Wirtschaft

Opec ringt um Fördermengen Trumps Ölpreis-Rechnung ist riskant

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"Die Welt will und braucht keine höheren Ölpreise!," schreibt Donald Trump noch auf Twitter. Der sadische Kronprinz Mohammed bin Salman sieht das jetzt schon anders.

picture alliance/dpa

Saudi-Arabien scheint Donald Trumps Ruf nach billigem Öl zu erhören. Der Kopf des Öl-Kartells tritt für eine moderate Drosselung der Förderung ein. Das wird nicht nur für Riad teuer. Auch für die US-Fracker könnte das negative Folgen haben.

Die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) unter Führung von Saudi-Arabien will sich beim Treffen der großen Ölproduzenten in Wien für eine moderate Drosselung der Ölfördermengen einsetzen. Der saudi-arabische Energieminister ließ wissen, dass er ein Zurückfahren um eine Million Barrel pro Tag durch die Opec und ihre Verbündeten als "ausreichend" erachtet, um einen Preisverfall unter 50 Dollar je Barrel Öl zu verhindern. Zuvor hatte Riad eine Drosselung um 1,3 Millionen Barrel angesichts des Überangebots und der Konjunkturabkühlung als angemessen bezeichnet.

Kommt es dazu, darf US-Präsident Donald Trump das wohl als Erfolg verbuchen, auch wenn er ursprünglich eine stabile Förderung gefordert hatte. Es ist ein großes Zugeständnis, das Saudi-Arabien macht. Denn Riad benötigt laut Internationalem Währungsfonds (IWF) einen Ölpreis von nicht weniger als rund 77 Dollar pro Barrel, um im Haushaltsjahr 2019 genügend Einnahmen zu erzielen. Der moderate Griff an den Ölhahn wird den Preis kaum in diese Höhen treiben. Die Folge wird ein großes Loch in der saudischen Staatskasse sein.

Trump macht Druck

Händler interpretieren diese Entscheidung als übervorsichtig. Doch Riad hat nicht wirklich die Wahl. Saudi-Arabien will nicht den Zorn der USA auf sich ziehen. Nachdem sich die Welt wegen des mutmaßlichen Mordes an dem saudischen Regimekritiker Jamal Kashoggi abgewendet hat, ist Washington der letzte wichtige Verbündete der Saudis. Trump hat die Bedeutung der USA für Riad schon mehrfach dazu genutzt, Druck auszuüben, damit die Preise weiter purzeln. In seinen Augen sind fallende Ölpreise vergleichbar mit einer "Steuersenkung": Die Verbraucher profitieren, weil sie mehr Geld in der Tasche haben. Und die Wirtschaft profitiert, weil mehr konsumiert wird.

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Trotzdem gäbe es eine Reihe Gründe für eine deutlichere Drosselung der Fördermengen, die auch für die USA nicht unerheblich sind: Mehr als 30 Prozent hat der Ölpreis in den vergangenen zwei Monaten bereits verloren. Der Druck ist immens. Laut Internationaler Energieagentur wird das Angebot im kommenden Jahr die Nachfrage deutlich übertreffen. Die Opec prognostiziert, dass 1,1 Millionen Barrel weniger pro Tag nachgefragt werden als in diesem Jahr. Ein Ende des Preisdrucks ist also nicht abzusehen.

Hinzu kommen Bremsspuren in der Konjunktur durch den von Trump angezettelten Handelsstreit. Ein Ausfall Chinas als globaler Wachstumsmotor wäre kaum zu kompensieren. Öl ist der Schmierstoff boomender Volkswirtschaften. Wächst eine Wirtschaft nicht mehr, braucht die Industrie weniger von diesem Rohstoff. Erste Anzeichen einer schrumpfenden Wirtschaftsleistung lassen sich bereits an den Frachtraten von Containerschiffen ablesen. Seit Jahresmitte sind sie um 25 Prozent zurückgegangen. Auch das wird den Ölpreis drücken.

Zu viel Öl

Rohstoffexperten sind überzeugt, dass ein Zurückfahren der Fördermenge um eine Million Barrel pro Tag nicht ausreichen wird, den Markt im ersten Halbjahr 2019 zu stabilisieren. Dafür gibt es zu viel Öl auf dem Markt: Der Iran verkauft trotz Sanktionen gegen seine Ölindustrie immer noch reichlich. Washington gewährte allein acht Ländern Ausnahmen von den im November verhängten Sanktionen.

