Wirtschaft

Künftige EZB-Spitze Lagarde ist eine problematische Wahl

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Christine Lagarde.

(Foto: REUTERS)

Christine Lagarde hat zweifellos das Zeug, die EZB zu führen. Dennoch kann diese Entscheidung ein Fehler sein.

Christine Lagarde soll EZB-Chefin werden. So viel für die Französin auch spricht: Die Politisierung der Europäischen Zentralbank schreitet voran.

Lagarde hat zweifellos das Format und die Fähigkeit, die EZB zu führen. Als Chefin des Internationalen Währungsfonds hat sie das eindrucksvoll demonstriert. Sie kennt sich in der Finanzwelt bestens aus, ist eine hervorragende Analytikerin, eine durchsetzungsfähige Verhandlerin, gut vernetzt und weithin respektiert.

Dass sie keine Ökonomin, sondern Juristin ist, ist kein Hindernis. Lagarde ist es gewohnt, Entscheidungen auf Grundlage der Expertise ihrer Kollegen zu treffen. Der neue EZB-Chefvolkswirt Philip Lane ist hochkompetent, auf ihn wird sich Lagarde verlassen können.

Mit ihr als Chefin wird die EZB den unter Mario Draghi eingeschlagenen Kurs fortsetzen. Das mag hierzulande zwar nicht populär sein. Was allerdings nichts daran ändert: Die ultra-lockere Geldpolitik und die durchaus kreativen Maßnahmen der EZB haben dafür gesorgt, dass die Eurozone nicht auseinandergeflogen ist.

Und der gemeinsame Währungsraum ist noch lange nicht über den Berg. So gesehen, ist Lagarde die Idealbesetzung. Als IWF-Chefin war sie als Krisenmanagerin an den Hilfspaketen für Griechenland, Irland und Portugal beteiligt - und hat dabei ihre Flexibilität bewiesen. Zweifellos wird die 63-Jährige wie Draghi "whatever it takes" unternehmen, um den Euro zu retten.

Lagarde ist in der Lage, die unterschiedlichen Interessen und Sichtweisen in der Währungsunion auszubalancieren. Wie unglaublich wichtig das ist, zeigt das gegenwärtige Gezerre um die Besetzung der EU-Spitzenjobs.

Die Französin kann mit Politikern umgehen, kann ihre Bedürfnisse und Zwänge nachvollziehen. Und genau hier liegt die Gefahr. Die ehemalige Finanzministerin wird die im Zuge der Eurokrise eng gewordenen Bande zwischen der EZB und der Politik sicher nicht lockern. Im Gegenteil.

Notenbanken müssen zwar nicht von apolitischen Technokraten mit Tunnelblick geführt werden. Aber Zentralbanker müssen den Politikern deutlich machen, was sie von ihnen erwarten - und dürfen sich niemals deren Wünschen beugen.

Mit Lagarde setzt sich ein Trend fort: Olli Rehn ist als ehemaliger Wirtschaftsminister nun Gouverneur der finnischen Zentralbank. Der slowakische Zentralbankchef Peter Kazimir war Finanzminister seines Landes. Dritter im Bunde ist Luis de Guindos, seines Zeichens Ex-Wirtschaftsminister Spaniens und nun Vizepräsident der EZB.

Lagarde kann selbstverständlich eine hervorragende EZB-Präsidentin sein. Allerdings ruht die Zentralbank auf zwei Säulen: Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit. Ist die erste brüchig, dann wackelt auch die zweite.

Quelle: n-tv.de

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