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N26-Deutschlandchef im Interview "Auf Staatshilfen sind wir nicht angewiesen"

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Startups schreiben in der Regel noch keine Gewinne und sind auf Kapital von Investoren angewiesen. Viele Gründer bringen Privatvermögen in die Firmen ein und haben nur wenige Rücklagen - was sie nun anfällig in der Krise macht.

(Foto: imago images/photothek)

Viele Startups stehen wegen der Corona-Pandemie vor einer Existenzkrise. Nach Rekordjahren mit üppigen Finanzierungen sind sie jetzt auf die Unterstützung vom Staat angewiesen. Nicht so die Digitalbank N26, erklärt der Deutschlandchef Georg Hauer im Interview mit ntv.de.

ntv.de: N26 hat rund 150 Personen in Kurzarbeit geschickt. Wie hart trifft die Coronakrise das Unternehmen?

Georg Hauer: N26 ist von der Coronakrise deutlich weniger betroffen als andere Unternehmen. Mitarbeitern, die durch die temporären Büroschließungen nur eingeschränkt arbeiten können, haben wir Kurzarbeit angeboten. Die meisten von diesen 150 Kollegen arbeiten weiterhin noch 60 bis 80 Prozent ihrer normalen Wochenarbeitszeit. Wir müssen uns aber kurzfristig auf größere Unsicherheiten einstellen. Wir wissen nicht, ob die Pandemie und die Wirtschaftskrise schon in ein paar Monaten oder erst in ein paar Jahren überstanden ist. Dementsprechend sind wir derzeit kostenbewusster. Das ist auch der Grund, warum wir bestimmte Ausgaben zurückhalten und alle Verträge durchforstet und nachverhandelt haben. Uns geht es momentan nicht darum, weniger zu investieren. Wir wollen effizienter sein.

Inwiefern haben Sie gemerkt, dass die Leute ihr Konsumverhalten während der Kontaktsperren verändert haben?

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Georg Hauer ist General Manager Deutschland bei N26.

In den vergangenen acht Wochen hat Covid-19 das Bezahlverhalten der Deutschen so stark verändert wie kaum ein anderes Ereignis der vergangenen Jahrzehnte. Wenn die Menschen viel Zeit zu Hause verbringen, kaufen sie logischerweise draußen weniger ein. Das hat eine direkte Auswirkung auf den Konsum. Wir haben gemerkt, dass die Leute deutlich weniger für Reisen und Flüge ausgeben, während sie sehr viel mehr für digitale Dienstleistungen wie zum Beispiel Spotify oder Netflix bezahlen. Man muss natürlich bedenken: Ein Netflix-Abo kostet weniger als ein Wochenendtrip nach Mailand. Bei ganz großen Ausgaben sind die Menschen sehr zögerlich. Nur die wenigsten kaufen sich jetzt ein Auto. Dafür leisten sie sich eher Dinge, die einem den Alltag versüßen. So geben die Menschen zum Beispiel mehr Geld für Lebensmittel aus.

Mitten in der Krise hat N26 erst kürzlich eine Finanzspritze von 100 Millionen Dollar erhalten. Trotzdem schafft es das Unternehmen nicht, seine Bewertung zu erhöhen. Was läuft schief?

Die Erweiterung der aktuellen Finanzierungsrunde war bereits vor der Krise geplant. Die Gespräche mit den Investoren waren also schon davor gestartet. Die Investitionsrunde war keine Reaktion auf Covid-19. Sie zeigt aber, dass die Investoren an unser Geschäftsmodell und unser nachhaltiges Wachstum glauben. Die Bewertung in Höhe von 3,5 Milliarden Dollar ist stabil geblieben. Damit sind wir zufrieden. Ob eine Bewertung vor der Krise höher ausgefallen wäre, ist Spekulation.

Hält die Krise länger an, wird frisches Kapital schnell zur Mangelware und die Risikobereitschaft von Investoren sinkt. Werden Ihre Geldgeber auch in Zukunft noch so spendabel sein?

