Wirtschaft

"Er muss nur noch eröffnet werden" Mehdorn glaubt an Pannen-Flughafen

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Voller Zuversicht: Hartmut Mehdorn.

(Foto: dpa)

Planungsdesaster, Terminchaos, Korruption: Hartmut Mehdorn fliegen die Krisen auf dem Berliner Pannen-Flughafen um die Ohren. Doch der BER-Chef schwebt über den Dingen. Es gibt nämlich nur noch ein paar Problemchen.

Aus dieser Klemme gibt es kein Entrinnen für Hartmut Mehdorn. Schaut er nach links, starren ihn zwei Augen an. Schaut er nach rechts, bombardiert ihn ein anderes Gesicht mit Fragen. Gleich zwei Moderatoren nehmen den Chef des Berliner Pannenflughafens beim Interview auf dem SZ-Wirtschaftsgipfel in Berlin in die Zange. Doch der BER-Chef beantwortet gewohnt knurrig alle Anwürfe. Hartmut Mehdorn wirkt, als schwebe er über den Dingen.

Man müsse sich Sorgen um seine Gesundheit machen, sagt einer der Moderatoren. Wer so geprügelt werde, dem könne es nicht gutgehen. "Ich bin happy, hab 'ne liebe Frau, schlafe gut", pariert Mehdorn, der Mann mit dem wohl schwierigsten Job der deutschen Wirtschaft. Er fühlt sich wohl auf dem heißen Stuhl: Das Kreuzverhör ist seine gewohnte Gesprächssituation, Troubleshooting sein Arbeitsmodus. Denn ihm fliegen von allen Seiten Probleme um die Ohren.

"Wir haben unsere kleinen Waterloos"

Die jüngste Horror-Botschaft: Der Chaos-Airport wird womöglich erst 2018 eröffnet. Denn die Baustelle wird frühestens Oktober 2016 fertig. Doch im November erlischt die Baugenehmigung für das Hauptterminal und muss neu beantragt werden. Das könnte sich hinziehen. Und selbst wenn irgendwann einmal ein Datum feststeht: Schon bei seiner Eröffnung wird Mehdorns Airport zu klein sein, weil er durch die ständigen Verzögerungen sofort an seine geplante Kapazitätsgrenze stößt.

"Wir kennen die technischen Probleme. Wir haben unsere kleinen Waterloos", sagt Mehdorn. Der Schlamassel auf Deutschlands wichtigster Baustelle habe "keine einzelne Ursache, die man reparieren kann". Und wenn, glaubt Mehdorn, liegt sie vor seiner Zeit: "Wenn ein Segler in Hamburg mit ein Grad Abweichung losfährt, der sieht Helgoland noch nicht mal". Das Projekt stand von Anfang an auf dem falschen Gleis. Nun stellt er die Weichen richtig. Das ist die Botschaft des Ex-Bahnchefs.

Als er Flughafenboss wurde, habe Stillstand geherrscht. "Die Baustelle war leer. Ich habe da 64 Ingenieurbüros gefunden, die sich gegenseitig koordiniert haben". Die Geschäftsführung habe gepennt. Vor seinem Antritt habe es einen enormen Druck gegeben, den Flughafen noch rechtzeitig fertigzubauen. So seien die Mängel entstanden. "Wer widersprach, wurde weggebügelt. Anders kann ich mir das nicht erklären".

Der größte Fehler sei gewesen, dass man keinen Generalunternehmer gefunden habe. Deshalb habe man das Mammutprojekt in unzählige Teilaufträge gesplittet. "Da muss man sich fragen: Wer hat das zugelassen? Wer hat das erlaubt? Warum hat da niemand auf die Bremse getreten?"

"Eigentlich ist er ja fertig"

Die gleichen Fragen muss sich auch Mehdorn stellen. Ex-Technik-Chef Jochen Großmann, den Mehdorn engagiert hatte, ist inzwischen wegen Bestechlichkeit und Betrug zu einem Jahr auf Bewährung und einer hohen Geldstrafe verurteilt worden. Großmann hatte von einer Firma Schmiergelder für Aufträge auf der Baustelle verlangt und den Flughafen mit überhöhten Rechnungen betrogen. Es war Flughafenchef Mehdorn, der Großmann offenbar ohne Kontrolle schalten und walten ließ.

Seit anderthalb Jahren zeichnet Mehdorn außerdem verantwortlich für die Dauerbaustelle. Mit jeder weiteren Verschiebung der Eröffnung steigt der Preis. 2,4 Milliarden Euro sollte der Airport ursprünglich kosten. Inzwischen sind es 5,4 Milliarden Euro. Mehdorn glaubt, dass es dabei bleibt. In zwei Wochen, am 12. Dezember, will er mit dem Aufsichtsrat über den Zeitplan sprechen.

Den Termin habe er ja ohnehin nicht unter Kontrolle: "Auf viele Sachen haben wir gar keinen Einfluss. Wir können den Flughafen nur baulich fertigstellen. Dann muss er zugelassen werden." Das dauert zwischen 5 und 15 Monaten. "Der Flughafen ist ja eigentlich fertig. Wir könnten ihn morgen eröffnen, bis auf die Entrauchungsanlage". Die sei "ein bisschen vergessen worden", als der Flughafen immer größer geplant worden sei.

"Das wird ein ganz normaler Flughafen"

Auf eine Diskussion, wer Schuld an dem Desaster trägt, will sich Mehdorn erst gar nicht einlassen: "Das kostet nur Zeit. Es gibt drei Untersuchungsausschüsse, die sich damit beschäftigen. Lasst die doch machen. Wir sollten das hier nicht diskutieren". Einseitige Kritik an den Aufsehern, allen voran Berlins scheidendem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, will Mehdorn auch nicht gelten lassen: "Es steht nirgendwo geschrieben, dass ein Aufsichtsratsvorsitzender die Kompetenz eines Bauherren haben muss".

Dass seine Kontrolleure ihn nun an die Leine legen, versteht Mehdorn erst recht nicht. Es gebe eine "Misstrauenskultur" zwischen Aufsichtsrat und Management. "Die sagen: ‚Ihre Vorgänger haben uns nicht richtig informiert‘, und leben das nun in voller Gänze aus. Es führt zu unendlichen Berichten, Sitzungen und Verschwendung von Kraft, die man an anderer Stelle braucht".

Trotzdem bleibt Mehdorn optimistisch. Ob nicht ein Abriss des verkorksten Airports besser wäre, wie ein Insider behauptet? "Den können sie zu seinem Arzt schicken". In 20 Jahren werde man das Theater um den BER vergessen haben, ist sich Mehdorn sicher. "Das wird ein ganz normaler Flughafen sein. Er muss halt nur noch eröffnet werden".

Quelle: ntv.de