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Forscher vermuten ZusammenhangDeutlich mehr Psychosen durch Cannabis?

09.02.2026, 10:43 Uhr
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Cannabis-Geschäft in Ottawa, Kanada. (Foto: picture alliance / NurPhoto)

Der Konsum von Cannabis ist in Kanada extrem gestiegen. Nun zeigen Krankenkassendaten, dass junge Kanadier deutlich früher und häufiger an psychotischen Störungen erkranken als die vor 1980 Geborenen. Forscher vermuten einen Zusammenhang.

Bei jungen Menschen in Kanada steigt die Rate der neu diagnostizierten psychotischen Störungen stark an. Von 1997 bis 2023 erhöhte sich die jährliche Inzidenz bei den 14- bis 20-Jährigen um 60 Prozent, wie eine Studie im Fachblatt "Canadian Medical Association Journal" zeigt. Zudem ist das Alter bei der Erstdiagnose demnach gesunken. Bei den 21- bis 50-Jährigen blieben solche Neuerkrankungen dagegen stabil oder gingen zurück. Eine Rolle für den Anstieg könne der Drogenkonsum spielen - so ist der von Cannabis in Kanada extrem gestiegen.

Unter anderem betrachtete das Team Schizophrenie und nahe verwandte Erkrankungen: Die zwischen 2000 und 2004 Geborenen hatten hier ein um 70 Prozent höheres Erkrankungsrisiko als diejenigen, die zwischen 1975 und 1979 zur Welt gekommen waren. Der Anstieg der allgemeinen Psychosen war über die Geburtenjahrgänge hinweg sogar noch größer. Zuvor hatten Forscher ähnliche Entwicklungen auch für Dänemark und Australien beschrieben.

Das Team um Daniel Myran vom Ottawa Hospital Research Institute wertete Daten von über zwölf Millionen Menschen aus, die zwischen 1960 und 2009 in der Provinz Ontario geboren wurden und dort in der öffentlichen Krankenkasse versichert sind. Zwischen 1992 und 2023 erkrankten insgesamt 152.587 Menschen nachweislich an einer sogenannten nicht-affektiven psychotischen Störung - in der Studie kurz psychotische Störung genannt. Dazu zählt das Team Erkrankungen wie Schizophrenie mit Symptomen wie Halluzinationen oder Wahnvorstellungen sowie nicht näher spezifizierte Psychosen.

Drogenkonsum "eine der wahrscheinlichsten" Ursachen

Das Ergebnis scheint dem allgemeinen Trend zu widersprechen. Insgesamt sank etwa die Zahl der registrierten Neuerkrankungen an Schizophrenie in Kanada ebenso wie in einigen anderen Ländern.

Bei der entdeckten Zunahme der psychotischen Störungen von jungen Menschen könnten mehrere Faktoren eine Rolle spielen. Teilweise könnten die Befunde laut Studie durch statistische Verzerrungen entstanden sein. Hinzu kommt: Psychosen würden heute früher und besser erkannt, so Erstautor Myran.

Trotzdem ist laut Studie auch das Risiko gestiegen, dass junge Menschen an psychotischen Störungen erkranken, etwa durch ein höheres Alter der Eltern bei Geburt, wirtschaftlichen Druck, aber auch den Konsum von Rauschmitteln. "Eine der wahrscheinlichsten Ursachen ist Substanzkonsum - darunter Cannabis, Stimulanzien, Halluzinogene und synthetische Drogen", sagt Myran. "Der Konsum von Substanzen, insbesondere in jungen Jahren, ist mit der Entwicklung und Verschlimmerung psychotischer Störungen verbunden, und der Substanzkonsum in Kanada hat in den letzten zwei Jahrzehnten zugenommen."

Cannabis ist in Kanada seit 2001 für den medizinischen Gebrauch zugelassen und seit 2018 frei verkäuflich. Forscher schätzen, dass der Cannabisgebrauch von 1985 bis 2021 um das Sechsfache angestiegen ist. Heute konsumiert mehr als jeder vierte Kanadier Cannabis.

Risiko durch medizinisches Cannabis in Deutschland

Für Deutschland sehen Studien bislang eher rückläufige Trends, zumindest bei der Zahl der Patienten, die wegen einer Schizophrenie in einer Klinik behandelt werden. "Wir finden keine Hinweise darauf, dass jüngere Geburtskohorten ein deutlich höheres Erkrankungsrisiko aufweisen", sagt Robert Bittner, stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie an der Frankfurter Universitätsmedizin.

Auch das Robert-Koch-Institut kann den in Kanada gefundenen Trend bislang nicht bestätigen. Es teilt auf Anfrage der dpa aber mit, dass die spezielle statistische Kohortenanalyse der kanadischen Kollegen noch nicht für Deutschland durchgeführt wurde. "Insgesamt zeigt sich hier eine Forschungslücke", so eine Sprecherin.

Allerdings stellt zumindest der Cannabiskonsum auch in Deutschland eine steigende Gefahr dar - und das nicht nur, weil der THC-Gehalt in illegalem Cannabis gestiegen ist. Zwar zeigten Daten bislang keine Zunahme des Konsums seit der Teillegalisierung 2024, sagt der Suchtforscher Jakob Manthey von der Universität Hamburg. Doch immer häufiger nutzten Konsumenten sogenanntes Medizinalcannabis mit sehr hohen Gehalten des berauschenden THC, warnt er.

In den Studien, etwa zur Schmerzbehandlung, sei vor allem Cannabis mit weniger als zehn Prozent THC getestet worden. Beworben und verkauft würde heute aber Medizinalcannabis mit 20 bis 30 Prozent THC, "obwohl bekannt ist, dass diese hohen Konzentrationen mit einem erhöhten Risiko für die psychische Gesundheit, einschließlich psychotischer Erfahrungen, einhergehen."

Quelle: ntv.de, Clemens Haug, dpa

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