Wirtschaft
Gehen Betrug und Bitcoin Hand in Hand?
Gehen Betrug und Bitcoin Hand in Hand?(Foto: REUTERS)
Dienstag, 21. November 2017

Raub, Geldwäsche, Drogenhandel: Ist Cybergeld vor allem was für Kriminelle?

Von Diana Dittmer

Digitale Währungen wie Bitcoin kämpfen mit einem zweifelhaften Ruf. Angeblich dienen sie vor allem Betrügern bei krummen Geschäften im Internet. Wieder werden Tokens im Wert von 30 Millionen Dollar aus einer digitalen Geldbörse gestohlen.

Die Achterbahnfahrt beim Bitcoin geht weiter. Diesmal ist es ein Hacker-Angriff auf die Konkurrenzwährung Tether, die den Kurs in den Keller schickt. Dem gleichnamigen Startup hinter der Währung wurden 31 Millionen Dollar geraubt. Die gestohlen Token oder Coins wurden an eine anonyme Bitcoin-Adresse versandt. Wieder wird das Vertrauen in die Sicherheit von Cybergeld auf eine harte Probe gestellt.

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Raubzüge durch digitale Geldbörsen kamen in der Vergangenheit häufiger vor. Doch sie sind nur ein Problem. Cybergeld kann - wie richtiges Geld auch - vielen dunklen Zwecken dienen: Geldwäsche, Steuerhinterziehung, Drogenhandel, Pornographie, Terrorismusfinanzierung. Die Behörden sind alarmiert. Vor zwei Jahren berichtete Europol, dass digitale Währungen für 40 Prozent aller kriminellen Transaktionen im Internet benutzt wurden - meistens Bitcoins. Kriminelle nutzten die Tatsache, dass die Transaktionen anonym seien, "massiv aus", hieß es. Der diesjährige Bericht kommt fast zum selben Schluss. Mittlerweile akzeptieren Cyberkriminelle allerdings neben dem Bitcoin auch andere Kryptowährungen. Wie gefährlich ist dieser Trend?

Der smarte Vertag zum e-Auftragsmord

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Der Fantasie sind offenbar keine Grenzen gesetzt. Der Informatiker Ari Juels von der Cornell University geht davon aus, dass Kriminelle über die Blockchain - das digitale Register hinter der Kryptowährung, in dem alle Bitcoin-Transaktionen verzeichnet werden - sogar einen Auftragsmord abwickeln könnten. Jemand programmiert ein Kopfgeld und die Bedingungen der Auszahlung. Hat der Killer seinen Job erledigt, ruft er das Programm auf und erhält seinen Lohn für getane Arbeit. Einmal auf der Blockchain, ist der Auftrag ein Selbstläufer - er lässt sich nicht mehr zurücknehmen.

Nur ein Hirngespinst? Im Grunde nicht. Nicht nur ehrliche Bürger, sondern auch Kriminelle benutzen die Technologie der "smarten Verträge", auf denen Bitcoin basiert, längst. Einer der größten Schwarzmärkte im Deep Web war von 2011 bis 2014 die "Silk Road". Nutzer konnten hier mit Bitcoin hauptsächlich Drogen kaufen. Die Silk Road und anschließend auch die Silk Road 2.0 wurden schließlich vom FBI sowie Europol zerschlagen. Bis dahin hatte die Webseite über eine Million Nutzer und einen Umsatz von mehr als 1,2 Milliarden Dollar.

Ein Bericht zweier Forscher über den möglichen Zusammenhang von Bitcoin und Kriminalität ließ schon vor zwei Jahren die Alarmglocken schrillen. Mit "Google Trends" werteten die Ökonomen Aaron Yelowitz und Matthew Wilson von der Universität Kentucky aus, welche Begriffe Internetnutzer bei Google suchten. Das niederschmetternde Ergebnis: Je mehr Leute sich für "Bitcoin" als Suchwort interessierten, desto mehr riefen auch den illegalen Onlinemarkt Silk Road auf. "Computer-Enthusiasten und Kriminelle sind für das Interesse an Bitcoins entscheidend", so ihre Schlussfolgerung.