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Noch wichtiger: Die USA selbst produzieren auf Rekordniveau. Dank Fracking hat sich die US-Ölproduktion im vergangenen Jahrzehnt mehr als verdoppelt. Erst kürzlich sind die Vereinigten Staaten zum weltgrößten Ölproduzenten aufgestiegen. Sie fördern zum ersten Mal mehr als Russland und Saudi-Arabien. Der gestiegene Ölpreis hat diese Entwicklung enorm beschleunigt. Wenn die USA den ersten Platz verteidigen wollen, müssen sie den Preis im Auge behalten.

Die Aussicht, dass die Opec-Gespräche auf eine diplomatisch motivierte Drosselung hinauslaufen könnten, quittierten die Marktteilnehmer am Donnerstag mit weiteren Kursverlusten: An der Londoner Börse gab der Preis für ein Barrel der Nordseesorte Brent zur Lieferung im Februar um mehr als vier Prozent nach. Damit sank der Preis kurzzeitig unter die Schwelle von 60 Dollar.

Wo liegt die Schmerzgrenze?

Die USA werden die Nummer eins der Welt bleiben wollen. Das setzt allerdings voraus, dass sich die Ölförderung weiter lohnt. Nicht nur für die Saudis, auch die Fracker in den USA kalkulieren scharf.

Derzeit liegt die Gewinnschwelle für die US-Produzenten bei rund 50 Dollar je Fass Öl. Als WTI im Oktober sein Jahreshoch bei knapp 77,0 Dollar erreichte, stieg die US-Produktion innerhalb weniger Wochen um eine Million Fässer pro Tag. Ähnlich schnell kann es in die andere Richtung gehen. Ende 2014 mussten Dutzende US-Ölfirmen aufgeben, weil sich die Förderung für sie nicht mehr lohnte. Erst als sich die Preise 2016 wieder erholten, fuhren die US-Schieferunternehmen ihre Produktion wieder hoch. Die Fracking-Industrie steht zwar heute deutlich robuster da als damals, die Kosten für die Technologie sind deutlich gesunken, aber es gibt eine Schmerzgrenze.

Mit der anhaltenden Verunsicherung rund um den Handelskonflikt zwischen den USA und China sowie den Sorgen um die weitere Entwicklung der Weltkonjunktur könnte der Rohölpreis bis auf 45 bis 50 Dollar je Fass fallen. Dann wird es auch für die Schieferöl-Produzenten bedrohlich. 

Trumps Rechnung ist also riskant. Wenn die Opec und ihre Partner die Geschwindigkeit des Ölpreisverfalls nicht aufhalten können, könnte der jetzige Stimulus für die US-Konjunktur durch die niedrigeren Benzinpreise gefährlich zu werden, sagt Jochen Stanzl, Chefstratege von CMC Markets, n-tv.de. Wegen der hohen Ölpreise in den vergangenen Wochen dürften die US-Fracking-Unternehmen ihre aktuelle Produktion noch gut abgesichert haben, erklärt der Experte. Doch allen "laufenden und künftigen Produktionsausweitungen droht das Aus, sollte der Preis für WTI weiter rasant fallen".

"Wendepunkt am Ölmarkt"

Börsianer treibt noch eine weitere Sorge um. Sie fürchten sich vor den Auswirkungen eines weiteren Preisverfalls bei den Hochzinsanleihen, die von der US-Fracking-Industrie im großen Stil ausgegeben wurden. Im Falle einer erneuten Pleitewelle könnten diese wie schon 2014 in Serie ausfallen. "Investoren müssten Verluste in diesen Bereichen mit Verkäufen in anderen Vermögenswerten ausgleichen, was für weitere Unruhe an den Märkten führen könnte", erklärt Stanzl. Der Markt habe den Ölpreisrutsch bis jetzt eingepreist. Bis hierhin halte er ihn als Stimulus für das Wirtschaftswachstum für gut. "Eine Fortsetzung des Preisverfalls würde aber mehr Probleme bringen, als dass es Gutes tun würde. Wir stehen also an einem Wendepunkt am Ölmarkt."

Es könnte sehr gut sein, dass Trump schon bald twittert: "Höhere Ölpreise sind gut! Hoffentlich drosselt die Opec ihre Produktion." Jetzt hängt es davon ab, was Russland zur geplanten Förderkürzung der Opec sagt. Moskau hat wissen lassen, dass aus seiner Sicht stärker gedrosselt werden müsse, um den Ölpreis zu stabilisieren. Die Opec und ihre Verbündeten setzen ihre Gespräche am Freitag fort.

Quelle: n-tv.de

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