Wirtschaft

Schon die Größe macht Angst Wie gefährlich ist der Finanzriese Blackrock?

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Blackrock bewegt Kurse - weltweit.

(Foto: REUTERS)

BMW, Daimler, Eon, RWE, Bayer, BASF und SAP - sie sind nicht nur alle im Dax notiert. Sie haben auch noch etwas gemeinsam: einen Großaktionär namens Blackrock. Der weltgrößte Vermögensverwalter ist der "neue Großeigentümer der Deutschland AG", sagt die Wirtschaftsjournalistin Heike Buchter. Große Pensionskassen und Staatsfonds weltweit vertrauen ihm Milliarden-Summen an. Insgesamt sind es 4,7 Billionen Dollar, die der Finanzriese verwaltet. Das ist mehr als alle in Deutschland produzierten Produkte und Dienstleistungen im vergangenen Jahr zusammen. Oder rund viermal so viel, wie alle 30 Dax-Konzerne zusammen wert sind. Sogar Zentralbanken - auch die EZB höchstselbst - vertrauen auf den Rat von Blackrock. Ist das noch ein Finanzverwalter oder schon viel mehr? Die Größe und der Einfluss bergen extreme Gefahren für die Finanzmärkte, warnt Buchter in ihrem Buch "Blackrock - Eine heimliche Weltmacht greift nach unserem Geld".

n-tv.de: Sie haben fast 300 Seiten über ein Unternehmen geschrieben, das selbst viele Anleger nicht kennen. Wer oder was ist Blackrock?

Heike Buchter: Blackrock als weltgrößten Vermögensverwalter zu bezeichnen, reicht nicht. Es sagt wenig über seine Größe oder tatsächlichen Einfluss aus. Es ist ungefähr so, als würden Sie sagen, die Pyramiden seien ein Haufen Grabsteine. Das wird der Sache nicht gerecht. Lassen Sie es mich mit einem Vergleich veranschaulichen: Der New Yorker Konzern verwaltet inzwischen 4,7 Billionen Dollar. Das ist knapp eine Billion Dollar mehr als das deutsche Bruttoinlandsprodukt. Und ich meine Billionen mit einem B. Insgesamt laufen über Blackrocks IT-Plattformen 14 Billionen Dollar. Das nenne ich Macht.

Wer steht hinter Blackrock?

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Blackrock-Gründer Larry Fink hat dazugelernt.

(Foto: REUTERS)

Blackrock wurde von Larry Fink und sieben weiteren Wall Street-Leuten 1988 gegründet. Angefangen hat das Ganze im Hinterzimmer einer Private Equity Firma. Fink und Co. nutzten die Finanzkrise, um daraus einen Konzern zu zimmern, den es in dieser Form und mit dieser Reichweite nie zuvor gegeben hat. 1999 brachten sie das Unternehmen an die Börse.

Warum ist Blackrock gefährlich?

Blackrock weist so etwas immer weit von sich. Glaubt man Fink, geht von dem Konzern so wenig Gefahr aus, wie von Sparbüchern einer Volksbank. Schließlich verwaltet Blackrock ja nur Geld im Auftrag von Kunden. Es ist richtig: Blackrock ist keine Bank, nutzt in diesem Sinne auch keinen Kredithebel. Aber die großen Vermögensverwalter wie Blackrock können nach Ansicht von Experten durchaus systemrelevante Gefahren auslösen wie etwa einen Fire Sale. So nennt man Panikverkäufe, die weitere Verkaufswellen auslösen. Bei den Regulierern, aber auch bei anderen Marktteilnehmern wächst seit geraumer Zeit die Unruhe – auch weil mit zunehmender Größe das Risiko wächst, dass Großanleger stranden wie Wale in einer Badewanne.

Systemrelevanz ist eine Bezeichnung, die von Finanzregulierern für Banken erfunden wurde. Blackrock ist keine Bank. Sie bezeichnen das Unternehmen trotzdem als systemrelevant?

Ist ein Konzern, der in so gut wie allen Regionen der Welt Anteile an den wichtigsten Unternehmen hält, der mehr Kapital bewegt, als manche Industrienation im Jahr erwirtschaftet und dessen Analysen die größten Investoren der Welt beeinflussen – ist ein solcher Konzern systemrelevant?

