Marktberichte

2000 Punkte seit September Dax bricht mit Lockdown-Pessimismus ein

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Am Aktienmarkt überwiegen die tiefroten Vorzeichen.

(Foto: dpa)

Deutschland fährt im Kampf gegen Corona weite Teile des Kultur- und Freizeitbereiches wieder herunter. In der Wirtschaft bricht sich die Sorge um die Konjunktur Bahn. Anleger verkaufen massiv Papiere. Die Talfahrt am Aktienmarkt nimmt Fahrt auf.

Die Furcht vor einem erneuten Corona-Lockdown hat die Anleger am deutschen Aktienmarkt zur Wochenmitte vergrault. Und die Befürchtungen bestätigten sich: Mit strengen Kontaktbeschränkungen für die Bürger und einem weitgehenden Herunterfahren aller Freizeitaktivitäten wollen Bund und Länder die zweite Corona-Infektionswelle brechen. Dies beschlossen Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder. Die zweite Coronavirus-Welle habe Europa fest im Griff, sagte Volkswirtin Alessia Berardi vom Vermögensverwalter Amundi. Die Regierungen stünden unter wachsendem Druck, das öffentliche Leben drastisch einzuschränken.

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In der Folge brach der Handel ein. Der Dax sackte im Handelsverlauf bis auf 11.457 Punkte und damit auf den tiefsten Stand seit Ende Mai. Letztlich verlor der Leitindex 4,2 Prozent auf 11.561 Punkte. Von seinem Zwischenhoch Anfang September bei 13.460 Punkten ist der Leitindex nun fast 2000 Punkte oder rund 14 Prozent entfernt. Der MDax der 60 mittelgroßen Börsentitel büßte 2,7 Prozent auf 25884 Punkte ein.

"Der Konsum dürfte auf jeden Fall leiden, und die Gefahr von Pleitewellen nimmt weiter zu", sagte ein Marktteilnehmer. Angesichts der neuen Maßnahmen "erwarten wir für das vierte Quartal gegenüber dem dritten nicht mehr wie bisher ein Plus von ein Prozent. Stattdessen würden wir uns über eine schwarze Null freuen, wobei das Risiko einer zweiten Rezession deutlich gestiegen ist", hießt es von der Commerzbank.

Der Begriff "Lockdown" dürfe aber nicht zum Unwort verkommen, warnte Thomas Gitzel, Chef-Volkswirt der VP Bank. "Ein kurzer strikter Lockdown kann eine Chance sein." Würden die Infektionsketten durchbrochen, fühlten sich Verbraucher wieder sicherer und würden sich nicht in längerfristigem freiwilligen Konsumverzicht üben. Allerdings sei bislang nicht absehbar, dass diesmal ähnlich großzügige Hilfspakete aufgelegt würden, um die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie abzufedern, gab Anlagestratege Michael Hewson vom Brokerhaus CMC Markets zu bedenken.

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Am Aktienmarkt flogen vor allem Reise- und Touristikwerte aus den Depots. Dieser Sektor leidet besonders stark unter Pandemie-Restriktionen. Der europäische Branchen-Index fiel um drei Prozent.

Die laufende Berichtssaison setzte derweil bei den Einzelwerten Akzente. Die Aktie der Deutschen Bank hielt sich mit Abgaben von 1,9 Prozent deutlich besser. Die Geschäftszahlen fielen besser als erwartet aus. Die Citigroup verwies vor allem auf die Stärke des Investmentgeschäfts. Commerzbank gaben um 3,6 Prozent nach.

Der Vermögensverwalter DWS hatte im dritten Quartal weitere Kundengelder eingeworben. Zudem verdiente die Tochter der Deutschen Bank vor Steuern sowohl im Vergleich zum Vorjahr als auch zum zweiten Quartal auch dank deutlich niedrigerer Kosten mehr. Für die Aktie ging es "nur" um 0,6 Prozent nach unten.

Mit Verwunderung blickten Händler auf das Kursminus von 6,5 Prozent bei Beiersdorf. "Das kann man beim besten Willen nicht mit irgendwelchen Corona-Sorgen oder dem konservativen Ausblick rechtfertigen", sagte ein Händler mit Blick auf die Umsatzzahlen. Doch genau das tat die Citigroup, die dem Konsumgüterriesen einen überraschend konservativen Ausblick attestierte. Dieser impliziere nach einem starken Quartal keine weitere Verbesserung im vierten.

Delivery Hero waren Dax-Gewinner mit Aufschlägen von 1,7 Prozent. "Mit der Diskussion um den zweiten Lockdown wären die Aktien sowieso die Börsenfavoriten gewesen", sagte ein Händler. Nun werde dies noch mit harten Fakten untermauert. Das Wachstum laufe so stark wie erhofft, im dritten Quartal verdoppelten sich die Bestellungen gegenüber dem Vorjahr. Entsprechend wurde die Umsatzprognose für das Gesamtjahr nach oben präzisiert.

Spekulationen auf einen Nachfrage-Rückgang schickten auch den Ölpreis auf Talfahrt. Die Sorte Brent aus der Nordsee verbilligte sich um gut fünf Prozent auf 39,09 Dollar je Barrel (159 Liter). Verschärft werde der Verkaufsdruck durch die steigenden US-Lagerbestände, sagte Harry Tchilinguirian, Chef-Anlagestratege für Erdöl bei der Bank BNP Paribas. Im Sog des Ölpreises rutschte der Index für die europäischen Öl- und Gaswerte um drei Prozent ab.

Gleichzeitig flüchteten Investoren in "sichere Häfen" wie Bundesanleihen. Dies drückte die Rendite der zehnjährigen Titel zeitweise auf minus 0,646 Prozent, den tiefsten Stand seit März. Gefragt war auch die Weltleitwährung. Der Dollar-Index, der den Kurs zu wichtigen anderen Währungen widerspiegelt, gewann ein halbes Prozent. Dies setzte dem Goldpreis zu, weil das Edelmetall für Investoren außerhalb der USA unattraktiver wird. Es gab 1,3 Prozent auf 1881,67 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm) nach.

Quelle: ntv.de, jwu/dpa/DJ/rts