Wirtschaft

Neue Ziele für Volkswagen? VW-Chef kündigt Kurswechsel an

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"Jetzt geht es um die nächste Stufe": Schweißroboter bei der Arbeit an der Karosserie eines Golf 7.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ein Raunen geht in Wolfsburg durch die Führungsetagen: Der Chef von Europas größtem Automobilkonzern will seine Mannschaft im Herbst auf neue strategische Ziele einschwören. Winterkorn selbst spricht von der "nächsten Stufe".

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Am Erfolg des deutschen Autobaus hängt - bildlich gesprochen - der halbe deutsche Arbeitsmarkt: Martin Winterkorn (Archivbild).

(Foto: picture alliance / dpa)

Einer der einflussreichsten Unternehmenslenker Deutschlands gewährt der Öffentlichkeit Einblicke in seine Überlegungen: Volkswagen-Chef Martin Winterkorn bereitet seine Mitarbeiter der VW-Führungsebene auf eine neue Ausrichtung der Konzernstrategie vor. Nach dem Sommer will er mit den VW-Managern über neue strategische Ziele sprechen. Dabei soll es über Absatz und Rendite hinaus auch besonders um qualitative Pläne gehen, die sich nur schlecht in Zahlen messen lassen.

"Jetzt geht es um die nächste Stufe", sagte Winterkorn dem "Manager-Magazin" laut Vorabbericht. Als Beispiel nannte der Lenker des weltweit zweitgrößten Autobauers die Wünsche älterer Menschen, die Entwicklung des chinesischen Marktes und die Digitalisierung der Branche. Damit rücken bei VW offenbar Megatrends wie der demografische Faktor, kulturelle Unterschiede in Mobilität und Markenwahrnehmung und der technische Fortschritt auf dem Gebiet der vernetzten Kommunikation massiv in den Vordergrund.

Bisher verfolgt VW gemäß der eigenen Vorgaben vier Ziele, die der Konzern bis zum Jahr 2018 erreicht haben will. Zwei davon drehen sich um Rendite und Absatz, die übrigen zwei um die Attraktivität des Konzerns als Arbeitgeber sowie um Kundenzufriedenheit und Qualität. Bereits zur Bilanzpressekonferenz Mitte März in Berlin hatte Winterkorn davon gesprochen, dass der Kampf um die Spitzenposition als Weltmarktführer künftig nur noch eine untergeordnete Rolle spielen soll.

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Ein Großteil dieser 2018-Ziele sei bereits erreicht oder zumindest "haben wir alle Weichen gestellt", erklärte Winterkorn nun. Spätestens 2018 will VW gemessen am jährlichen Fahrzeugausstoß weltgrößter Autobauer sein, bisher führt der japanische Automobigigant Toyota, dicht gefolgt vom US-Konzern General Motors (GM).

Große VW-Runde in Dresden

Der Termin im Herbst geht auf konzerninterne Planungen zurück: Winterkorn will seine neue Agenda auf der nächsten großen Führungskräftekonferenz in Dresden vorstellen. Im Gespräch mit dem "Manager Magazin" nannte Winterkorn weitere Vorhaben: So will der VW-Chef seine Mitarbeiter auch auf den weiteren Wettlauf um spritsparende Antriebe einschwören. Der Münchner Premiumhersteller BMW setzt seit dem vergangenen Jahr verstärkt auf Elektro- und Hybridantriebe.

Vor diesem Hintergrund kündigte Winterkorn an, dass nun auch VW die dazu erforderlichen Leichtbau-Technologien vorantreiben will. Am VW-Standort Bratislava will der Konzern dazu sogar eine neue Fabrik bauen, in der Karosserien komplett aus dem Leichtmetall Aluminium gefertigt werden könnten. Bei dieser Fertigungstechnik gilt die VW-Premiummarke Audi als Vorreiter. Zudem hält VW zehn Prozent an SGL Carbon, einem Verbundmaterialspezialisten aus Wiesbaden, der unter anderem auch mit BMW eng zusammenarbeitet.

Die neuen strategischen Ansätze in Wolfsburg hält Autoexerte Helmut Becker insgesamt für sehr sinnvoll. Der VW-Konzern müsste sich allerdings nach Ansicht des Leiters des Münchner Instituts für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK) organisatorisch ganz anders aufstellen. Becker plädiert für regionale Verantwortungszentren in Europa, USA, China und Indien unter zentraler Führung in Wolfsburg. Die VW-Vorstände seien derzeit noch alles "Provinzler", keine "Globalisten". Insbesondere dem geplanten "Billigauto" für den indischen Massenmarkt misst der Autoexperte große Bedeutung bei.

