Marktberichte

Angst vor geldpolitischer Wende Dax ackert gegen Gerüchte an

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Ein Traktor zieht in der Ferne seine Runden.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der deutsche Aktienmarkt macht Boden gut, aber für ein Plus reicht es nicht. Spekulationen über eine Drosselung der Billiggeldflut der EZB verderben die Lust auf Aktien. Positive US-Daten ziehen aber die Wall Street nach oben.

Der deutsche Aktienmarkt hat Mittwochnachmittag anfängliche Verluste größtenteils wieder wett gemacht. Am Nachmittag überzeugte der ISM-Index für den US-Servicesektor, dessen Beschäftigungskomponente in die Höhe schoss. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit einer Leitzinsanhebung in den USA in diesem Jahr. Der Dollar legte in Folge zum Euro zu.

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Davon profitieren auch die Aktien in Europa, der Dax notierte bei Handelsschluss nur noch 0,3 Prozent niedriger bei 10.585 Punkten. Der Euro-Stoxx-50 schloss nahezu unverändert.

Für Zurückhaltung hatte am Morgen eine Meldung von Bloomberg gesorgt, wonach die EZB ein schrittweises Zurückfahren ihrer Anleihekäufe noch vor ihrem geplanten Ende im März 2017 erwägen soll.

Würde die EZB ihre Anleihekäufe zurückfahren, würde sich das Umfeld für Anleihen und Aktien gravierend ändern. Dies war auch deutlich bei den Anleihen zu erkennen, die klar unter Abgabedruck standen. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen lag mit minus 0,02 Prozent zwar noch immer im negativen Bereich. Allerdings war die Verzinsung am Vortag mit minus 0,09 Prozent noch deutlich darunter. Ein Notenbank-Sprecher hatte den Bloombergbericht am Vorabend dementiert. Offenbar wollten die Finanzmarktteilnehmer das aber erst nicht glauben.

"Die EZB könnte tatsächlich drosseln und etwas Neues versuchen, da die Ankäufe an ihre Grenzen stoßen", sagte Stratege Jochen Stanzl von CMC Markets. "Die Kritik aus der Bundesregierung scheint bei der EZB gefruchtet zu haben." Anleger begännen, eine sich abzeichnende Änderung der Geldpolitik der großen Notenbanken der Welt wahrzunehmen, erklärte Analyst Chris Weston vom Broker IG die Nervosität. Gleichzeitig beschwichtigten jedoch auch Marktbeobachter: So wies die Devisen-Expertin Thu Lan Nguyen von der Commerzbank etwa darauf hin, dass allgemein ohnehin nicht mit einem abrupten Ende gerechnet werde.

Die Bundesbank warnt schon länger vor gefährlichen Nebenwirkungen einer zu lang anhaltenden Phase niedriger Zinsen, auch aus der Politik kommen zunehmend kritische Stimmen. Sparkassen und andere Banken beklagen, dass ihnen im Zinsgeschäft die Erträge wegbrechen. Einige Fachleute befürchten zudem Preisblasen am Aktien- und Immobilienmarkt.

Die anderen Börsenbarometer zeigten im Zeichen der EZB-Spekulationen ebenfalls nach Süden. Der Index der mittelgroßen Unternehmen MDax notierte 0,5 Prozent niedriger bei 21.570 Punkten, der Technologiewerte-Index TecDax fiel um 0,5 Prozent auf 1809 Zähler.

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Auf der Unternehmensseite blieben Banken das Gesprächsthema: Die Commerzbank-Aktien verbilligten sich um 0,1 Prozent. Analysten äußerten sich zwar positiv zu den Umbauplänen des Konzerns, verwiesen aber auch auf die lange Dauer, bis die Früchte geerntet werden könnten.

Die Anteilsscheine der Deutschen Bank schlugen sich mit plus 2,7 Prozent deutlich besser. Ein Händler verwies auf die weiter bestehende Hoffnung auf eine günstige Einigung mit der US-Justiz auf eine Strafzahlung wegen umstrittener Hypothekengeschäfte. Das Geldhaus könnte laut "Platow-Brief" Streit mit einer Strafe von maximal fünf Milliarden Dollar beilegen. "Jeder Euro, den die Bank weniger zahlen muss, tut gut", sagte ein Händler. Bei einer geringeren Strafe könnten Hoffnungen aufkeimen, dass die Bank die Zahlungen vielleicht sogar ohne Kapitalerhöhung schaffen könnte.

