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Einfluss auf die Entwicklung Antibiotika machen Kinder dick

Mädchen beim Arzt: Der Studie zufolge werden Kindern in Deutschland immer weniger Antibiotika verschrieben. Foto: Patrick Pleul

Vor allem für Kinder können Antibiotika gefährlich werden.

(Foto: dpa)

Gerade bei Kindern kann der Einsatz von Antibiotika verheerende Folgen haben. Die Mittel greifen die Darmflora an und sind verantwortlich für schlechte Zähne. Studien an Mäusen zeigen nun: Antibiotika führen auch zu Übergewicht.

Zu Lebensbeginn verabreichte Antibiotika verändern womöglich den Stoffwechsel und die Entwicklung von Kindern. Das legen Versuche an Mäusen nahe. Demnach lösten Antibiotika-Gaben bei jungen Mäusen vorübergehend ein stärkeres Knochenwachstum und eine Gewichtszunahme aus. Zudem veränderte sich auch langfristig die Zusammensetzung der Darmflora, berichtet ein Forscherteam um Martin Blaser von der New York University School of Medicine in New York in der Fachzeitschrift "Nature Communications". Die Wissenschaftler betonen, dass die Ergebnisse nicht zwangsläufig auf den Menschen übertragbar seien, sie stimmten aber gut mit anderen Studien überein, die sich mit den Auswirkungen von Antibiotika-Therapien auf die Gesundheit von Kindern beschäftigt hätten.

Viele Experten warnen vor einem übermäßigen Antibiotika-Einsatz im Kindesalter. Kinder bekämen diese Mittel nicht nur bei Infektionskrankheiten verordnet, sondern würden zudem auch durch den intensiven Antibiotikaeinsatz in der Tiermast belastet. Die Antibiotika könnten die Darmflora verändern, was wiederum die frühe Prägung des Immunsystems beeinflusse. Dies werde als ein wichtiger Faktor für die zunehmende Entwicklung von Allergien oder chronisch entzündlichen Darmerkrankungen besonders bei jungen Kindern angesehen. Auch für die Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH), bei der Kinder trotz guter Zahnpflege schlechte Zähne bekommen, werden Antibiotika als mögliche Ursache diskutiert.

Zunahme an Körpermasse

Blaser und Kollegen empfanden nun in ihrem Maus-Modell die übliche Antibiotikabehandlung von Kindern nach: Sie verwendeten die Wirkstoffe Amoxicillin – ein Breitband-Antibiotikum – und Tylosin, ein Mittel, das derzeit in der Humanmedizin nicht eingesetzt wird. Es stammt allerdings aus der Klasse der Makrolid-Antibiotika, die auch in der Kinderheilkunde verbreitet sind. Die Wissenschaftler verabreichten den Mäusen die Mittel über mehrere Tage in einer Dosis, die zur Behandlung einer Infektion üblich ist.

Die Mäuse wurden dabei in vier Gruppen eingeteilt: Die erste bekam ein bis dreimal Amoxicillin, die zweite ebenso oft Tylosin, die dritte beide Wirkstoffe im Wechsel. Die erste Dosis erhielten die jungen Mäuse dabei jeweils über die Muttermilch. Eine Kontrollgruppe erhielt keine Antibiotika. Das Ergebnis: Die Tylosin-Gruppe legte insgesamt deutlich an Masse und an Magermasse - das ist die fettfreie Körpermasse - zu. In der Amoxicillin-Gruppe nahm nur die Magermasse zu. Tylosin verändert den Fettstoffwechsel so, dass die Mäusen deutlich häufiger eine Fettleber entwickelte, berichten die Forscher weiter.

Auch in die Darmflora greift Tylosin erheblich stärker ein als Amoxicillin: Die Zusammensetzung der Darmbakterien änderte sich deutlich gegenüber der Kontrollgruppe. Die Folge war, dass die Mäuse, die Tylosin erhalten hatten, stark verzögert auf eine Ernährungsumstellung reagierten: Beim Wechsel auf eine fettreiche Kost änderte sich die Darmflora der Kontrollgruppe kurzfristig in einer Weise, die nicht zu einer Fetteinlagerung führte. Die meisten Mäuse der Tylosin-Gruppe erreichten diesen Zustand erst 90 Tage nach der letzten Dosis.

Antibiotika sparsam einsetzen

Die Forscher entdeckten, dass die Antibiotika sowohl die Vielfalt der Darmbakterien verringert, als auch die Häufigkeit der einzelnen Stämme verändert. Die Studienergebnisse ließen sich nicht uneingeschränkt auf Menschen übertragen, schreiben Blaser und sein Team. Zusammen mit den Ergebnissen anderer Studien könnten sie jedoch dazu beitragen, Richtlinien zur Dauer und Art von Antibiotika-Behandlungen auszugestalten. "Bisher haben wir Antibiotika genutzt, als ob es keine biologischen Kosten dafür gäbe", beklagt Blaser in einer Mitteilung der New York University School of Medicine.

Philipp Henneke, Sektionsleiter der Pädiatrischen Infektiologie und Rheumatologie am Universitätsklinikum Freiburg, ist beeindruckt von der "ungeheuren Menge an Daten", die für die Studie erhoben wurden. Das Konzept des Mausmodells kann er gut nachvollziehen, aber auch er schränkt die Übertragbarkeit auf Kinder etwas ein: "Das Leben ist wilder als ein Tierversuch." Es sei allerdings sehr schwierig, ähnliche Befunde beim Menschen zu erlangen, weil man dafür Kinder viele Jahre lang begleiten müsste.

Mediziner müssten sich angesichts der Erkenntnisse an die eigene Nase fassen, meint Henneke und nennt ein Beispiel: "Aufgrund derzeit gültiger internationaler Richtlinien erhalten schätzungsweise zehn bis 20 Prozent der gesunden Frauen unter der Geburt Antibiotika. Damit wird einer Streptokokken-Infektion vorgebeugt. Die Studie zeigt jedoch, dass diese Vorsichtsmaßnahme für die Kinder lang anhaltende Folgen haben kann."

Quelle: ntv.de, lsc/dpa