Die Finanzbranche ist nach der Häuser- und Finanzkrise reglementiert worden. Ist das an Blackrock spurlos vorüber gegangen?

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Nach dem Debakel 2008 haben sich Öffentlichkeit, Politik und Aufsicht zunächst um die Banken gekümmert - zu Recht, denn da lag der Ursprung der Krise. Die Banken sind geschrumpft, teils wegen der Verluste, teils wegen strengerer Auflagen. Doch in die Lücke sind neue Institutionen gesprungen. Die Schattenbanken litten zwar zunächst auch unter der Finanzkrise, doch sie haben sich inzwischen nicht nur erholt, sondern haben unter anderem in den USA den offiziellen Bankensektor überholt. Die Entwicklung ist auch den Regulierern nicht entgangen, aber es gibt bisher wenig Erfahrungswerte für diese neuen Finanzmärkte. Eine der konkreteren Ideen bisher war, auch große Nichtbanken einfach wegen ihrer Größe als systemrelevant einzustufen. Dagegen haben sich unter anderem die Allianz und Blackrock vehement gewehrt – schließlich haben die Aufseher ja bisher keinen Beweis, dass Größe allein problematisch ist. So ist diese Idee jetzt erst einmal vom Tisch.

Sie sagen, Blackrock habe zu viel Einfluss - auch auf Regierungen. Auf welche Regierung hat das Unternehmen zum Beispiel Einfluss genommen hat und mit welchem Ziel?

Blackrock betreibt das übliche Lobbying in Washington, um seine Interessen zu schützen. Das ist klar. Was Blackrock auszeichnet, ist sein einzigartiger Zugang zu Notenbankern und Finanzministerien, den sich Fink während der Krisen 2008 in den USA und 2011 in Europa gesichert hat. Blackrock hat Aufträge der Fed, von den öffentlich-rechtlichen Hypothekenaufkäufern Fannie und Freddie und auch vom US-Finanzministerium bekommen. Später war Blackrock für die irische Zentralbank und danach praktisch für alle wichtigen Notenbanken der Eurozone tätig. Die New Yorker prüften unter anderem griechische Banken im Auftrag der dortigen Zentralbank und spielten mit ihrem Bericht auch eine wichtige Rolle im Tauziehen zwischen Athen und seinen Gläubigern. Auch für die EZB ist Blackrock tätig.

Es ist legitim, dass Blackrock als Eigentümer auf Unternehmen Einfluss ausübt. Was ist schlecht daran?

Blackrock ist der neue Großeigentümer der Deutschland AG. Aber das eigentliche Problem von Blackrock ist nicht, dass die New Yorker die Geschicke der deutschen Unternehmen auf Tagesgeschäftbasis diktieren. Das Problem von Blackrock und den anderen immer größer werdenden Vermögensverwaltern ist im Gegenteil, dass sie gar nicht genug Manpower haben, um sich wirklich um unsere Unternehmen zu kümmern. Da geht es um Tausende Unternehmen weltweit! Im Verhältnis zu seinen deutschen Unternehmen ist Blackrock wie ein New Yorker Immobilienmogul, der sich müht, seine Besitzungen in Übersee so profitabel wie möglich zu managen. Passt das Haus nicht mehr ins Portfolio oder braucht gar aufwendige Renovierungen, wird es abgestoßen. Im schlimmsten Fall an ein Abbruchunternehmen oder eine Private Equity Heuschrecke.

Ist irgendjemand schon zu Schaden gekommen durch Blackrock? Gibt es irgendwelche Skandale? Oder ist Ihre Warnung rein prophylaktisch?