RWE blieben unter Abgabedruck und büßten 3,6 Prozent ein. Im Handel hieß es, dass die Verkäufe im Zusammenhang mit dem anstehenden Börsengang von Innogy am Freitag stehen könnten. Möglicherweise machten einige Anleger Platz in ihren Portfolios. Auch werde befürchtet, dass sich Kommunen von weiteren RWE-Stücken trennen könnten. Für diese hat das RWE-Papier mit dem Ausfall der Dividende stark an Attraktivität verloren. Die RWE-Aktie sei auf dem aktuellen Niveau noch immer zu teuer, sagt ein Händler.

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Die Aktie der Lufthansa verloren 0,6 Prozent auf 9,65 Euro. Das Papier gehört zu den großen Dax-Verlierern des Jahres. Seit Jahresbeginn hat es bereits ein Drittel an Wert eingebüßt. Damit schwindet die Marktkapitalisierung und mit ihr eine von zwei wichtigen Kennziffern für die Indexzugehörigkeit. In der September-Rangliste der Deutschen Börse könnte die Aktie noch einen ausreichenden Platz einnehmen, weil die Aktie erst die letzten Tage des Monats unter Druck geraten war. Sollte die Aktie allerdings im Oktober weiterhin unter 10 Euro handeln, könnte es knapp werden - der Fast-Exit per Dezember droht.

Aussichtsreichster Aufrückerkandidat wären Deutsche Wohnen, damit könnte neben Vonovia ein zweites Unternehmen aus der Immobilienbrache in den Dax aufsteigen.

Im Mittwochshandel gaben die Immobilienwerte deutlich stärker als der Gesamtmarkt nach. Auch hier wurde im Handel auf die EZB-Spekulationen verwiesen. Der damit verbundene Rendite-Anstieg wäre eine negative Nachricht für den Immobiliensektor, einem der Profiteure der extrem lockeren Geldpolitik der Zentralbanken. Vonovia verloren 2,7 Prozent, LEG Immobilien 3,1 Prozent, Deutsche Wohnen fielen 4,3 Prozent und Ado Properties reduzierten sich um 4,5 Prozent.

Air Berlin kletterten derweil um 5,1 Prozent. Pläne für ein gemeinsames Touristikgeschäft mit der Ferienflug-Linie Tuifly konkretisieren sich.

Wall Street: Es hagelt Daten

Anleger an der Wall Street hatten jede Menge Konjunkturdaten zu verdauen. Den Anfang machten die Arbeitsmarktdaten des privaten Dienstleisters ADP. Aus ihnen ging hervor, dass US-Unternehmen im September weniger Stellen geschaffen haben als erwartet.

"Das Jobwachstum ist in den letzten Monaten langsamer geworden, aber nur, weil sich die Wirtschaft der Vollbeschäftigung nähert", sagte Chefökonom Mark Zandi von Moody's Analytics. Am Aktienmarkt setze sich ein moderater Optimismus durch, denn die ADP-Daten schrieen nicht unbedingt nach Zinserhöhung, hieß es.

Der Dow-Jones-Index schloss mit 0,6 Prozent im Plus bei 18.281 Punkten. Der S&P-500 gewann 0,4 Prozent und der Nasdaq-Composite 0,5 Prozent.

Gekauft wurden vor allem Aktien der Energiebranche, die im Windschatten des Ölpreises zulegten. Gefragt waren aber auch Finanzwerte. Sie profitierten von steigenden Anleiherenditen.

Deutlich verbessert haben sich im September die Geschäfte der US-Dienstleister. Der Index für die Service-Branche stieg überraschend auf 57,1 Punkte, nach 51,4 Zählern im August, wie das Institute for Supply Management (ISM) mitteilte. Das ist das höchste Niveau seit Oktober 2015. Der monatliche Zuwachs ist zugleich der stärkste seit Februar 2011. Experten hatten lediglich mit einem Anstieg auf 53,0 Zähler gerechnet.

Die Rohöllagerbestände in den USA verringerten sich dagegen entgegen den Prognosen der Analysten. Die Lagerbestände fielen nach Angaben der staatlichen Energy Information Administration (EIA) um 2,976 Millionen Barrel gegenüber der Vorwoche. Analysten hatten einen Anstieg um 1,5 Millionen erwartet. In der Vorwoche hatten sich die Lagerbestände um 1,9 Millionen Barrel verringert.

Bei den bereits am Vortag veröffentlichten Daten des privaten American Petroleum Institute (API) war mit 7,6 Millionen Barrel ebenfalls eine starke Abnahme registriert worden.

