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Alexander Gerst im Interview "Bin noch nicht an meine Grenze gestoßen"

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Gerst beim Außenbordeinsatz. Ob er auch auf seiner zweiten Mission ins All spazieren wird, steht noch nicht fest.

(Foto: picture alliance / dpa)

Im Mai 2018 startet er zu seiner nächsten Mission: Esa-Astronaut Alexander Gerst, vielen bekannt als Astro-Alex, fliegt zum zweiten Mal zur Internationalen Raumstation ISS. Zurzeit steckt er mitten im Training, die vergangenen sechs Monate hat er überwiegend im "Sternenstädtchen" bei Moskau verbracht. n-tv.de trifft Gerst im Europäischen Astronautenzentrum der Esa in Köln. Er erzählt vom Träumen und Entdecken, vom rückwärts Einparken im All und dem größten Kompliment, das man ihm machen kann.

n-tv.de: Warum sind Sie so gern im All?

Alexander Gerst: Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass jemand nicht gern im All ist. (lacht) Nein, wirklich: Ich denke, es liegt in der Natur des Menschen, dass wir unsere Umgebung erforschen, den Blick nach außen richten, hinter den nächsten Strauch, Baum, Felsen, Berg schauen, hinter den Horizont reisen. Schon Kinder sind sehr neugierig. Ich glaube, bei mir hat sich das einfach fortgesetzt. Ich gehe auf Entdeckungsreise, und dabei spielt auch das Kind in mir eine Rolle.

Wird bei der Mission 2018 etwas anders sein als beim letzten Mal?

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Im Landemodul der Sojus-Kapsel ist es ganz schön eng - erst recht, wenn alle einen Raumanzug tragen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ja, zwei Dinge: 2018 werde ich im zweiten Teil meiner Mission Kommandant der ISS sein. Und außerdem sitze ich in der Sojus-Kapsel auf dem Pilotensitz – links neben dem Kommandanten der Sojus.

Dann ist also auch das Training diesmal ein anderes?

Als Pilot der Sojus-Kapsel hat man ein zusätzliches Training. 2016 habe ich vor allem damit verbracht, die Theorie des Flugkontrollsystems zu lernen. Wie steuert man so ein Raumschiff? Da muss man mit zwei Joysticks an der ISS andocken können, und man muss in der Lage sein, die Kapsel manuell in die Atmosphäre zu steuern - bei 28.000 Stundenkilometern. Das übt man auch in der Zentrifuge, die dafür auf das Fünf- bis Sechsfache der Beschleunigung auf der Erde gebracht wird. Das ist nicht einfach. Aber ein Raumschiff komplett kennen zu lernen, macht riesigen Spaß. Und es ist ein großes Privileg.

Klappt das Steuern der Sojus schon ganz gut?

Ja! In den Simulationen versucht man natürlich herauszufinden, womit man gerade noch umgehen kann. So in der Art: Wie schnell darf die ISS um ihre eigene Achse taumeln, dass es mir immer noch gelingt, mit dem Raumschiff rückwärts einzuparken? Bis jetzt bin ich noch an keine Grenze gestoßen. Aber das wird wohl noch kommen, das liegt in der Natur der Dinge.

Welcher Teil vom Training fällt Ihnen denn am schwersten?

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Eingeparkt: Blick auf eine an der Raumstation angedockte Sojus-Kapsel.

(Foto: picture alliance / dpa)

Russischlernen, ganz klar! (lacht) Das war wirklich eines der härtesten Dinge, die ich je gemacht habe.

Und was lernt man als künftiger ISS-Kommandant?

Da ist man schon beim Training nicht nur für sich selbst zuständig, sondern muss auch ein Auge auf die Crew haben. Ich muss also darauf achten, dass das Training für alle gut läuft, dass die Stimmung gut ist, dass niemand überlastet ist. Solche Aufgaben gehören an Bord der ISS zum Tagesgeschäft des Kommandanten.

Sie müssen als Kommandant aber unter Umständen auch in sehr kurzer Zeit Entscheidungen treffen, die das Leben der Crew angehen. Wie übt man das?

Da spielt man in einem Modell der Raumstation mit der gesamten Mannschaft immer wieder alle möglichen Fälle durch – etwa ein Feuer in den einzelnen Modulen der ISS. Welcher Teil der Raumstation vom Notfall betroffen ist, beeinflusst nämlich massiv die Entscheidung.

Inwiefern?

Wenn der Notfall im Rettungsraumschiff oder kurz davor auftritt, ist das einer der schlimmsten Fälle. Was dann zu tun ist, ist sehr komplex. Bei Druckverlust muss man Module isolieren und vielleicht einen Teil der Raumstation aufgeben. Schließt man Luken, muss sich die Mannschaft natürlich auf der richtigen Seite befinden. Das alles ist in den letzten Monaten vor dem Flug der Hauptteil des Trainings, denn es muss so sehr ins Gedächtnis übergehen, dass man es nachts um vier Uhr abrufen kann, wenn der Alarm schrillt und zunächst niemand weiß, was los ist. Das kann Druckverlust sein, ein Feuer oder auch Ammoniak in der Atemluft.

Kann man sich auf der ISS flache Hierarchien leisten oder gelten da klare Befehle?

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"Wir sind ja Freunde." Gerst als Teil der ISS-Crew Expedition 41 im November 2014.

(Foto: ESA/NASA/dpa)

Das hängt von der Situation ab. In einem Notfall muss einer sagen, wo es lang geht, und die anderen müssen es respektieren. Da hat dann der Kommandant  das Wort – auch wenn jemand anders an Bord vielleicht mehr Erfahrung hat oder schon häufiger geflogen ist. Das ist jedem von uns klar. Wenn es aber nicht gerade um Notfälle geht, ist der Führungsstil sehr kollegial. Wir sind ja Freunde. Wir müssen ein halbes Jahr miteinander auf der Raumstation auskommen.

