Wirtschaft

Kompliziertes Weihnachtsgeschäft Papiernot? Bücher gibt es trotzdem - noch

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Die Papiernot könnte mittelfristig auch für den Buchhandel zum Problem werden.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Papier ist derzeit Mangelware, den Supermärkten gehen die Papiertüten aus, Verpackungsmaterial wird teurer. Ein Grund ist die Corona-Krise. Ist wegen der Papiernot jetzt sogar ein beliebtes Weihnachtsgeschenk in Gefahr?

Für den Buchhandel sind die Monate November und Dezember die wichtigsten im ganzen Jahr. Die Branche verdient in der Vorweihnachtszeit rund ein Viertel ihres Jahresumsatzes, weil Bücher das drittbeliebteste Geschenk unter dem Weihnachtsbaum sind. Doch in diesem Jahr gibt es ein Problem: Die Papierpreise sind ins Unermessliche gestiegen. Viele Verlage befürchten, dass die Druckerpressen bald gestoppt werden müssen und ihnen die Bücher für das Feiertagsgeschäft ausgehen.

Zum Beispiel ist Altpapier im Großhandel im September gegenüber dem Vorjahresmonat um 222 Prozent teurer geworden. Auch die Einfuhrpreise für Altpapier und Zellstoff, ein wichtiger Rohstoff in der Papierherstellung, sind um knapp 75 beziehungsweise 46 Prozent gestiegen, meldet das Statistische Bundesamt.

Eine Papierkrise in Deutschland? Nicht ganz, schränkt Andreas Geiger, Sprecher des Branchenverbands "Die Papierindustrie" im ntv-Podcast "Wieder was gelernt" ein. "Davon zu sprechen, wäre etwas sehr hoch gegriffen." Es gebe derzeit "vereinzelt Lieferengpässe bei Druckpapier", gibt er zu. Nach den Lockdowns sei "eine große Nachfrage nach Printwerbung entstanden, vor allen Dingen im Bereich der Hauswurfsendungen".

Der Einzelhandel will die Verbraucher mit seiner Werbung in die Geschäfte lotsen, um das Geld reinzuholen, das durch Lockdowns und Shutdowns während der Corona-Krise verloren gegangen ist. "Diese plötzliche Nachfrage trifft auf beschränkte Produktionskapazitäten, die in den vergangenen Jahren immer weiter heruntergefahren wurden", sagt Papierexperte Geiger. Durch die Digitalisierung sei die Nachfrage nach Papier immer weiter nach unten gegangen.

Lieferengpässe bei Verlagen

Mittlerweile fehlen vor allem Papierfabriken, die sogenanntes grafisches Papier zum Bedrucken, Beschreiben und Kopieren herstellen können. In den vergangenen zehn Jahren ist die Produktion in Deutschland laut Statischem Bundesamt um fast ein Drittel gesunken - von etwa 6,6 Millionen Tonnen im Jahr 2010 auf 4,5 Millionen Tonnen im Jahr 2020.

Zudem schlägt die Zeitungskrise durch: Da die Zeitungsverlage immer weniger Leserinnen und Leser finden, reduzieren sie ihre Printauflagen. Dadurch sinkt wiederum die Produktion von Zeitungsdruckpapier, im Vergleich zu 2010 ist sie um fast die Hälfte zurückgegangen. Zeitungspapier, das in der Regel im Altpapier landet, fehlt jetzt aber für die Wiederverwertung.

Druckereien geraten wegen der steigenden Papierpreise zunehmend unter Druck, sagt der Bundesverband Druck und Medien (BVDM). Bei Verlagen ohne langfristige Lieferverträge entstehen zwangsläufig Lieferengpässe. Kurzfristige Nachdrucke seien schwieriger geworden wegen deutlich längerer Vorlaufzeiten, hieß es zuletzt etwa vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels.

"Keine größeren Beeinträchtigungen im Weihnachtsgeschäft"

"Wir gehen davon aus, dass sich die Lage in absehbarer Zeit auch wieder beruhigen wird, dass also die Nachfrage sich auf den langjährigen Trend einpendeln und damit auch wieder im Gleichgewicht mit dem Angebot sein wird", ist "Papierindustrie"-Sprecher Geiger optimistisch, dass sich die Situation bald bessern wird. "Aber eins ist klar, die Hersteller stehen derzeit unter einem enormen Kostendruck. Vor allen Dingen, was die Preise für Altpapier und Zellstoff, aber auch für Energie angeht. Und diese Kostensituation wird sich natürlich in den Preisverhandlungen niederschlagen."

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Warum wäre ein Waffenstillstand für Wladimir Putin vermutlich nur eine Pause? Warum fürchtet die NATO die Suwalki-Lücke? Wieso hat Russland wieder iPhones? Mit welchen kleinen Verhaltensänderungen kann man 15 Prozent Energie sparen? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

Alle Folgen finden Sie in der ntv-App, bei Audio Now, Apple Podcasts und Spotify. "Wieder was gelernt" ist auch bei Amazon Music und Google Podcasts verfügbar. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden.

Kann diese Verkettung unterschiedlicher Umstände dazu führen, dass in letzter Konsequenz weniger Bücher unter den Weihnachtsbäumen liegen? In der Theorie ja. Wahrscheinlich ist das aber nicht.

So erwartet der Börsenverein des Deutschen Buchhandels mittelfristig Preissteigerungen und Lieferprobleme, jedoch noch nicht für das Weihnachtsgeschäft. "Wir gehen davon aus, dass es aufgrund der Situation auf dem Papiermarkt zu keinen größeren Beeinträchtigungen kommt - weder bei den Preisen noch bei der Lieferbarkeit", teilt Sprecher Thomas Koch auf ntv.de-Anfrage mit.

Deutsche Papierindustrie hat sich gewandelt

Auch Andreas Geiger vom Branchenverband "Die Papierindustrie" ist vorsichtig optimistisch. "Da die Krise ganz Europa betrifft, wird es wohl die eine oder andere Situation geben, in der die Verlage auch Schwierigkeiten haben, ausreichend Papier für ihre Bestseller zu bekommen", sagt er im "Wieder was gelernt"-Podcast. Der Endverbraucher werde von diesen Problemen aber nicht viel mitbekommen.

Im nächsten Jahr allerdings schon. Das sei die logische Konsequenz der Digitalisierung, erklärt Geiger. Der Papierverbrauch werde generell eher weiter sinken als steigen. Dann könnten nicht plötzlich mehr Bücher für das Weihnachtsgeschäft gedruckt werden, sagt der Verbandssprecher. "Was an Produktionskapazitäten weggefallen ist, wird nicht wiederkommen, weil der Verbrauch an Papieren langfristig weiter sinken wird. Mittlerweile ist es so, dass fast zwei Drittel der Papierproduktion in Deutschland aus Verpackungspapier besteht und nur noch knapp ein Drittel für die Herstellung von Papieren genutzt wird."

Die deutsche Papierindustrie ist zwar eine der größten der Welt, sie hat sich in den vergangenen Jahren aber umorientiert - weg von der Produktion grafischer Papiere hin zu Verpackungspapieren und -pappen. Die braucht der boomende Onlinehandel, um seine Artikel einzupacken und zu verschicken. Ein online gekauftes Buch landet schließlich auch nicht unverpackt im Briefkasten.

Quelle: ntv.de

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