"Der ADP-Bericht am Mittwoch und die Arbeitsmarktdaten am Freitag dürften die Zinsspekulationen weiter entfachen", sagte Chefmarktstratege Colin Cieszynski von CMC Markets. Zuletzt hatten zwei Vertreter der US-Notenbank ganz klar für baldige Zinserhöhungen noch im laufenden Jahr plädiert - darunter Jeffrey Lacker aus Richmond. Dieser könnte nachlegen, denn er wird sich gegen Mittag US-Ostküstenzeit erneut zu Wort melden.

Asien: EZB und Hitachi

Die Aktienmärkte in Fernost hatten am Morgen im Bann des Berichts über geringere Anleihenkäufe der Europäischen Zentralbank gestanden. Der MSCI-Index für asiatische Aktien außerhalb Japans verlor 0,3 Prozent.

In Tokio hob dagegen ein schwächerer Yen die Stimmung. Kursverluste der heimischen Währung verbessern die Exportchancen japanischer Unternehmen. Der Nikkei-Index legte um 0,5 Prozent auf 16.819 Punkte zu.

Für Aufsehen in Tokio sorgte ein Bericht, wonach der Elektrotechnik- und Maschinenbaukonzern Hitachi sich unter anderem vom Werkzeughersteller Hitachi Koki trennen könnte. Hitachi-Aktien legten mehr als sechs Prozent zu. Die Papiere von Hitachi Koki gewannen mehr als zehn Prozent.

Britisches Pfund / Dollar
Britisches Pfund / Dollar 1,24

In Hongkong notierte der Markt ebenfalls etwas fester. Vor allem die Kurse von Energiekonzernen legten im Sog des anziehenden Ölpreises zu. Insgesamt blieb der Handel aber dünn. In China sind die Börsen in dieser Woche wegen Feiertagen geschlossen.

Devisen: Pfund bricht erneut ein

Die Eurorally zum Dollar nach Spekulationen, die Europäische Zentralbank (EZB) könnte das Anleihekaufprogramm nicht verlängern und selbiges möglicherweise sogar schon bald zurückfahren, kam zum Stillstand. Die Gemeinschaftswährung kostete mit gut 1,12 Dollar ungefähr so viel wie am Vorabend, aber deutlich mehr als zum Vortagestief bei rund 1,1140 Dollar.

Das britische Pfund weitete die historischen Kursverluste zunächst aus, stabilisierte sich dann aber auf niedrigem Niveau. Zum Dollar war Sterling erstmals seit mehr als 30 Jahren unter 1,27 gefallen, am Abend handelte die britische Währung bei rund 1,2750 Dollar dank eines besser als erwartet ausgefallenen Einkaufsmanagerindexes für den Servicesektor.

Die Sorgen wegen eines möglicherweise "harten Brexit" mit einem eingeschränkten Zugang zum EU-Binnenmarkt belasteten die britische Währung aber weiterhin. Der Brexit-Verhandlungsführer des Europaparlaments, Guy Verhofstadt, zeigte sich im Streit um die Freizügigkeit für EU-Bürger in Großbritannien nach einem EU-Austritt unnachgiebig. Die Grundwerte der EU seien "niemals verhandelbar", sagte der belgische Liberale. Sollte Großbritannien die Arbeitsmigrationen tatsächlich einschränken, drohten Beschränkungen beim Zugang zum EU-Binnenmarkt, so die Furcht im Devisenhandel.

Rohstoffe: Ölpreis legt zu

Der Goldpreis reagierte auf die Meldung über ein Zurückfahren der Anleihekäufe durch die EZB besonders stark. Er war am Vortag bereits um 3,3 Prozent auf 1270 Dollar gefallen. Wegen der Spekulationen gab er noch weiter auf 1268 Dollar nach. Die Aktien der in London gelisteten Goldproduzenten Randgold (-4 Prozent) und Fresnillo (-3,2 Prozent) fielen im Sog der Goldpreisebaisse ebenfalls deutlich. "Die Goldminenbetreiber sind wegen der Schwäche der Preise für Gold und Silber unter Druck geraten", sagt Michael Hewson, Chefanalyst von CMC Markets.

Die Ölpreise setzten ihren Höhenflug fort, angetrieben von einem neuerlichen Rückgang der US-Ölvorräte. US-Leichtöl der Sorte WTI verteuerte sich um 2,3 Prozent auf 49,83 Dollar, die global gehandelte Ölsorte Brent setzte sich immer deutlicher von der 50-Dollarmarke nach oben ab.

Quelle: ntv.de, ddi/fma/DJ/rts