Wirtschaft

Börsen-Strompreis stürzt ab Verbraucher können kaum auf sinkende Energiepreise hoffen

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Relativ hohe Temperaturen und Wind sorgten zuletzt für geringe Gasnachfrage und ein hohes Stromangebot. Schlägt das Wetter um, ändern sich auch die Verhältnisse am Energiemarkt wieder.

(Foto: picture alliance / dpa-Zentralbild)

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Sowohl für Gas als auch für Strom sinken zuletzt auf Großhandelsebene die Preise. Für die Endverbraucher steigen die Kosten dagegen weiter. Experten machen den Konsumenten wenig Hoffnung auf eine Trendwende.

Größer könnte der Gegensatz kaum sein: Um mehr als 95 Prozent stürzte der Strompreis an der Börse innerhalb weniger Wochen ab. Ende des Jahres fiel der Preis sogar erstmals seit längerer Zeit wieder in den negativen Bereich. Das heißt, Käufer wie Stromversorgungsunternehmen bekamen zeitweise Geld dazu, wenn sie Strom annahmen. Am Montag lag der aktuelle Preis an der Strombörse für Deutschland bei knapp 1,5 Cent pro Kilowattstunde. Mitte Dezember waren es noch über 40 Cent gewesen. Ein deutlicher, wenn auch nicht ganz so krasser Abwärtstrend ist auch beim Gas zu beobachten. Der als Referenz für den europäischen Markt geltende Preis für Lieferungen im kommenden Monat an der niederländischen Energiebörse sank auf rund 75 Euro pro Megawattstunde, so wenig wie seit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine nicht mehr.

Bei den Preisen für Endverbraucher zeigt sich aber ein ganz anderes Bild: Viele Versorger haben zum Jahreswechsel die Preise sowohl für Gas als auch für Strom deutlich erhöht. Die meisten Stromtarife liegen inzwischen deutlich über 40 Cent pro Kilowattstunde, manche sogar über 60 Cent. Trotz der sinkenden Preise auf der Großhandelsebene machen Experten Endverbrauchern kaum Hoffnung auf eine bald spürbare Entlastung.

"Die meisten Versorger beschaffen den Strom ihrerseits langfristig, in Tranchen über ein, zwei oder drei Jahre", erklärt Tobias Federico, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Energy Brainpool. Die Einkaufskosten ergäben sich daher je nach Beschaffungsstrategie aus mittel- oder langfristigen Durchschnittspreisen. "Kurzfristige Einbrüche schlagen sich darin ebenso wenig nieder, wie die extremen Preisspitzen, die es im Sommer an den Energiemärkten gab." Die langfristigen Beschaffungsstrategien hätten die Verbraucher im vergangenen Jahr vor den Preissprüngen an der Börse geschützt. Die andere Seite der Medaille sei nun aber, dass auch kurzfristig sinkende Preise nicht direkt weitergegeben würden.

Auch Energiemarkt-Experte Mirko Schlossarczyk, Partner bei der Energieberatungsfirma Enervis, ist nicht überrascht, dass viele Versorger ihre Preise zum Jahreswechsel erhöhen, trotz der Entspannung an den Energiebörsen. "Unseren Berechnungen zufolge dürften die Preise oberhalb der 40-Cent-Schwelle jetzt etwa den Beschaffungskosten der Versorger entsprechen." Dass es einzelne schwarze Schafe in der Branche gebe, die versuchen, im Zuge der allgemeinen Preiserhöhungswelle ihre Margen auf Kosten der Verbraucher und im Rahmen der Strompreisbremse auf Staatskosten zu erhöhen, sei zwar nicht ausgeschlossen, so Schlossarczyk. Der Großteil der jüngsten Preiserhöhungen dürfte aber gerechtfertigt sein. Das Kartellamt hat bereits angekündigt, die Preiserhöhungen zu prüfen, um zu verhindern, dass Strom- oder Gasanbieter mithilfe der Preisbremsen abkassieren.

Dunkelflaute kann Preise jederzeit wieder nach oben treiben

Schlossarczyk verweist zudem darauf, dass die Beschaffungskosten nur einen Teil des Strompreises ausmachten, den die Versorgungsunternehmen an die Endverbraucher weitergeben. Unter den sonstigen Kosten, Steuern und Umlagen, die etwa die Hälfte des Endverbraucherpreises ausmachten, seien vor allem die Entgelte der Netzbetreiber zuletzt erheblich gestiegen.

Ob die Großhandelspreise langfristig weiter sinken, sodass mittelfristig auch die Verbraucher eine Entlastung spüren könnten, hängt maßgeblich vom Wetter ab. Das Wetter, in diesem Fall viel Wind während der Ferienzeit am Jahresende mit wenig Energienachfrage, hatte auch zu dem kurzfristigen Überangebot an Strom und dem jüngsten Preissturz an der Börse geführt. "Eine längere Dunkelflaute kann die Preise jederzeit schnell wieder in die andere Richtung bewegen", sagt Schlossarczyk.

Auch die sinkenden Gaspreise im Großhandel sind weitgehend dem Wetter zu verdanken. Weniger Heizbedarf aufgrund der hohen Temperaturen und weniger Bedarf an Gaskraftwerken zur Stromerzeugung erlaubten zuletzt, dass wieder mehr Gas eingespeichert wurde. Dass Erdgas in Deutschland knapp werden könnte, ist zumindest für diesen Winter unwahrscheinlich geworden. Für die nächste Heizsaison ist das allerdings keineswegs gesichert.

Der Gaspreis dürfte ohnehin langfristig deutlich höher bleiben, als es vor dem Krieg in der Ukraine der Fall war. "Flüssiggas, das in den kommenden Jahren das per Pipeline gelieferte russische ersetzen soll, ist einfach deutlich teurer", sagt Schlossarczyk. Dazu komme, dass Deutschland als Käufer mit anderen Ländern auf dem Weltmarkt um das auf dem Seeweg transportierbare Gas konkurriere. Sollte etwa die Konjunktur in China nach der aktuellen Corona-Welle wieder anspringen, dürfte auch die dortige Nachfrage nach Erdgas und damit der Flüssiggaspreis wieder in die Höhe schnellen.

Quelle: ntv.de

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