Gemessen an den harten Kennzahlen der Branche hat Volkswagen allerdings noch einiges aufzuholen: Einer aktuellen Studie zufolge konnte der japanische Dauerrivale Toyota im Vergleich der Massenhersteller 2013 den höchsten Gewinn pro Fahrzeug erzielen. Toyota habe damit seinen Wolfsburger Wettbewerber Volkswagen weit hinter sich gelassen, hieß es.

Pro Auto blieb bei den Japanern im vergangenen Jahr 1558 Euro Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) hängen nach 707 Euro 2012, wie aus einer Studie von Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des Center Automotive Research (CAR) der Universität Duisburg-Essen, hervorgeht. Die Ebit-Marge belaufe sich damit bei Toyota auf 8,8 Prozent pro Pkw.

Nur gut 600 Euro Gewinn pro Pkw

Verzerrt werden die Zahlen zum Teil durch schwer kalkulierbare Wechselkurseffekte: Den mit 851 Euro größten Gewinnsprung pro verkauftem Fahrzeug unter den betrachteten großen Volumenherstellern begründete Dudenhöffer unter anderem mit der enormen Abwertung des japanischen Yen. Die Marke Volkswagen kam trotz neuem Verkaufsrekord dagegen lediglich auf eine Ebit-Marge von 2,9 Prozent oder 616 Euro Gewinn pro Fahrzeug.

2012 erzielte VW-Pkw noch einen durchschnittlichen Gewinn von 751 Euro je Auto. Deutlich mehr Geld bleibt für die Hersteller in den Luxus- und Oberklassesegmenten hängen. Der VW-Konzern wird vor allem durch die Erfolge von Porsche und Audi getragen, während das klassische Massengeschäft kaum Erträge erwirtschaftet, erläuterte Dudenhöffer.

Masse allein wenig profitabel

Die Marke VW eile zwar von Verkaufsrekord zu Verkaufsrekord, aber im Vergleich zu Toyota bestehe die Gefahr, dass sich VW "zu Tode" siege. Dünne Margen im Massengeschäft bei steigenden Verkaufszahlen bergen ein großes Risiko, warnte der Autoexperte. Unberücksichtig bleiben in der Studie - neben den Wechselkurseffekten - auch die teils horrenden Kosten für Rückrufaktionen und andere Folgekosten eines unzureichenden Qualitätsmanagements. "Was nützt der beste Gewinn je Auto, wenn teure Rückrufaktionen das Ganze wieder geraderücken", kommentierte Autoexperte Becker.

Die Margen-Problematik habe auch die VW-Führung erkannt, heißt es in der Studie weiter. Winterkorn hatte im März erklärt, aus dem Rennen um die Weltmarktspitze vorerst auszusteigen und stattdessen künftig wieder mehr an jedem verkauften Auto verdienen zu wollen.

An zweiter Position der gewinnträchtigsten Autobauer steht der Dudenhöffer-Studie zufolge mit 1281 (2012: 1389) Euro Chrysler. Fiat-Chrysler-Chef Sergio Marchionne habe es geschafft, aus dem Pleitekandidaten ein sprudelndes Unternehmen zu machen, erläuterte Dudenhöffer. Geholfen habe Marchionne dabei der gute US-Markt. Dritter ist in dieser Aufstellung mit einem Ebit-Gewinn je Fahrzeug von 962 (1077) Euro der südkoreanische Autobauer Hyundai.

Ferrari-Maserati an der Spitze

Der profitabelste deutsche Autobauer war der Studie zufolge 2013 Porsche mit einem Gewinn von 16.639 Euro pro verkauftem Sportwagen. Dahinter rangierten BMW-Mini mit 3390 Euro Gewinn pro verkauftem Fahrzeug, Audi (3188 Euro) und Mercedes-Smart (2558 Euro).

Bei Mercedes-Smart habe der Jahresanfang 2013 das Ergebnis verhagelt, aber seit dem zweiten Quartal habe die Marke beim Gewinn zugelegt. Das Sparprogramm und die steigenden Verkaufszahlen dürften die Ebit-Margen von Mercedes in diesem Jahr auf das Niveau der Wettbewerber Audi und BMW hieven, die 2013 auf 10,1 beziehungsweise 9,4 Prozent kamen, prognostizierte Dudenhöffer.

Insgesamt den größten Gewinn pro Fahrzeug machte laut der Studie Ferrari-Maserati mit 23.967 Euro. Allerdings betrug der Preis, zu dem diese Luxus-Sportwagen im Durchschnitt verkauft wurden, auch satte 170.639 Euro.

Quelle: ntv.de, mmo/dpa/rts

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