Wirtschaft

Fusionsszenarien auf höchster Ebene ThyssenKrupp spricht mit Tata Steel

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Mühlstein in der ThyssenKrupp-Bilanz: Bekommen die Inder den Schlüssel für das Werk in Brasilien?

(Foto: dpa)

Steht dem deutschen Aktienmarkt eine deutsch-indische Stahlfusion bevor? Einem Zeitungsbericht zufolge verhandelt der größte deutsche Stahlkonzern mit dem Weltmarktführer aus Indien. Angeblich liegen verschiedene Szenarien auf dem Tisch.

Die Gespräche über einen möglichen Zusammenschluss der europäischen Stahlgeschäfte von Thyssenkrupp und Tata Steel nehmen einem Zeitungsbericht zufolge konkrete Formen an. Führungskräfte der beiden Konzerne spielten auf höchster Ebene verschiedene Szenarien für eine Kombination durch, heißt es in einem Bericht der "Rheinischen Post". Über eine indisch-deutsche Lösung wird in Branchenkreisen bereits seit Anfang April spekuliert.

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Eine Variante sehe vor, die europäischen Stahlgeschäfte jeweils ihrem Wert entsprechend an einem Gemeinschaftsunternehmen zu beteiligen und diese Gesellschaft an die Börse zu bringen. Sollte einer der beteiligten Konzerne dann weitere Anteile verkaufen wollen, könne dies über die Börse geschehen.

Übernimmt Tata in Brasilien?

Ein weiteres Detail wirft ein weiteres Licht das Stahlwerksgeschäft von Thyssenkrupp in Brasilien: Tata Steel habe abgesehen von den Ideen für ein Joint Venture auch großes Interesse an dem brasilianischen Werk von Thyssenkrupp angemeldet, berichtete die Zeitung. Das Blatt beruft sich mit seinen Angaben auf Informationen aus dem Konzernumfeld. Namen nennt die "Rheinische Post" nicht. Erst vergangene Woche hatte Thyssenkrupp angekündigt, zu einem "symbolischen Kaufpreis" alleiniger Eigentümer des fraglichen Stahlwerks CSA werden zu wollen. Analysten hatten den Schritt gelobt: Damit würde es für Thyssenkrupp einfacher, das Stahlwerk zu verkaufen.

Grund zur Eile besteht offenbar nicht: Eine Einigung sei dem Vernehmen nach nicht unmittelbar zu erwarten, heißt es. Im Gespräch seien auch noch andere Optionen. Offiziell wollten sich weder Thyssenkrupp, noch Tata Steel Europe zu den Spekulationen äußern.

Hiesinger schreibt an die Mitarbeiter

"Wir haben diese Berichte gegenüber den Medien nicht kommentiert, weil dazu aus unserer Sicht kein Anlass besteht", erklärte Thyssenkrupp-Chef Heinrich Hiesinger in einem internen Schreiben an die Mitarbeiter. Der Manager betonte, dass angesichts der weiter schwierigen Lage der Branche eine Konsolidierung der europäischen Stahlindustrie "ein möglicher Schritt nach vorne" sein könne.

"Ob, wann und unter Beteiligung welcher Unternehmen es aber zu einer solchen Konsolidierung kommt, ist völlig unklar", betonte Hiesinger. "Wenn es dazu kommt, dann wollen wir bei Thyssenkrupp in der Lage sein, uns aktiv und aus einer Position der Stärke heraus daran zu beteiligen."

Kündigungen bis 2021 ausgeschlossen

Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende der Thyssenkrupp-Stahlsparte, Günter Back, forderte unterdessen eine Beteiligung der Arbeitnehmervertreter an möglichen Gesprächen. Bislang seien die Betriebsräte nicht in derartige Verhandlungen eingebunden. "Wer meint, solche Dinge in den Hinterzimmern an der Mitbestimmung vorbei bereden zu wollen, der bekommt Ärger", kündigte Back an.

In der Stahlsparte des Konzerns seien betriebsbedingte Kündigungen zudem bis 2021 ausgeschlossen, so der Betriebsrat. Auch bei der IG Metall hieß es, die Gewerkschaft sei in mögliche Gespräche bislang nicht eingebunden. An der Börse sorgten die Spekulationen dagegen für einen kräftigen Kursanstieg. Bis zum Mittag legte die Aktie des Industrie- und Stahlkonzerns um knapp fünf Prozent zu.