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Doch nur, weil es viele Suchbefehle zu kriminellen Vorkommnissen rund um den Bitcoin gibt, heißt das nicht, dass alle Suchenden Kriminelle sind. Es heißt nur, dass sich Leser für beides interessieren. Durch automatische Vervollständigungen der Suchbegriffe verleitet Google Nutzer, bestimmte Adressen anzuklicken. Wenn jemand online etwas liest, heißt das noch lange nicht, dass er offline danach handelt.

Kriminelle hinterlassen überall Spuren

Eine Zunahme von Cyber-Kriminalität durch die technischen Möglichkeiten von Bitcoin und Blockchain ist zwar nicht zu leugnen. Aber auch die Vorteile bei legalen Transaktionen sind offensichtlich. Bitcoin oder die Technologie dahinter könnten auch Verbrechen reduzieren und für Transparenz sorgen. Geklaut wird jedes Geld, nicht nur Cybergeld. Banken werden beraubt, Konten ehrlicher Sparer geplündert, Brieftaschen aus Taschen entwendet. Ein Wallet mit digitalen Münzen, sicher abgespeichert, bietet durchaus Schutz.

Dass Kriminelle im Netz gänzlich unentdeckt bleiben, ist zudem ein Gerücht. Denn Bitcoin-Transaktionen sind gar nicht "anonym", wie viele glauben, sondern "pseudonym". Eine in der Blockchain gespeicherte Transaktion bleibt auf ewig nachvollziehbar. Es gibt Muster, Schnittstellen zu Börsen und Spuren auf anderen Plattformen, die sich zurückverfolgen lassen. Behörden und andere Akteure haben schon öfter Personen hinter Bitcoin-Transaktionen ausfindig gemacht. Spätestens beim Umtausch der Onlinewährung in bares Geld muss sich der Besitzer einer Kryptowährung zu erkennen geben.

Das sind auch die Gründe, warum sich digitale Verträge für einen Auftragsmord nicht lohnen: Der kanadisch-russische Programmierer Vitalik Buterin glaubt zwar nicht, dass sich solche Verträge verhindern lassen. Aber auch kriminelle Programmierungen der Blockchain benötigen immer eine Verbindung zur realen Welt. Eine Zeitung zum Beispiel, die berichtet, dass das Verbrechen tatsächlich stattgefunden hat - und damit die Zahlung auslöst. Buterin glaubt, im Ernstfall könnten Ermittler diese Verbindung zur Außenwelt hacken und Kriminelle so möglicherweise stoppen.

Nachhilfe bei Kryptowährungen

Wie beim Steuerbetrug suchen Krypto-Kriminelle die Schlupflöcher im System. Werden sie gestopft, ziehen sie weiter. Auch Europol stellt das fest und empfiehlt seinen Ermittlern: Weiterbildung. Nur so könnten sie Kryptowährungen erkennen, verfolgen und beschlagnahmen. Wissenschaftler und Entwickler müssten enger mit den Behörden zusammenarbeiten.

Dass Kryptowährungen für viele Profis - auch in der Finanzbranche - ein weißes Blatt sind, zeigt eine aktuelle Umfrage: Von knapp 100 Finanzvorständen, die CNBC zu ihrer Meinung über Bitcoin befragt hat, antworteten lediglich knapp die Hälfte. 30 Prozent hielten Bitcoin für "Betrug" - fast ebenso viele räumten ein, dass sie gar nicht genügend über das Thema wissen, um sich eine Meinung zu bilden.

Wichtig ist: Cyberkriminelle sind bislang immer nur in die Geldbörsen eingebrochen, in denen Bitcoins lagern. Die Verschlüsselung des Cybergelds selbst haben sie dagegen noch nie geknackt. So ist es auch bei Tether, dem Startup, das gerade gut 30 Millionen Euro verloren hat. Das Unternehmen - anders als bei Bitcoin gibt es eins hinter der Währung - arbeitet fataler Weise mit einer zentralen digitalen und offensichtlich schlecht gesicherten Geldbörse, wo die Transaktionen mit den Cybercoins verwaltet werden. Es ist diese zentrale Struktur, die eine große Gefahr birgt. Sie ist der Honigtopf für Hacker. Dem Bitcoin, der so ein Haupt-Wallet nicht hat, hat der Angriff nicht dauerhaft geschadet. Der Kurs hat Boden wieder gut gemacht und notiert stabil über 7000 Dollar.

Quelle: n-tv.de