslieferungsabkommen mit Japan.

"Ich bin sprachlos"

Selbst der Hauptanwalt Ghosns wurde von der Nachricht der plötzlichen Ausreise seines Mandanten offensichtlich überrumpelt. "Wir wurden davon völlig überrascht, ich bin sprachlos", sagte Junichiro Hironaka vor Journalisten in Tokio. Die Anwälte seien noch immer im Besitz von Ghosns Pässen. Er habe keinen Kontakt zu Ghosn und wisse auch nicht, wie er ihn nun erreichen könne, sagte Hironaka. Er wisse nicht, "wie es nun weitergehen soll".

Rätselhaft bleibt aber, wie Ghosn Japan verlassen konnte. Es war dem Ex-Manager verboten, ins Ausland zu reisen, er war nicht im Besitz seiner Pässe. Er durfte nicht einmal das Internet nutzen, seine Haustür wurde per Video überwacht. Ghosn war es in Japan außerdem untersagt, mit Pressevertretern zu sprechen. Für nächste Woche kündigte der Flüchtige nun an, genau das tun zu wollen.

Ghosn, der neben der französischen und brasilianischen auch die libanesische Staatsangehörigkeit hat und ein Luxusanwesen in Beirut besitzt, war im April auf Kaution aus der Untersuchungshaft in Japan entlassen worden - unter strengen Auflagen. Diese sollten eigentlich verhindern, dass er sich dem Zugriff der japanischen Behörden entzieht oder etwaiges Beweismaterial vernichtet. Unter anderem wurde ihm dabei von der japanischen Justiz verboten, das Land zu verlassen. Das zuständige Bezirksgericht in Tokio stellte klar, diese Auflagen seien nie aufgehoben worden, wie die japanische Nachrichtenagentur Kyodo berichtete.

Ghosn gilt als Architekt des internationalen Autobündnisses zwischen Renault, Nissan und Mitsubishi. Am 19. November 2018 war er in Tokio wegen Verstoßes gegen Börsenauflagen festgenommen und angeklagt worden. Zudem soll er laut Staatsanwaltschaft private Investitionsverluste auf Nissan übertragen haben. Nur wenige Tage nach seiner Festnahme wurde er von Nissan und kurz darauf auch Mitsubishi Motors als Verwaltungsratschef gefeuert. Im Januar trat er schließlich auch von seinem Posten als Renault-Konzernchef zurück. Ghosn hat die gegen ihn erhobenen Vorwürfe stets zurückgewiesen.

Quelle: ntv.de, mmo/lwe/dpa