Wirtschaft

Treibt Klimaschutz Inflation? "Grüne Energie stabilisiert den Strompreis"

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Wind- und Solarstrom sind schon heute billig. Die Infrastruktur muss jedoch massiv ausgebaut werden.

(Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Während aktuell eine Preisexplosion bei fossilen Energieträgern die Inflation in die Höhe schießen lässt, werden immer mehr Warnungen vor einer langfristigen "Greenflation" laut: steigenden Preisen durch die Kosten der Energiewende. Im Interview mit ntv.de erklärt Greenpeace-Ökonom Mauricio Vargas, warum er diesen Begriff für irreführend hält.

ntv.de: Mit dem Begriff "Greenflation" beschreiben einige Ökonomen, dass die Transformation hin zu erneuerbaren Energien enorme Kosten mit sich bringt, die die Preise – auch für Verbraucher mittelfristig erhöhen werden. Warum stört Sie das?

Mauricio Vargas: "Greenflation" oder auch "grüne" Inflation suggeriert, dass es die notwendigen Anstrengungen im Kampf gegen den Klimawandel oder gar grüne Technologien sind, die die Inflation antreiben. Das ist aus meiner Sicht irreführend. Denn es sind ja gerade die fossilen Energieträger wie Öl und Gas, die traditionell mit ihren starken Preisschwankungen maßgeblich für die Inflationsentwicklung verantwortlich sind, bis hin zu schweren Krisen wie dem Ölpreisschock. Das wurde jedoch nie als "Fossilflation" problematisiert. Es verwundert mich, warum nun von "grüner" Inflation gesprochen wird, zumal diese Bezeichnung sachlich falsch ist. Schließlich ist Strom aus erneuerbaren Energiequellen wie Sonne und Wind mittlerweile deutlich billiger als aus fossilen Energieträgern. Die Erneuerbaren können die Inflation dämpfen und vor allem stabilisieren, da sie keinen schwankenden Rohstoffpreisen für Brennstoffe unterliegen. Was tatsächlich zu höheren Kosten für die Verbraucher führt und die Preise auch noch weiter steigen lassen wird auf dem Weg zur Klimaneutralität, ist der CO₂-Preis. Aber auch hier finde ich die Bezeichnung "Greenflation" irreführend. Denn der CO₂-Preis sorgt dafür, dass sich die wahren Kosten, die fossile Energieträger beispielsweise durch den Klimawandel verursachen, im Preis widerspiegeln. Er sorgt also für Transparenz. Diese enormen externen Kosten wurden bisher sozialisiert und daher von der Gesellschaft getragen.

Die Gestehungskosten von Strom aus bereits installierten Wind und Sonnenkraftwerken mögen geringer sein, als die von Kohle- oder Atomstrom. Da sind aber die hohen Investitionskosten für den Umbau des gesamten Energiesektors nicht eingerechnet.

Das stimmt. Um diese günstige Idee nutzen zu können, müssen wir in die Infrastruktur investieren. Das Stromnetz muss umgebaut werden von der derzeitigen zentralen Stromerzeugung in wenigen Großkraftwerken zu vielen kleinen dezentralen Windkraft- und Solaranlagen. Dazu müssen wir Speicherkapazitäten aufbauen. Dennoch ändert das das Gesamtbild langfristig nicht. Die Kosten für erneuerbare Energieerzeugung sinken laufend, während die fossilen Energieträger tendenziell teurer werden, nicht zuletzt durch den steigenden CO₂-Preis. Zudem sind ja auch in den Preisen für herkömmlichen Strom viele der Kosten gar nicht enthalten, etwa die Versicherungs- und Endlagerkosten für Nuklearkraftwerke.

Die niedrigen Gestehungskosten nutzen den Verbrauchern und der Industrie aber nicht, wenn der Strom knapp ist, weil der Ausbau nicht vorankommt oder weil die Erzeugung mit Wetter und Jahreszeiten schwankt.