Wir sind sehr gut kapitalisiert. Als regulierte Bank stellt sich für uns diese Frage gar nicht. Auch wenn die Krise mehrere Jahre dauern sollte, sind wir sehr gut aufgestellt. Gerade jetzt zeigt sich: Digitales Banking ist keine Zukunftsmusik mehr, sondern Teil des Alltags. Mit der aktuellen Finanzspritze können wir uns eine optimale Position verschaffen, wenn sich nun immer mehr Menschen für digitales Banking entscheiden.

Viele andere Startups kämpfen aber gerade ums Überleben und sind auf die Unterstützung der Bundesregierung angewiesen. Wird N26 Staatshilfen beantragen?

Nein, auf Staatshilfen sind wir nicht angewiesen. Wir sind auch kein klassisches kleines Startup mehr, sondern eine regulierte Bank, die in 25 Märkten aktiv ist. Das bedeutet, wir planen grundsätzlich sehr langfristig.

In der Corona-Krise boomen Online-Banking und digitales Bezahlen, viele Menschen meiden aus hygienischen Gründen Bargeld. Melden sich momentan mehr Neukunden an als sonst?

In der ersten Woche des Lockdowns waren die Menschen noch zurückhaltend. Ein neues Konto ist sicher nicht Priorität für jemanden, der vielleicht gerade in Kurzarbeit geht. In den vergangenen vier Wochen sind die Neukundenzuwächse hingegen stark gestiegen. Jetzt haben sich die Menschen an diese neue Situation gewöhnt. Wir beobachten momentan: Die Kunden, die sich jetzt anmelden, sind tendenziell etwas älter. Als wir 2015 an den Start gegangen sind war unser Durchschnittskunde Mitte 20, heute sind sie Mitte 30 - Tendenz steigend.

Die Krise macht viele Kunden risikoscheuer, etablierte Banken könnten davon profitieren. Zudem sind Geldhäuser jetzt gezwungen, ihre Angebote auf den neuesten Stand zu bringen. Wird die Coronakrise das Geschäftsmodell von N26 fundamental infrage stellen?

Im Gegenteil. Die Krise bestärkt das Geschäftsmodell von mobilen Banken, denn die Menschen werden kostenbewusster und wollen gleichzeitig eine gewisse Sicherheit. Natürlich machen sich viele Menschen dabei auch Gedanken, ob die Gebühren ihrer traditionellen Bank wirklich legitim sind und spielen mit dem Gedanken, zu einer Bank mit günstigeren Konditionen zu wechseln. Wir sind normalen Banken mit unserem Angebot meilenweit voraus. Sicher haben auch andere Banken eine App. Aber digitales Banking hört eben nicht bei einer App auf, sondern muss im Unternehmen gelebt werden und auch alle Prozesse im Hintergrund müssen voll digital ablaufen.

N26 ist derzeit dabei, sich aus dem britischen Markt zurückzuziehen. Hunderttausende Konten wurden wegen des Brexits geschlossen. Wird sich N26 wegen der Coronakrise aus weiteren Ländern zurückziehen müssen?

Nein. Großbritannien war ein absoluter Sonderfall. Durch den Austritt aus der Europäischen Union wäre unsere Banklizenz dort mittelfristig nicht mehr gültig gewesen. Für uns war die Frage: Wollen wir eine eigene britische Banklizenz für einen relativ kleinen Markt beantragen? Wir haben uns dagegen entschieden und fokussieren uns auf große Märkte wie Europa und die USA.

Hat sich an den Plänen, in rund fünf Jahren an die Börse zu gehen, etwas geändert?

Unser Plan bleibt bestehen und wir halten einen Börsengang in dieser Zeit für eine realistische Option. Gleichzeitig halten wir uns auch die Option weiterer Finanzierungsrunden offen. Ein Börsengang ist kein Selbstzweck.

Mit Georg Hauer sprach Juliane Kipper

Quelle: ntv.de