Ein prominentes Beispiel dafür, dass Blackrock trotz seiner Risikoanalysen und seiner Expertise, die sie ständig betonen, durchaus dicke Fehler macht, ist der Peter Stuyvesant Deal. Die New Yorker Wohnanlage hatte Blackrock zusammen mit Partnern 2006 ausgerechnet auf dem Höhepunkt der Immobilienblase für fünf Milliarden Dollar gekauft. Anfang 2010 platzte das Ganze und Blackrock zog sich zurück. Zu den Kunden, denen Blackrock zur Teilnahme geraten hatte, gehörte die Pensionskasse Calpers, verantwortlich für die Altersvorsorge der öffentlichen Angestellten des Bundesstaates Kalifornien. Calpers verlor 500 Millionen Dollar durch das Stuyvesant-Debakel. Bitter ist das Ganze auch für die Bewohner der Anlage, oft ältere New Yorker, die auf noch bezahlbaren Wohnraum angewiesen sind. Sie leben seither in ständiger Sorge, womöglich ihre Wohnung zu verlieren.

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Kaum einer weiß, dass auch iShares zum Blackrock-Imperium gehört. 2014 erreichte das in iShares angelegte Kapital über 1 Billion Dollar.

(Foto: REUTERS)

Blackrock führt sogenannte "iShares". Was diese ETFs auszeichnet, ist, dass sie nicht synthetisch, sondern physisch unterlegt sind. Diese gelten als total sicher. Ist das nicht gut?

ETFs gelten als die beste Erfindung an der Wall Street seit, nun ja, seit der Erfindung der Hypothekenpapiere. Selten hat ein Produkt der Finanzingenieure innerhalb derartig kurzer Zeit so viel Kapital angezogen – fast drei Billionen Dollar. Für Anleger bedeuten die börsennotierten Indexfonds sicher eine Demokratisierung der Börse. Aber auf das Finanzsystem bezogen, ergeben sich durch den rapiden Zuwachs neue Risiken. Man muss sich klar machen, dass es sich um Derivate handelt, die auf einem reibungslosen Markt basieren. Vergangenen Montag hatten wir einen Einbruch um 1000 Punkte im Dow Jones Index innerhalb weniger Minuten nach der Eröffnung der Wall Street. Weil viele Aktien vom Handel ausgesetzt waren, konnten auch die Kurse für die ETFs nicht kalkuliert werden. Einzelne der Indexfonds stürzten über 30 Prozent ab – und teilweise weit unter den Wert der unterliegenden Aktien. Man mag einwenden, die ETFs seien Opfer des Crashs gewesen, aber der Einbruch zeigt, dass es hier Risiken gibt. Es war übrigens nicht das erste Mal: Vor fünf Jahren beim Flash Crash waren es ebenfalls vor allem ETFs, die von dem Absturz betroffen waren.

Hat Blackrock-Gründer Larry Fink nichts aus dem Hyptheken-Crash und dem Fiasko bei seinem früheren Arbeitgeber, der Bank First Boston gelernt?

ETFs - Exchange Traded Fonds

ETFs sind eine preiswerte und transparente Alternative zu gemanagten Fonds. Grundsätzlich versuchen ETFs die Wertentwicklung von Indizes abzubilden. Das könnten Aktienindizes wie der Dax, aber auch Renten-, Rohstoff- oder Strategiebarometer sein. Auf diesem Weg sollen die Vorteile von Fonds wie etwa die breite Risikostreuung mit niedrigen Kosten verbunden werden. Doch Anleger partizipieren nicht nur bei steigenden Kursen annähernd 1:1 am Index, auch bei Kursrückgängen sind sie voll dabei - der Schutz eines aktiv gemanagten Fonds entfällt.

Fink ist einer der wenigen an der Wall Street, der aus seinen Fehlern gelernt hat. Blackrocks Geschäftsidee war es, die großen Anleger mit den richtigen Werkzeugen zum Risikomanagement und zur Bewertung zu versorgen. Die Idee kam zum idealen Zeitpunkt: Die Finanzkrise ließ Investoren und Regierungen nach genau solchen Instrumenten praktisch flehen. Und Fink ist es gelungen, mit dieser Erkenntnis ein Imperium in nur drei Jahrzehnten aufzuziehen.

Warum kennt kaum einer Blackrock? Gehört "Unbekanntheit" zur Strategie des Konzerns?

Für Blackrock birgt Aufmerksamkeit und Rampenlicht die Gefahr, dass Regulierer und Politiker aufmerksamer werden. Daran können Larry Fink und Co. kein Interesse haben.

Mit Heike Buchter sprach Diana Dittmer

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Quelle: n-tv.de