Ausweg aus der Stahlkrise?

Erst zu Wochenbeginn waren Zehntausende Beschäftigte der deutschen Stahlindustrie im Rahmen eines bundesweiten "Aktionstags" auf die Straße gegangen, um sich für die Zukunft der Stahlbranche in Europa einzusetzen. Die IG Metall sprach von 45.000 Teilnehmern, davon 16.000 in Duisburg und 2500 vor dem Bundeskanzleramt in Berlin. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel sicherte den Stahlarbeitern seine Unterstützung zu.

Kundgebungen im Saarland wiesen nach Gewerkschaftsangaben mit 20.300 Beschäftigten den größten Zulauf auf. Das Bundesland in der deutsch-französischen Grenzregion wurde bereits vom Strukturwandel im Zusammenhang mit dem Ende des Kohlebergbaus schwer getroffen.

Rund 500.000 Arbeitsplätze

Der Stahlsektor in Deutschland leidet wie die gesamte europäische Stahlindustrie seit Jahren unter Billigimporten aus China. Beim sogenannten Aktionstag ging es aber auch um die geplante Verschärfung des EU-Emissionshandels, die der Stahlindustrie Sorgen bereitet.

"Auf jeden der 85.000 Stahlarbeitsplätze kommen über sechseinhalb Beschäftigte in den Abnehmerbranchen, die davon abhängen", erklärte der IG-Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann. "Deshalb darf diese industrielle Kraft in Deutschland nicht aufs Spiel gesetzt werden."

Nötig sei unter anderem, auf europäischer Ebene schnell über "wirksamere Handelsschutzinstrumente gegen unlautere Wettbewerbsbedingungen" zu entscheiden, verlangte Hofmann. Stahlimporte aus China würden "mit Dumpingpreisen den europäischen Markt fluten".

Standortnachteil Klimaschutz

Mit Blick auf den Streit über die Zukunft des europäischen Emissionshandels mahnte Hofmann, wer der Stahlindustrie zu hohe Belastungen aufbürde, "verhindert Investitionen und treibt die Branche in die Krise". Das Weltklima habe nichts davon, "wenn Stahl nur noch dort produziert wird, wo deutlich höhere Emissionen ausgestoßen werden". Die Branche müsse weiterhin "anteilig eine kostenlose Zuteilung von Emissionsrechten" erhalten.

Bundeswirtschaftsminister Gabriel versicherte, er werde "keinem Plan zustimmen, der die Zukunft der deutschen Stahlerzeugung gefährdet". Die Emissionshandelsreform müsse "die Anstrengungen, die die Stahlindustrie und andere energieintensive Branchen bereits unternommen haben, angemessen honorieren", sagte er laut Redemanuskript auf der Kundgebung in Duisburg. Die Klimapolitik in Deutschland und Europa dürfe die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie nicht "durch einseitige Belastungen untergraben".

Als "nicht akzeptabel" bezeichnete es Gabriel, dass die chinesische Stahlindustrie ihre Produkte dank hoher staatlicher Subventionen "zu Dumping-Preisen" auf den Weltmarkt bringe. Er sei für "einen verstärkten und schnelleren Einsatz von Anti-Dumping-Verfahren der EU".

"Horroszenarien" für "Klimarabatte"

Die Umweltorganisation Germanwatch hingegen beschuldigte die Stahlbranche, sie male "abwegige Horrorszenarien an die Wand". Zwar lasse sich diskutieren, ob die Branche in der EU vor Billigimporten geschützt werden müsse, erklärte Verbandschef Klaus Milke. "Aber es ist ganz schlechter Stil, dafür die überfällige Reform des Emissionshandels zu diskreditieren." Die Stahlindustrie wolle sich hier "mit Panikmache noch mehr Klimarabatte" sichern.

Die Klima- und Energieexpertin der Linksfraktion im Bundestag, Eva Bulling-Schröter, beklagte ebenfalls, Klimaschutz sei "für die Bosse der Stahlkocher bis heute ein Goldesel". Dank der kostenfreien Zuteilung von Zertifikaten hätten die großen Stahlkonzerne in Europa in den vergangenen Jahren "sehr viel Geld" im Emissionshandel verdient, erklärte Bulling-Schröter. Die Bundesregierung müsse sich national, auf EU-Ebene und in Gesprächen mit Peking "für funktionierenden Klimaschutz" einsetzen.

Quelle: ntv.de, mmo/AFP/rts