Wirtschaft

Wer ist schuld am Brücken-Crash? Rom macht Benetton-Clan zum Sündenbock

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Wer ist schuld am Brückeneinsturz in Genua? Finger zeigen auf den Benetton-Clan, Rom und Brüssel.

(Foto: dpa)

Italiens Regierung schießt sich bei der Suche nach Schuldigen am Einsturz der Morandi-Brücke in Genua auf die Benetton-Milliardäre ein, die die Autobahnen betreiben. Für die Populisten ist es das perfekte Ablenkungsmanöver.

Die italienische Unternehmer-Familie Benetton zahlt einen hohen Preis für ihren forschen Expansionskurs in den vergangenen Jahren. "Mörder", "Ausverkauf öffentlicher Interessen", "Firmensitz in Luxemburg. Mehr muss man nicht wissen": In den sozialen Medien entlädt sich nach dem Einsturz der Morandi-Brücke in Genua der geballte Hass der Italiener gegen die Benettons. Die milliardenschweren Geschwister halten an dem Autobahnbetreiber Atlantia, der die Unglücksstrecke betrieben hat, knapp ein Drittel der Aktien. Er sei "der Bankomat von Benetton & Co.", titelte die Wirtschaftszeitschrift "Valori".

Auch die populistische Regierung in Rom hat sich in Windeseile auf den Clan eingeschossen. "Wir zahlen Europas teuerste Maut an die Unternehmen, die unsere Autobahnen verwalten. Und sie kassieren Milliarden, zahlen ein paar Millionen Steuern und kümmern sich nicht um die Wartung der Brücken und Straßen", schrieb Infrastruktur- und Verkehrsminister Danilo Toninelli nach dem Unglück. Und der Chef der Fünf-Sterne-Bewegung Luigi di Maio polterte in Richtung Benetton: "Es ist Zeit, basta zu sagen."

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Atlantia drohen nach dem Unglück nicht nur hohe Strafzahlungen, sondern auch der Entzug der Lizenz. Die Benettons müssen um künftige Aufträge bangen. Eine Untersuchung läuft. Bis Ende des Monats muss der private Maut-Betreiber Autostrade per l'Italia, an dem die Benettons über ihre Infrastrukturholding ebenfalls beteiligt sind, nachweisen, dass er allen Instandhaltungspflichten nachgekommen ist.

Der Shitstorm hat nicht nur den Ruf des Benetton-Clans schwer beschädigt. Auch auf dem Bankkonto der Familie hinterlässt das Unglück, bei dem über 40 Menschen starben, tiefe Spuren. Die Kursverluste von Atlantia haben das Familien-Unternehmen bislang zwei Milliarden Dollar gekostet, rechnet die Finanzagentur "Bloomberg" vor. Und es könnte noch schlimmer werden.

Von Pullis zu maroden Brückenpfeilern

In den vergangenen Jahren hat sich die italienische Industriellenfamilie nach dramatischen Verlusten mit ihrem Textillabel United Colors of Benetton neu erfunden. Mode mit provokanter Werbung, mit der der Clan einst Furore machte, ist nach einer Reihe von Zukäufen nur noch der drittgrößte Bereich innerhalb der Familien-Holding Edizione. Heute kontrollieren die milliardenschweren Geschwister Carlo, Gilberto, Giuliana und Luciano ein weit verzweigtes Firmenimperium.

Das Gesamtvermögen des Clans wird auf 13,3 Milliarden Dollar geschätzt. Die Autobahnen sind seine Cash-Cow. Atlantia macht ein Drittel des Benetton-Vermögens aus. Gastronomie ist der zweitwichtigste Bereich. Darüber hinaus hält die Familie zum Beispiel noch Anteile am italienischen Versicherer Generali oder an der Bank Mediobanca.

Dass ausgerechnet die Benettons unternehmerisch in die Katastrophe verwickelt sind, kommt der Regierung in Rom mehr als gelegen. Der Clan ist umstritten, weil er fürs alte Establishment steht. Die Arme der Industriellenfamilie reichen bis tief in die Politik und die Medien hinein.

Das zeigt auch die Berichterstattung nach der Katastrophe. Die Presse habe den Namen Benetton auffällig lange versucht aus den Schlagzeilen zu halten, schreibt Cicero Online. Auch die großen Nachrichtensendungen hätten den Namen nicht erwähnt. Da die meisten Medien Forza Italia und Partiti Democratico (PD) nahestehen, die Italien in den vergangenen Jahrzehnten regiert haben, überrasche das aber nicht.

Die jetzige Regierung in Rom hat das mit ihren lautstarken Vorwürfen gewissermaßen wett gemacht. Sie lenkt damit aber auch davon ab, dass sie selbst einen gehörigen Anteil an der Katastrophe hat. Autostrade per l'Italia warnte laut der italienischen Agentur Ansa bereits vor sieben Jahren, dass das Viadukt in Genua jederzeit einstürzen könnte. Jedes Jahr seien teure Sanierungsarbeiten nötig gewesen. Selbst am Unglückstag gab es Bauarbeiten auf dem Streckenabschnitt.

