Wirtschaft
Bei seinen Landsleuten mag Boris Johnson mit seiner Brexit-Interpretation landen, bei EU-Politikern trifft er nur auf Unverständnis.
Bei seinen Landsleuten mag Boris Johnson mit seiner Brexit-Interpretation landen, bei EU-Politikern trifft er nur auf Unverständnis.(Foto: REUTERS)
Donnerstag, 17. November 2016

Johnsons Prosecco-Battle sagt alles: Briten haben beim Brexit keinen Plan

Ein Kommentar von Diana Dittmer

Um bei der EU Druck in Sachen Brexit zu machen, versucht es der britische Außenminister in Italien mit einer Milchmädchenrechnung: Kein EU-Marktzugang für uns, kein Absatzmarkt für euren Prosecco. Der Spott ist zurecht groß.

Wer noch geglaubt hat, London wüsste, worüber seine Bürger abgestimmt haben, ist nun endgültig eines Besseren belehrt worden. Und zwar durch einen kleinen Battle zwischen dem britischen Außenminister Boris Johnson und dem italienischen Industrieminister Carlos Calenda.

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Johnson hatte Calenda vor einem Einbruch der italienischen Prosecco-Absätze gewarnt, sollte die EU Großbritannien keinen freien Zugang zum EU-Binnenmarkt gewähren. Der kurze und ungewohnt flapsige Schlagabtausch bringt ans Tageslicht, auf welch niedriges Niveau die Diskussion gefallen ist. Statt Diplomatie mal deutliche Worte: Entweder wir bekommen Zugang zum Binnenmarkt oder ihr verkauft weniger Prosecco. Alles klar?

Dass Calenda das Gespräch brühwarm Bloomberg-TV stecken würde, damit hatte Johnson wohl nicht gerechnet. Johnsons Milchmädchenrechnung, habe er fast "ein wenig beleidigend" gefunden, beklagte Calenda sich.

Immerhin konnte er kontern. "Ich verkaufe an ein Land weniger Prosecco, während Sie in 27 Ländern weniger Fish and Chips loswerden", antwortete Calenda. Eins zu 27 – selbst Grundschulkinder können das ins Verhältnis setzten. Die Blamage für Johnson könnte kaum größer sein.

London ist in einer schwierigen Lage. Dass Johnson deshalb dreist wird, entschuldigt das aber nicht. Nachdem er sich schon mehrmals eine Abfuhr für seine Brexit-Wunschliste bei der EU-Kommission abgeholt hat, versucht er es jetzt offenbar in der zweiten Reihe durch die Hintertür. 

Spätestens damit ist klar: Die britische Regierung weiß weder, was Brexit bedeutet. Noch hat sie einen Plan dafür. Binnenmarkt ja und Zuwanderung nein? Die Frage beim Schicksals-Referendum lautete: "Soll das Vereinigte Königreich in der Europäischen Union bleiben?" Zwei Antworten waren möglich: Ja oder nein. Ein bisschen drinnen, ein bisschen draußen geht nicht.

Die Zurechtweisung von Euro-Gruppenchef Jeroen Dijsselbloem nach dem peinlichen Erpressungsversuch kam deshalb prompt. Der BBC sagte er, Londons Bestreben nach einem vollen Binnenmarktzugang nach dem Brexit sei "politisch nicht erreichbar" und "intellektuell unmöglich".

Johnson verhalte sich nicht "realistisch und fair den britischen Wählern" gegenüber, sagte er dem Sender CNBC am Rande einer Konferenz in London. Johnson mache den Briten Angebote, die nicht zur Debatte stünden.

Frei nach dem Motto: Steter Tropfen höhlt den Stein. Oder besser gesagt Prosecco. Wie hätte es Johnson bei Sigmar Gabriel versucht? "Wehe wir bekommen keinen Marktzugang, sonst kaufen wir keine deutschen Autos mehr!" 

Aber Schadenfreude ist fehl am Platz: Den Brexit bezeichnet Dijsselbloem nach dem Battle zurecht als "Lose-Lose-Situation". Es ist auch ein Wink mit dem Zaunpfahl. Es wäre im Sinne der Europäer und im Sinne der Briten, wenn die Briten in der EU blieben. "Aber ich glaube nicht, dass das passiert."

Umso mehr fragt man sich: Was ist denn dann Londons Plan? Ein Bericht eines Beraters der britischen Regierung stellt fest, dass es fünf Monate nach dem Brexit-Referendum immer noch keine umfassende Strategie für den EU-Austritt gibt. Die Regierung wies das zwar einen Tag später zurück. Zu den Details wollte sie aber nichts sagen.

Auf dem Kontinent kann die Politik Londons allem weiteren gelassen entgegen sehen. Sie braucht nichts weiter tun, als abzuwarten. Es wird wahrscheinlich nicht die letzte Blamage gewesen sein, mit der sich London entlarvt. Aus Kreisen des britischen Außenministeriums verlautete der BBC zunächst einmal, die Bemerkung über die Prosecco-Exporte sei nicht als Beleidigung gemeint gewesen, sondern Teil einer "konstruktiven" Diskussion. Na dann, weiter so.

Quelle: n-tv.de