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Hilfe für geflüchtete Ukrainer Berliner Startup bietet kostenlose Schreibtische an

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Ein Workspace bei Independesk ist ein Schreibtisch in einem möblierten Raum, der mit Strom und Highspeed-Internet ausgestattet ist.

(Foto: juggleHUB)

In Deutschland angekommen - und dann? Nicht wenige der geflüchteten Ukrainer haben im Zuge der Kriegswirren ihren Job verloren oder müssen ihn jetzt aus der Ferne ausüben. Das Berliner Startup Independesk stellt ihnen gratis Schreibtischarbeitsplätze zur Verfügung.

Der Krieg zwingt Zigtausende Ukrainer, ihre Heimat zu verlassen. Viele suchen Schutz und eine neue Perspektive in Deutschland. Bislang sind laut Bundesinnenministerium schon mehr als 180.000 Menschen nach Deutschland gekommen. Die geflüchteten Ukrainer werden aktuell in freien Hotelzimmern, vor allem aber bei Freiwilligen in privaten Gäste- und Arbeitszimmern untergebracht. Ist die dringendste Frage nach der Unterkunft erst einmal geklärt, gilt als Nächstes zu klären: Wo und wie arbeiten?

Konnten in den Jahren 2020 und 2021 zahlreiche ukrainische Angestellte wegen Corona nicht mehr wie gewohnt im Büro arbeiten, macht das in diesem Jahr die russische Invasion unmöglich. Hier setzt die "Workplace-Initiative" des Berliner Startups Independesk an: Sie vermittelt Geflüchteten kostenlose Schreibtische in möblierten Räumen mit Zugang zu Strom und Highspeed-Internet.

Diese Arbeitsplätze, an denen in der Regel auf dem eigenen Laptop gearbeitet wird, sollen nach Deutschland geflohenen Ukrainern das nötige Umfeld bieten, um aus der Ferne gut arbeiten zu können. Wie das genau funktioniert, erklärt Initiator Karsten Kossatz in einem Video auf YouTube - eingesprochen und untertitelt auf Ukrainisch.

Man muss sich online registrieren

Independesk hilft den vor Krieg und Zerstörung Geflohenen schnell und unkompliziert, verspricht Kossatz. Er führt das junge Unternehmen, über dessen Webseite die gratis Schreibtische gebucht werden können, nachdem ein hinterlegtes Registrierungsformular ausgefüllt wurde.

Laut Kossatz geht die Registrierung recht fix; es müsse bloß Name, E-Mail-Adresse und Wohnort angegeben sowie eine Passkopie hochgeladen werden. Dann können die fernarbeitenden Ukrainer einen der aktuell rund 200 Workspaces der Anbieter auf der Plattform aussuchen und zur gewünschten Zeit anmieten.

Die Buchung kostet nichts, garantiert Kossatz. Beide, sowohl der jeweilige Workspace-Anbieter wie auch Independesk als Vermittler, verzichten gänzlich auf ihre Bezahlung. Ganz uneigennützig ist das allerdings nicht: "Natürlich ist es cool, wenn wir dadurch auch wachsen, aber am Ende geht es darum zu helfen", sagt der aus der VOX-Sendung "Die Höhle der Löwen" bekannte Gründer. Mit Independesk überzeugte er in der vergangenen Staffel die Investoren Carsten Maschmeyer und Georg Kofler.

Normalerweise würde für die Anmietung eines Schreibtisches über Independesk je nach Workspace-Anbieter ein Preis von 50 bis 80 Euro pro (Acht-Stunden-)Arbeitstag fällig werden, davon zwanzig Prozent Provision, erklärt Kossatz. Eigentlich würde man die Schreibtische vorwiegend an Personen vermitteln, die das Pendeln satthaben oder aus Umweltgründen lieber darauf verzichten. Jetzt seien es Humanität und Großzügigkeit der Workspace-Anbieter, die laut Kossatz die Vergabe der Fernarbeitsplätze beeinflussen.

Große Hilfsbereitschaft, aber bisher kleine Nachfrage

Kossatz berichtet, obgleich die Anzahl der bei Independesk eingestellten Schreibtische ständig steige und die Hilfsbereitschaft bei den gelisteten Unternehmen, Cafés und Hotels riesig sei, habe man seit dem Aktionsbeginn am 16. März dennoch erst zehn geflüchteten Ukrainern einen Workspace vermitteln können.

Einerseits vermutet der Independesk-Chef, dass die Hilfsaktion bislang zu unbekannt ist. Andererseits müssten die geflüchteten Ukrainer in Deutschland erst in ihren Alltag finden, bevor sie sich um Arbeit kümmern können. Dann, meint Kossatz, könnte die "Workplace-Initiative" stärkere Beachtung finden.

Karsten Kossatz hatte die Idee zu der Hilfsaktion.

Karsten Kossatz hatte die Idee zu der Hilfsaktion für geflüchtete Ukrainer.

(Foto: Paul Wehden)

Diese Einschätzung teilt auch die Bundesagentur für Arbeit: "Im Vordergrund steht derzeit die humanitäre Unterstützung, die Menschen müssen ankommen. Nach ersten Erkenntnissen sind die meisten Geflüchteten Frauen und Kinder. Hier geht es also zunächst um die Kinderbetreuung und Schule. Erst, wenn diese Fragen geklärt sind, können die Menschen auf dem Arbeitsmarkt ankommen. Wie, wann und in welcher Form sie dies werden, können wir heute noch nicht abschätzen", so ein Sprecher.

Unterdessen möchte Kossatz deutschlandweit an die 10.000 Räume mit je ein bis zwei Schreibtischplätzen für die Fernarbeit zum Nulltarif organisieren. Damit die "Workplace-Initiative" dem gewappnet ist, stellt der 30-Jährige seinen Plan für die nächsten Wochen vor: Aktuell können geflüchtete Ukrainer bereits aus Workspaces in Berlin, Hamburg, München, Köln, Düsseldorf, Duisburg, Wiesbaden, Mannheim, Jena und vielen weiteren kleineren Städten von Rügen bis Starnberg wählen.

Kooperationen mit anderen Ukraine-Hilfe-Plattformen geplant

Ebenfalls in Planung beziehungsweise schon angegangen sind Kossatz zufolge Kooperationen mit anderen Webseiten, die jobbezogene Ukraine-Hilfe anbieten. So stehe Independesk aktuell beispielsweise in Gesprächen über eine Zusammenarbeit mit UA Talents und Job Aid Ukraine.

UA Talents bietet Menschen aus der Ukraine, die ihren Job verloren haben, Unterstützung dabei, eine neue Stelle zu finden. Unternehmen aus ganz Europa können dort ihre offenen Stellen in ukrainischer und englischer Sprache ausschreiben. Zunächst liegt der Fokus auf Ausschreibungen von Tech-Unternehmen, doch andere Branchen sind in Zukunft genauso denkbar. Job Aid Ukraine funktioniert ähnlich, bedient aber schon jetzt alle Branchen, vom Handel über die Gastronomie bis hin zur Pflege.

Auf beiden Plattformen finden sich bereits die Namen einiger bekannter internationaler Firmen. Unter anderem suchen dort Amazon, DRS Group, Free Now, Flixmobility, Credit Suisse und Bosch nach Arbeitskräften. Klappt es bei einer davon mit einer Anstellung, könnte im nächsten Schritt die "Workplace-Initiative" von Independesk einen Schreibtisch nahe des aktuellen Wohnorts der geflüchteten Person organisieren.

Quelle: ntv.de

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