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Flüchtlingen, die eine Ausbildung beginnen, fällt der Praxisanteil häufig leicht - hier wiegt die Sprachbarriere nicht so schwer.
Flüchtlingen, die eine Ausbildung beginnen, fällt der Praxisanteil häufig leicht - hier wiegt die Sprachbarriere nicht so schwer.(Foto: picture alliance / Andreas Arnol)
Freitag, 29. Dezember 2017

Bildungsstand von Flüchtlingen: Umfrage deckt "Wissenschaftsskandal" auf

Von der Flucht in die Arbeit, dieser Weg ist für die meisten Flüchtlinge langwierig. Jetzt gibt es repräsentative Zahlen, die über Bildungsstand und Ausbildungsmöglichkeiten Aufschluss geben. Die Ergebnisse räumen auch mit manchen Mythen auf.

Aus Befragungen unter Geflüchteten zu ihren Schul- und Berufsabschlüssen sind konkrete Zahlen hinsichtlich des Bildungsstandes von Asylsuchenden hervorgegangen. Die Einschätzungen dazu lagen in den vergangenen Jahren weit voneinander entfernt: Auf der einen Seite galten Flüchtlinge als Lösung für den Fachkräftemangel, auf der anderen Seite sollten die meisten von ihnen nicht einmal eine Schule besucht haben.

Im Sommer hatte eine Studie zur Schulbildung von Flüchtlingen großes Aufsehen erregt: Fast 60 Prozent der Asylbewerber besäßen keinen Schulabschluss, hieß es in der Untersuchung des Bundesinstituts für Berufsbildung in Bonn, das dem Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstellt ist. Der Autor war davon ausgegangen, dass Flüchtlinge, die keine Angabe zu ihrem Schulabschluss gemacht haben, auch keinen haben.

Dass diese Annahme nicht stimmen kann, betont Herbert Brücker vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Zudem ergäben repräsentative Befragungen ein ganz anderes Bild: Die Mehrzahl der Flüchtlinge habe einen Schulabschluss. Brücker bezeichnet die Studie deshalb als "Wissenschaftsskandal". Das Bundesinstitut für Berufsbildung hat inzwischen zugegeben, dass der Text zumindest "zu Missverständnissen Anlass" gab. "Aufgrund der erheblich veränderten Daten- und Informationslage haben wir den Beitrag mittlerweile aus dem Netz genommen", sagte ein Sprecher.

Welche Kenntnisse bringen Asylbewerber tatsächlich mit? Laut den Antworten einer umfangreichen Befragung von erwachsenen Flüchtlingen haben 64 Prozent einen ausländischen Schulabschluss. 35 Prozent hatten weiterführende Abschlüsse, vergleichbar mit Gymnasien oder Fachoberschulen; 25 Prozent mittlere Abschlüsse, vergleichbar mit Haupt- und Realschulen. 4 Prozent hatten sonstige Schulabschlüsse erworben, etwa an Fachschulen. Je 11 Prozent hatten nur eine Grundschule oder gar keine Schule besucht.

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Die meisten kommen ohne Berufsausbildung

Brücker gibt zu bedenken, dass viele Bildungsbiografien durch Krieg und Flucht unterbrochen wurden. Außerdem sei die Qualität der Bildungssysteme sehr unterschiedlich: "Ein Jahr Schule in Syrien ist sicher nicht vergleichbar mit einem Jahr Schule in Deutschland." Und die berufliche Qualifikation der Menschen sei deutlich geringer als die Schulbildung: Nur 12 Prozent der Geflüchteten haben demnach ein (Fach-)Hochschulstudium und 8 Prozent eine berufliche Ausbildung abgeschlossen. Weitere 8 Prozent haben ein Studium oder eine Ausbildung begonnen, aber nicht abgeschlossen. 72 Prozent verfügen über gar keine Berufs- oder Hochschulausbildung.

"Da gibt es natürlich eine unglaubliche Diskrepanz zu dem, was wir in Deutschland haben", sagt Brücker: 65 Prozent der Deutschen hätten eine abgeschlossene Berufsausbildung, etwa 21 Prozent einen Hochschulabschluss. Nur 10 Prozent hätten gar keinen Abschluss. Die meisten Flüchtlinge fänden daher bislang eher Jobs ohne formelle Qualifikationsanforderung - etwa in der Gastronomie, in Einzelhandel, Pflege, im Reinigungsgewerbe und bei Sicherheitsfirmen. "Oft finden sie auch Jobs in Unternehmen, die anderen Migranten gehören", sagt Brücker - denn dort fällt die Sprachbarriere weg.

