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Wer profitiert vom Brexit? Berlin könnte London den Rang ablaufen

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Für Start-ups aus London werden die Bedingungen durch den Brexit nicht besser.

imago/ZUMA Press

Viele Start-ups in London werden die Konsequenzen des Brexit schon bald spüren - und ihren Sitz in die EU verlagern müssen. Berlin steht in den Startlöchern und könnte schon bald an der britischen Hauptstadt vorbeiziehen.

Ich habe die letzten Tage sehr viel über den Brexit gesprochen, gelesen und nachgedacht. Es ist noch viel zu früh, alle Konsequenzen zu benennen, die dieser Entscheid für Großbritannien, Europa und die ganze Welt haben wird. Für die europäische Start-up-Welt jedoch gibt es einige Implikationen des bevorstehenden EU-Austritts, die sich bereits jetzt klar am Horizont abzeichnen.

Durch meine Arbeit mit Start-ups aus Großbritannien weiß ich, dass der Brexit ein sehr wichtiges Thema für sie ist. Fast alle dort Ansässigen, mit denen ich gesprochen habe, hatten auf den Verbleib in der Europäischen Union gehofft. Sie alle haben reale Sorgen: "Erhalten meine Mitarbeiter aus der EU eine Arbeitserlaubnis?" und "Was passiert, wenn mein Heimatmarkt um 90 Prozent schrumpft?" Ohne Zweifel wird der EU-Austritt starke Auswirkungen auf die Zukunft der britischen Start-ups haben. Aber auch die europäische Start-up-Szene insgesamt wird diese Veränderungen zu spüren bekommen.

Konsequenzen für britische Start-ups

Finanz-Start-ups (Fintech) genießen aktuell das Privileg des "Passportings": Wenn sie in einem EU-Land eine Lizenz besitzen, ist diese auch in allen anderen EU Ländern gültig. Dieses "Passporting" wird nach einem Austritt aus der EU für britische Start-ups nicht mehr möglich sein. Was bedeutet das konkret für britische Fintech-Start-ups? Sie werden ihren Sitz entweder in ein EU-Land verlegen müssen oder zumindest in einem anderen EU-Land eine Lizenz beantragen. Das macht es für Start-ups in Großbritannien schwieriger, aber dennoch nicht unmöglich, in der EU Geschäfte zu machen.

Wesentlich kritischer sehe ich die zukünftige Fähigkeit von britischen Start-ups, internationale Mitarbeiter anzulocken. Dabei ist es gerade in den frühen Phasen für Start-ups besonders wichtig, ein gutes Team aufzubauen. Aktuell ist es für ein Start-up in London recht einfach, die besten Leute aus Europa für sich zu begeistern. Die Internationalität und Freizügigkeit war immer einer der klaren Standortvorteile der Stadt. Diese Vorteile werden nun zumindest teilweise wegfallen.

Viele internationale Firmen, auch aus der Digitalbranche, setzen auf London als Standort zur Eroberung der europäischen Märkte. Das wird sich aus meiner Sicht ändern. Insbesondere asiatische und amerikanische Unternehmen werden sich nun überlegen müssen, wo sie in Zukunft ihre Europazentralen aufbauen werden.

Welche Städte profitieren?

Alle Städte, die jetzt schon Start-up-Hochburgen sind, sind Kandidaten, um London den Rang abzulaufen. Besonders häufig wird Berlin genannt, aber auch Städte wie Dublin oder Amsterdam haben gute Karten.

Ich habe vor dem Brexit bereits scherzhaft gesagt, dass Berlin im Falle des britischen EU-Austritts automatisch Londons Titel als Start-up-Hauptstadt übernimmt. Ein schöner Sieg für Berlin wäre das jedoch nicht. Es fühlt sich eher so an, wie wenn man ein Fußballspiel gewinnt, weil die gegnerische Mannschaft nicht mehr antritt.

Was man nicht vergessen darf: Es ist kein Nullsummenspiel. Es gibt keine feste Anzahl an Start-ups, die auf jeden Fall jedes Jahr entstehen. Menschen müssen sich aktiv dafür entscheiden, das Wagnis einer Unternehmensgründung einzugehen. Sie müssen Mut haben.

Je besser die Bedingungen für Start-ups in Europa allgemein sind, desto besser wird es Europa wirtschaftlich gehen. In der bisher wichtigsten europäischen Start-up Stadt London sieht die Zukunft gerade nicht rosig aus. Das ist nicht schön, aber die Gründer und Start-ups werden wie immer Lösungen finden.

Quelle: n-tv.de

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