Wirtschaft

Winterkorn zum Handeln gezwungen "VW hat jede Menge Baustellen"

Weltgrößter Autobauer, aber Gewinnrückgang - damit füllt Volkswagen derzeit in den Schlagzeilen. Wieso Toyota die "wahre Nummer 1" ist, was der Absatzeinbruch in China für VW bedeutet und wie der Konzern nun vorgehen muss, sagt Autoexperte Helmut Becker.

Helmut Becker schreibt für ntv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt. Becker war 24 Jahre Chefvolkswirt bei BMW und leitet das "Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)". Er berät Unternehmen in automobilspezifischen Fragen.

Helmut Becker schreibt als anerkannter Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.

n-tv.de: Herr Becker, Volkswagen hat drei Jahre vor dem angepeilten Termin sein Ziel, größter Autobauer der Welt zu werden, erreicht. Im ersten Halbjahr fuhr der Wolfsburger Zwölf-Marken-Konzern an Toyota vorbei. Ist das nur eine Momentaufnahme?

Helmut Becker: Ja, das ist eine Momentaufnahme, das Jahr ist noch nicht gelaufen. Es kann noch einiges passieren, denn dieses Etappenziel weltgrößer Autobauer wurde nicht nur aus eigener Stärke heraus erreicht, sondern auch aus der Schwäche der anderen. Abgesehen davon war zudem das Ganze absehbar.

Worauf muss VW nun speziell achten? Toyota hatte ja mit Pannenserien und Qualitätsproblemen zu kämpfen.

VW mag in der Stückzahl die weltweite Nummer eins sein, bei der Rendite - und das ist die viel wichtigere Kennzahl - ist Toyota aber nach wie vor unerreicht. Dieses grundlegende Problem muss Volkswagen im Auge behalten und angehen, ohne allerdings sein eigenes hohes Qualitätsniveau zu verletzen - ein Spagat. 

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Gibt es noch weitere Baustellen bei VW?

Ja, es gibt noch jede Menge Baustellen. Zwar ist der Konzern, die jüngsten Geschäftszahlen zeigen das auch wieder, in den vergangenen Jahren gewachsen und auch schon deutlich profitabler geworden. Das ist aber die Vergangenheit. Die Zukunft gestaltet sich für den Konzern wesentlich holpriger, Ex-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch hat das kommen sehen.

Was vor allem an dem schwächelnden Absatzmarkt China liegt …

In erster Linie ja. Mehr als jedes dritte Auto des Konzerns wird dort abgesetzt, 35 Prozent des Gesamtabsatzes, um genau zu sein. Doch die zweistelligen Wachstumsraten gehören der Vergangenheit an. Der Markt ist gekippt - auch für Volkswagen. Das heißt: sinkende Verkäufe, weniger Gewinn. Analysten schätzen, dass rund eine Milliarde Euro Gewinn für VW allein in China auf der Strecke bleibt in diesem Jahr. Aber das ist nicht die einzige Baustelle.

Stichwort US-Markt?

Ja, dort bekommt VW einfach keinen Fuß auf die Highways - und das seit Jahren. Der Vorteil von VW ist dabei aber: Wo nichts ist, kann auch nichts einbrechen (lacht). Zudem gibt es noch eine dritte Baustelle innerhalb des Konzern selbst: die internen Strukturen vor allem im Pkw-Bereich. In der Lkw-Sparte sieht das bereits anders aus, da kümmert sich inzwischen Ex-Daimler Mann Andreas Rentschler. Strukturelle Kostensenkungen müssen angegangen werden. Der neue Vorstand Herbert Diess macht sich daran, der kennt sich mit automobilen Lastenheften bestens aus.

Wie zügig müssen diese Baustellen bearbeitet werden?

Wenn China weiter kippt und kein Wachstum mehr bringt, wird sich das direkt und heftig in den Konzernbilanzen niederschlagen. Die jüngsten Zahlen deuten das bereits an. Deshalb muss der Konzern schleunigst für Kompensation auf anderen Märkten sorgen. Bisher schafft er das auf dem europäischen Markt, der sich derzeit nach fünfjähriger Krise erholt. Das wird aber auf Dauer nicht reichen, zumal auch Russland und Brasilien stark schwächeln. Besser wäre daher noch ein weiterer Kompensationsmarkt. Also müsste VW sich auch besser gestern als heute um eine stärkere Position auf dem US-Markt kümmern. Der Betriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh hat das schon vor einem Jahr öffentlich beklagt, offensichtlich hat aber niemand zugehört.

Inwieweit spielt die Führungsdebatte im Konzern eine Rolle? Rund 100 Tage sind seit dem Streit Ferdinand Piëch/Martin Winterkorn vergangen.

Der Streit hat eines ganz sicher erreicht: Er hat die Probleme innerhalb des Konzerns offengelegt, wie eben die Abhängigkeit vom chinesischen Markt, die fehlende US-Präsenz oder auch die mangelnde Rendite. Die Kostenprobleme speziell bei der Kernmarke VW sind zutage getreten. Winterkorn hat reagiert, die Probleme werden von Diess angegangen. Piëch hat damit sein Hauptziel erreicht.

Zurück zur "Momentaufnahme": Ist VW auch am Jahresende noch weltgrößter Autobauer?

Ich vermute, dass der VW-Konzern auch am Ende des Jahres noch die weltweite Nummer eins sein wird. Entscheidend wird die Entwicklung in China sein. Sicher ist, dass auch Toyota von einem schwächeren chinesischen Absatzmarkt betroffen ist, aber nicht so stark wie VW. Und zum anderen: Toyota kann diese Schwäche zwar über den US-Markt besser kompensieren als VW, aber dafür ist VW als Marktführer in Europa wesentlich stärker, während Toyota hier so gut wie keine Rolle spielt. Aufs Ganze gesehen, wird es also ein enges Rennen - ähnlich wie in der Tour de France. Nur mit dem Unterschied, dass hier der gewinnt, der beim Rückwärtsfahren der Langsamste ist (lacht).

Mit Helmut Becker sprach Thomas Badtke

Quelle: ntv.de

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