Einige Flüchtlinge bemühen sich auch um die Anerkennung ihres Abschlusses hierzulande. Bei der zentralen Anerkennungsstelle der Industrie- und Handelskammern für ausländische Berufsabschlüsse in Nürnberg hatten Ende Oktober mehr als 1700 Syrer einen solchen Antrag gestellt, wie Geschäftsführerin Heike Klembt-Kriegel sagt. Der Schwerpunkt liege bei kaufmännischen, Elektro- und IT-Berufen. Für viele Flüchtlinge sei es jedoch schwierig, ihre Kenntnisse mit Dokumenten zu belegen. Dann werden sie von einem Experten aus ihrem Bereich auf Herz und Nieren geprüft.

Bei der IHK FOSA werden ausländische Abschlüsse anerkannt, laut Geschäftsführerin Klembt-Kriegel verläuft das Verfahren meistens positiv.
Bei der IHK FOSA werden ausländische Abschlüsse anerkannt, laut Geschäftsführerin Klembt-Kriegel verläuft das Verfahren meistens positiv.(Foto: picture alliance / dpa)

"Man muss immer schauen, was hat der Einzelne konkret gemacht?", sagt Klembt-Kriegel. "Wir haben in Deutschland ein sehr ausdifferenziertes System der Berufe - allein 350 im Kammerbereich." Die überwiegende Zahl der Verfahren ende jedoch positiv - den Flüchtlingen werde die volle Gleichwertigkeit ihres Abschlusses bescheinigt. Letztlich entscheide, was jemand könne, und nicht, was auf dem Papier stehe, sagt auch BMW-Sprecher Jochen Frey. Bei dem Autokonzern hätten inzwischen mehrere Flüchtlinge eine Berufsausbildung begonnen. "Wir haben hier sehr gute Erfahrungen gemacht, die Motivation ist sehr hoch", sagt Frey. Viele brächten handwerkliche Kenntnisse mit, die praktische Arbeit falle ihnen leicht. "Beim Berufsschulteil der Ausbildung tun sich manche aber noch schwer", sagt Frey.

Das größte Problem ist die Sprachbarriere

Diese Erfahrung machen auch die Jobcenter: Zu schlechtes Deutsch sei der Hauptgrund, warum man jungen Flüchtlingen nicht schneller eine Ausbildung vermitteln könne, sagt Alexander Pauser vom Jobcenter im oberpfälzischen Cham. Auch bei der Vermittlung eines richtigen Jobs bereitet die Sprache oft Probleme. Anton Vrkic betreut derzeit im Jobcenter Würzburg etwa 160 männliche Flüchtlinge zwischen 25 und 65 Jahren. Mit vielen kann sich der 49-Jährige kaum austauschen, weil ihr Deutsch zu schlecht ist. Seine Erfahrung: Vor allem die jungen und motivierten Zuwanderer lernen die Sprache schnell: "Das Wichtigste ist die Eigenmotivation - wenn ein Mensch die hat, ist alles möglich."

Einige Flüchtlinge wollen so schnell wie möglich Geld verdienen - egal unter welchen Bedingungen, berichten auch Hilfsorganisationen. Sie müssen den Schlepper bezahlen oder ihre Familie unterstützen. Einzelne wiederum hätten es mit der Arbeit nicht eilig. Genauso wie unter den Deutschen gibt es nach der Erfahrung von Jobvermittlern auch unter Flüchtlingen wenige, die lieber Hartz IV beziehen, als für rund 200 Euro mehr den ganzen Monat zu schuften.

Vrkic sagt, zehn von 100 Flüchtlingen könne man innerhalb des ersten Jahres in Arbeit vermitteln. Im zweiten Jahr steige die Quote auf 20 Prozent. "Dabei darf man nicht verschweigen, dass hier ganz viele kurzfristige Beschäftigungen als Helfer dabei sind. Bei der langfristigen Jobintegration stehen wir noch vor einer riesigen Herausforderung." Seine Erfahrungen decken sich mit Erhebungen des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Die Forscher halten es daher für realistisch, dass nach etwa fünf Jahren die Hälfte der Flüchtlinge erwerbstätig sein wird.

Quelle: n-tv.de