Ich behaupte nicht, dass es mit Erneuerbaren gar keine Risiken oder Preisschwankungen mehr gibt. Aber allein dadurch, dass sie keine Brennstoffe benötigen, sind sie gegenüber Fossilen im Vorteil. Bereits jetzt ist es so, dass die aktuell etwa 40 Prozent Strom aus erneuerbaren Quellen stabilisierend auf Preis für die Endkunden wirken, dessen Schwankungen maßgeblich durch den 60-Prozent-Anteil herkömmlichen Stroms verursacht werden. Ich bin überzeugt, dass wir Schwankungen in der Stromerzeugung mit Speichern und einem smarten Netzmanagement ausgleichen können. E-Autos und Wärmepumpen haben enormes Potenzial und könnten etwa als dezentrale Speicher genutzt werden. Die Kosten für Batteriespeicher kollabieren derzeit geradezu - trotz der immer wieder beschworenen Preissteigerungen bei Rohstoffen wie Lithium. Auch bisher hat die Digitalisierung trotz des steigenden Bedarfs an teuren Rohstoffen wie Kupfer und Seltenen Erden etwa für Smartphones die Verbraucherpreise sinken lassen und die Inflation gedämpft. Es würde mich nicht überraschen, wenn wir in wenigen Jahren einen ähnlichen Effekt durch die Energiewende sehen und über grüne Deflation statt über Greenflation sprechen.

Bisher sprechen wir aber nur über Elektrizität. Bei Wasserstoff, der für die Transformation zu einer klimaneutralen Industrie zentral ist, sieht es anders aus. Der dürfte über lange Zeit noch knapp und extrem teuer bleiben, was ja die Kosten und damit auch die Verbraucherpreise anheizen wird.

In der Tat sind wir beim Wasserstoff viel später dran als bei Wind- und Solarenergie, deren Ausbau schon vor Jahrzehnten begonnen hat. Ob wir es schaffen, rechtzeitig ausreichende Wasserstoffkapazitäten bereitzustellen, um etwa die Stahlerzeugung oder die Luftfahrt klimaneutral zu machen, hängt jetzt von der Lernkurve der Technologie ab: Wie schnell wird die Technik fortentwickelt und damit billiger. Geschieht das im selben Tempo wie in der Vergangenheit bei der Solarenergie, würde das ausreichen. Entwickelt sich diese Lernkurve langsamer, etwa so wie bei der Windenergie, wird es schwierig. Es ist in der Tat nicht ausgemacht, dass uns der technologische Fortschritt allein rettet, aber wir sollten die Innovationsfähigkeit unserer Unternehmen nicht unterschätzen

Ohne günstigen Wasserstoff in ausreichender Menge stünde die Industrie vor einer Kostenexplosion, die sich entsprechend auch in den Verbraucherpreisen niederschlagen wird.

Nicht unbedingt. Zum einen gibt es für die betreffenden Branchen oft Alternativen. Wird die Produktion von neuem Stahl oder Aluminium teurer, könnten die Unternehmen vermehrt auf das Recycling von Altmetall umstellen, was weniger Energie verbraucht als die Neuerzeugung. Zum anderen steigen dadurch ja für die Verbraucher nur die relativen Preise einiger Güter und Dienstleistungen. Das bedeutet nicht unbedingt einen Kaufkraftverlust. Ein Beispiel: Vielleicht wird das Fliegen in den nächsten Jahrzehnten um ein Vielfaches teurer, und ein Flug innerhalb Europas kostet viele Hundert Euro. Wenn man aber gleichzeitig fast umsonst mit der Bahn fahren könnte, weil die mit günstiger grüner Energie fährt und die Infrastruktur stark ausgebaut wurde, dann haben die Verbraucher keine Nachteile.

Mit Mauricio Vargas sprach Max Borowski

Quelle: ntv.de

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