Wie gelingt dieses Zusammenleben auf engstem Raum?

Mit Humor und Einfühlungsvermögen, auch interkulturellem. Wir haben Russen, Amerikaner und Europäer an Bord, manchmal Japaner. Da muss man sich auch mit der jeweiligen Kultur auseinandersetzen und wissen, wie die Leute das eine oder andere empfinden. Das ist aber recht einfach, weil man sich aus dem Training ja schon seit zwei Jahren kennt. Wenn man da auch noch beim Überlebenstraining gemeinsam bei minus 30 Grad drei Tage im Wald verbringt, ohne Schlafsack, ohne Zelt, lernt man sich gut kennen und weiß auch, was den anderen irritiert und wie man am besten miteinander spricht. Es ist sehr wichtig, dass man sich gegenseitig den Rücken freihält. Als Kommandant bin ich dafür in besonderem Maße zuständig.

Sind Sie mit Ihrem aktuellen Trainingsstand zufrieden?

Ja, sehr. Für mich ist es jetzt, beim zweiten Mal, leichter, denn nun kann ich einschätzen, was wichtig ist und was nicht. Das ist beim ersten Flug schwierig. Man bekommt im Training sehr, sehr viele Informationen und muss selbst entscheiden, was man davon braucht und sich merkt. Das kann ich jetzt viel besser beurteilen als beim ersten Mal, und das macht es mental entspannter. Der Arbeitstag an sich ist natürlich trotzdem zwölf Stunden lang.

Ist der zweite Flug also schon ein wenig Routine?

Routine darf es nicht werden. In der Raumfahrt wissen wir, dass wir an der Grenze des technologisch Machbaren arbeiten. Da ist Routine gefährlich, denn dann ist man weniger aufmerksam. Respekt muss man immer haben. Der stellt sich aber auch automatisch ein, wenn man auf einer Rakete mit 300 Tonnen Treibstoff sitzt. Ein Teil der Anspannung ist beim zweiten Mal tatsächlich weg, weil man schon weiß, was auf einen zukommt. Den Gedanken, ob man wohl irgendwo an die eigene Grenze stößt und nicht darüber hinaus kann, den hat man nur beim ersten Flug. Jetzt weiß ich: Ich bin noch nicht an meine Grenze gestoßen, ich weiß noch nicht einmal genau, wo sie liegt. Ich freue mich aber darauf, dass ich jetzt Kapazitäten frei habe, mir bewusst Dinge anschauen, die ich beim letzten Mal rausgefiltert habe.

Was für Dinge waren das?

Ich habe es zum Beispiel versäumt, beim Start aus dem Fenster zu schauen. Das wird mir allerdings auch diesmal nicht gelingen, denn als Pilot schaut man noch weniger aus dem Fenster. Aber wie hat es sich angefühlt 20 Minuten nach dem Start? Das ist ein bisschen im Nebel verschwunden. Welches Ventil hört man beim Start zu welcher Zeit? Die Geräusche in der Startphase habe ich komplett vergessen. Wie laut ist es in der Kapsel? Ich freue mich auf diesen Flug, weil ich diesmal auf so etwas achten kann. Ich bin nicht mehr so sehr mit Eindrücken überlastet, dass ich es ausblenden muss.

Sie gelten als Popstar der Raumfahrt und bringen sie hierzulande wieder ins Gespräch. Was bekommen Sie zurück?

Ich habe nie versucht, ein Popstar zu sein und denke auch nicht, dass ich einer bin. Im Gegenteil habe ich versucht, die Dinge mit ganz normalen, menschlichen Augen zu sehen. Ich habe es immer als Privileg gesehen, dass ich in den Weltraum fliegen und diese Erfahrungen machen konnte. Da war es für mich eine Pflicht, das Privileg auch weiterzugeben. Das, was ich gesehen habe, war zum Teil schön, zum Teil unheimlich, zum Teil auch traurig, und ich habe es mit einem Gedanken versehen, mit den Menschen geteilt und dabei gemerkt, dass andere ähnlich fühlten wie ich. So blieb ich über Facebook und Twitter Teil einer Gruppe, und das ist schön. Vielleicht haben es die Leute gespürt, dass ich nicht versucht habe, wie ein Oberlehrer Dinge zu erklären, sondern dass ich einfach als ganz normaler Mensch meine Gedanken aufgeschrieben habe. Astronauten sind nämlich ganz normale Menschen, daran besteht kein Zweifel (lacht).

Wie ist es denn, so populär zu sein?

Nicht immer ganz einfach, aber doch auch schön. Wenn man vor 2000 Studenten redet und die Begeisterung spürt und mit den Leuten lachen und staunen kann, ist das toll. Und wenn Schüler im Astronautenzentrum mit großen Augen auf die Weltraummodule schauen, erinnert mich das an meine eigene Kindheit und daran, wie fasziniert ich war, als ich meine jetzigen Kollegen - Ulrich Walter, Sigmund Jähn und Thomas Reiter - mit dem Space Shuttle habe fliegen sehen. Das hat mich damals inspiriert, und jetzt kann ich das weitergeben. Ich freue mich riesig, wenn Eltern mir sagen: "Unsere Tochter will jetzt Wissenschaftlerin oder Astronautin werden, weil sie Ihre Mission verfolgt hat." Wenn ich unsere Gesellschaft ein wenig zum Guten verändern kann, indem ich junge Menschen dazu bringe, an ihren Traum zu glauben und daran zu arbeiten – das ist für mich das größte Kompliment überhaupt.

Mit Alexander Gerst sprach Andrea Schorsch

Quelle: n-tv.de