Einschläferung scheiterteBuckelwal-Drama erinnert an Schicksal von "Johannes"
Von Kai Stoppel
Das Schicksal eines gestrandeten Buckelwals beschäftigt ganz Deutschland. Es herrscht bis zuletzt Uneinigkeit, wie man am besten mit dem Tier umgehen sollte. Der Fall erinnert stark an Wal "Johannes", der 2012 die Niederlande in Atem hielt. Dort zog man daraus Konsequenzen.
An der deutschen Ostseeküste läuft seit Wochen das Drama um einen Buckelwal, den viele "Timmy" oder "Hope" nennen. Anfang März wurde das Tier erstmals in der Ostsee gesichtet, strandete dann mehrfach in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Eine ganze Nation fiebert über Wochen mit. Immer dabei die Frage: Was tun? Den Wal retten? Seinem Schicksal überlassen? Oder sogar einschläfern?
Doch so einzigartig, wie es scheint, ist der Fall des Buckelwals in der Ostsee gar nicht. Vor etwas mehr als 13 Jahren trug sich ein ähnliches Drama an der Nordseeküste zu, das von der deutschen Öffentlichkeit aber nicht im selben Ausmaß wahrgenommen wurde. Vor der niederländischen Nordseeinsel Texel strandete im Dezember 2012 ein Buckelwal. Er wurde vo den Medien "Johannes" genannt - wobei sich später herausstellte, dass dieser Name nicht ganz passte.
Wal "Johannes" war auf der Sandplatte Razende Bol bei Texel gestrandet. Auch damals entwickelte sich um das Schicksal des Wals in den Niederlanden schnell ein öffentlicher Streit um Rettung oder Erlösung. Ecomare, ein Naturzentrum auf Texel mit Naturmuseum und Seehundauffangstation, berichtete ausführlich über den Verlauf.
Wal schwamm in die falsche Richtung
Der Anfang war noch von Hoffnung geprägt. Am 12. Dezember 2012 war der etwa zwölf Meter lange Wal aus der Luft entdeckt worden. Tierschützer, Küstenwache, Walexperten und Meeresforscher wurden alarmiert. Zu Beginn lag das Tier noch teilweise im Wasser. Mit der Flut konnte sich der Wal zunächst selbst aus seiner misslichen Lage befreien. Doch das Tier schwamm nicht hinaus aufs offene Meer, sondern in die falsche Richtung - und strandete erneut auf einem schwer erreichbaren Teil der Sandbank.
Dann begann ein zähes Ringen. Mal schien der Wal schwächer zu wirken, mal wieder etwas lebhafter. Die niederländische Seenotrettung KNRM startete eine große Rettungsaktion, die jedoch scheiterte. Danach kamen die zuständigen Stellen zu dem Schluss, dass der Wal nicht mehr zu retten sei, was auf Kritik von Tierschützern stieß. Dennoch wurde entschieden, das Tier einzuschläfern. Am 14. Dezember erhielt der Wal ein Mittel, das sein Leiden beenden sollte. Zugleich sperrte der Bürgermeister den Zugang zur Sandbank Razende Bol, weil das öffentliche Interesse so groß war.
Doch der Wal starb nicht, das Mittel schien nicht zu wirken. Erst zwei Tage später, am 16. Dezember, wurde sein Tod festgestellt. Weitere zwei Tage später wurde der Kadaver bei Hochwasser von der Sandbank gezogen und in den Hafen des Forschungsinstituts NIOZ auf Texel gebracht. Bei der Untersuchung zeigte sich: "Johannes" war ein Weibchen. So wurde das Tier auf "Johanna" umgetauft - was sich aber nicht durchsetzte.
Die spätere Obduktion ergab als Todesursache akute massive Muskelschäden. Warum das Tier ursprünglich gestrandet war, ließ sich nicht mehr klären. Äußere Schäden, die etwa auf die Kollision mit einem Schiff schließen lassen könnten, wurden nicht festgestellt.
Neues Protokoll schreibt in bestimmten Fällen Sprengung vor
Die Geschichte um "Johannes" zeigt viele Parallelen zum "Timmy" genannten Buckelwal in der Ostsee. Wieder liegt ein großer Wal in flachem Wasser, allerdings über mehrere Wochen. Wieder ist das Tier geschwächt. Wieder prallen Fachurteile, politischer Druck und starke öffentliche Anteilnahme aufeinander. Erneut geht es um eine Grundfrage: Soll man noch retten oder weiteres Leiden vermeiden?
Nach langen Diskussionen und Wochen des Abwartens startete eine private Initiative eine erneute Rettungsaktion für Timmy: In einer Art stählernem Aquarium wurde der Wal Richtung Nordsee geschleppt. Die Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation (WDC) räumt ihm keine langfristigen Überlebenschancen ein. Das Tier werde nach dem Freisetzen kaum überleben, hieß es auch von der Internationalen Walfangkommission (IWC).
Der Fall "Johannes" in den Niederlanden hatte Folgen. Die niederländische Regierung legte 2013 ein landesweites Protokoll für gestrandete Wale vor, das klare Regeln aufstellt. So dürfen Rettungsversuche nur noch für höchstens zwölf Stunden nach der Strandung unternommen werden - gelingen diese nicht, muss ein Wal danach eingeschläfert werden. Bei großen Tieren ab einer Länge von sechs Metern soll diese sogenannte Euthanasie durch eine Sprengung des Kopfes durchgeführt werden.
Auch Abläufe, Zuständigkeiten und Kommunikation im Fall einer Lebendstrandung werden in dem niederländischen Protokoll genau geregelt. Der Grund: "Strandungen großer Meeressäugetiere an der niederländischen Küste haben große gesellschaftliche und politisch-administrative Auswirkungen", heißt es in dem Dokument.