Populisten haben Verkehrsprojekte verhindert

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Die provokanten Plakate von Benetton sorgten immer wieder für Wirbel. Der Fotograf hinter diesen Montagen, Oliviero Toscan, steht zur Familie.

(Foto: picture alliance / dpa)

Dass diese Flickschusterei nicht beendet wurde, liegt nicht nur an Atlantia oder den Benettons. Berichte über marode Straßen und Brücken in Italien haben sich in den vergangenen Jahren gehäuft. Die Fünf-Sterne-Bewegung hat sich immer wieder gegen Umgehungsstraßen wie das Projekt "Gronda" in Genua ausgesprochen. Obwohl Experten wiederholt warnten, dass die Unglücksbrücke, die in den 1960er Jahren erbaut wurde, dem Verkehrsaufkommen mit etwa 5000 Lkws pro Tag nicht mehr gewachsen war. Die Populisten taten diese Warnungen jedoch als "Märchen" ab. Noch vor wenigen Wochen sagte Verkehrsminister Toninelli, man müsse erst nochmals prüfen, ob wirklich eine Alternativstrecke gebaut werden müsse.

Und auch noch aus einem anderen Grund haben die Populisten viel Anlass, von sich abzulenken und mit dem Finger auf andere zu zeigen. Am 15. Oktober muss Rom der EU-Kommission den Haushaltsentwurf für das kommende Jahr vorlegen. Das Land ächzt noch immer unter einem Schuldenberg von 2300 Milliarden Euro, was einem Defizit von rund 132 Prozent des Bruttoinlandproduktes entspricht - erlaubt sind nach EU-Regeln 60 Prozent. Für Rom geht es jetzt darum, wie weit die Defizitgrenze ausgereizt werden darf.

Die Regierung möchte, dass die EU-Regeln ausgesetzt werden, um Ausgaben erhöhen und Steuern senken zu können. Die Sicherheit der Italiener gehe vor EU-Defizitregeln, hat Italiens Innenminister Matteo Salvini von der rechten und euroskeptischen Lega vergangene Woche gefordert. Salvini wirft Brüssel vor, dringend nötige Investitionen durch strenge Haushaltsauflagen verhindert zu haben. Der Einsturz der Brücke gilt als Beweis, dass Italien mehr Geld in die Hand nehmen muss. Geht es nach der Regierung, sind auf jeden Fall andere für die italienische Misere verantwortlich, nur nicht sie selbst.

Die Nähe des Benetton-Clans zu den Mächtigen mag sich stets ausgezahlt haben. Die Familie betreibt die Hälfte des italienischen Autobahnnetzes. Im vergangenen Jahr machte sie damit 3,9 Milliarden Euro Umsatz und 2,4 Milliarden Euro Gewinn. Das Geld haben die Geschwister in Zukäufe investiert statt in den Erhalt der Autobahnen. Aber nicht notwendigerweise aus Profitgier, sondern auch weil sie auf die Genehmigung der Umgehungsstraße warten mussten. Das Projekt war den Benettons schon von der Vorgängerregierung zugesichert worden. Kein Unternehmen hätte von da an noch mehr als unbedingt nötig in alte Straßen investiert.

Das Geld der Benettons fließt überall hin

Enrico Rixi, Staatssekretär im Verkehrsministerium und Mitglied der Lega, hat die fatale Fehleinschätzung der Politiker inzwischen eingeräumt: "Die Wahrheit ist, dass Maßnahmen um die Brücke zu entlasten, bereits in den 1980er Jahren hätten getroffen werden sollen. Stattdessen stehen wir nun hier."

Die Populisten in Rom versuchen sich mit aller Macht von den Benettons abzusetzen. Vize-Regierungschef Luigi di Maio brüstete sich sogar vollmundig damit, dass es "zum ersten Mal eine Regierung" gebe, "die kein Geld von Benetton genommen hat". Dabei gab es früher durchaus finanzielle Verbindungen: Laut "Cicero Online" finanzierten die Benettons 2010 über ihren Thinktank Fabrica den Wahlkampf des Lega-Regionalpräsidenten Luca Zaia in Venetien. Nicht ganz zufällig wird Venedig auch Benettown genannt. Den Schwarzen Peter weiterzugeben ist offenbar doch schwieriger, als gedacht.

Es sei "ungerecht, Benetton die Schuld zu geben, als ob sie mit den Leben von anderen spekulieren wollten", sagt der Fotograf des Modelabels United Colors of Benetton, Oliviero Toscani - er ist der berühmte Kopf hinter der provokanten Benetton-Werbung. Mit der Wahlkampffinanzierung des Lega-Regionalpräsidenten soll er damals nicht einverstanden gewesen sein. Aber der Shitstorm geht ihm zu weit. Es handle sich um "sehr ernsthafte" Menschen. Von der Regierung sind solche Worte nicht zu erwarten.

Quelle: n-tv.de

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