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Traurige Weihnachten Corona-Todeszahlen werden weiter steigen

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Die Zahl der täglichen Covid-19-Toten wird voraussichtlich noch mindestens zwei Wochen weiter ansteigen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Auch wenn die fast 1000 Corona-Toten an einem Tag zum Teil auf Nachmeldungen zurückzuführen sind, steigt die Zahl der Menschen, die an oder mit Covid-19 sterben, deutlich an. Und das wird sich auch nicht so schnell ändern, Deutschland muss sich auf ein sehr trauriges Weihnachten einstellen.

952 gemeldete Corona-Tote an einem Tag und Berichte über ein überlastetes Zittauer Krankenhaus, das Triage anwenden muss, schrecken Deutschland auf. Zwar ist die hohe Zahl der an Covid-19 verstorbenen Menschen heute wahrscheinlich auch so hoch, weil Sachsen Fälle nachgemeldet hat, und die meisten Intensivstationen können die vielen Patienten noch verkraften. Aber die Situation wird sich voraussichtlich weiter verschlimmern, und in den kommenden Wochen muss das RKI vermutlich täglich mehr Corona-Tote zählen als jemals zuvor. Der harte Lockdown hat zwar begonnen, aber er wird erst im neuen Jahr Wirkung zeigen.

"Es ist fünf nach zwölf"

Bis Anfang Dezember sah es noch so aus, als habe der Teil-Shutdown wenigstens eine Stabilisierung des Infektionsgeschehens auf sehr hohem Niveau erreicht. Und daher hoffte Intensivmediziner-Chef Uwe Janssens, dass dies auch in 14 bis 20 Tagen auf den Intensivstationen zu einem leichten Rückgang der Belastung führen könnte. Doch das Gegenteil ist eingetreten. Die Wirkung der November-Maßnahmen ist quasi verpufft, und seitdem steigt die Zahl der Menschen, die sich im 7-Tage-Schnitt anstecken, wieder steil an. Am 3. Dezember waren es noch rund 17.700, gestern schon 22.900.

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Dies bedeutet, dass mit zwei- bis dreiwöchiger Verzögerung auch die Zahl der Covid-19-Patienten und letztendlich auch die der Corona-Toten ansteigt. Aber es ist noch schlimmer. Denn der Teil-Shutdown hat auf den Intensivstationen so gut wie keine Entlastung gebracht. In der Grafik der Intensiv-Fälle sieht man, dass die Kurve ungefähr ab Mitte November nur vorübergehend ein bisschen weniger stark ansteigt. Seit Monatsanfang geht es fast wieder senkrecht nach oben.

Und die freien Kapazitäten werden immer knapper, in einigen Regionen sind sie bereits erschöpft. An Zittau sieht man, was droht, wenn die Entwicklung so weitergeht. Es sei nicht fünf vor zwölf, sondern fünf nach zwölf, sagte Janssens bei "Anne Will". Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, er rechne damit, dass die Zahl der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen auf rund 5000 zur Jahreswende steigen werde.

Er übertreibt nicht: Am 1. Dezember wurden rund 3900 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen versorgt, inzwischen sind es bereits fast 4800. Und die Zahl der Erkrankten, die beatmet werden müssen, kletterte in dieser Zeit von etwa 2350 auf rund 2700. Ähnlich dramatisch entwickeln sich die Todeszahlen. Am 1. Dezember starben im 7-Tage-Schnitt 323 Menschen an oder mit Covid-19, jetzt sind es 485 und die Kurve steigt immer steiler an.

Inzidenzen der Über-80-Jährigen steigen weiter

Warum der November-Shutdown den Anstieg der Neuinfektionen zwar vorübergehend aufhalten konnte, aber nicht den der Intensiv-Fälle und Corona-Toten, liegt vor allem daran, dass er bei den entscheidenden Altersgruppen nicht gegriffen hat. Am stärksten wirkten die Maßnahmen bei den 15- bis 30-Jährigen. Je höher das Alter, desto geringer war der Effekt. Ab 75 Jahren haben die Neuinfektionen trotz des Teil-Shutdowns weiter zugenommen.

Was besonders schlimm ist: Bei den Über-80-Jährigen haben sich die 7-Tage-Inzidenzen seit Anfang Dezember sogar mehr als verdoppelt. Laut dem gestrigen RKI-Situationsbericht stieg die Inzidenz bei den Menschen zwischen 80 und 84 Jahren von 104 auf 207, bei den 85- bis 89-Jährigen von 145 auf 365, in der Altersgruppe darüber sogar von 208 auf 631.

85 Prozent der Covid-19-Opfer in Deutschland sind älter als 69 Jahre, im Mittel 82 Jahre. Eine RKI-Auswertung der ersten Corona-Welle ergab, dass fast jeder zweite Fall unter den ab 80-Jährigen hospitalisiert wurde und jeder dritte Covid-19-Patient dieser Altersgruppen der Krankheit erlag.

Pflegeheime schwer betroffen

Ein Großteil der Corona-Toten gibt es nach wie vor in Pflege- und Seniorenheimen. In Berlin beispielsweise hat sich laut "Tagesspiegel" die Hälfte der Covid-19-Opfer in solchen Einrichtungen angesteckt. Und die Infektionen in den Altersheimen nehmen weiter dramatisch zu. Nach offiziellen Zahlen meldeten die Gesundheitsämter der Hauptstadt bis Anfang Dezember 2050 Infektionen in Pflegeeinrichtungen, jetzt sind es bereits 3425. Zuletzt brach das Coronavirus in zwei Berliner Seniorenheimen aus. Mehr als 250 Menschen haben sich bisher infiziert, 32 Bewohner und ein Mitarbeiter sind gestorben. Am Dienstag meldete die Hauptstadt mit insgesamt 53 Opfern die bisher höchste Zahl von Covid-19-Toten an einem Tag.

Ähnlich sieht es in vielen anderen deutschen Städten und Kreisen aus. Zwar gibt es jetzt endlich nicht nur genügend Schutzmasken, sondern auch Schnelltests. Aber neben bürokratischen Hürden verhindert vor allem der chronische Personalmangel einen effektiven Einsatz, der durch Krankheiten oder Quarantänen eher noch gravierender geworden ist.

30 Schnelltests pro Bewohner stehen Heimen im Monat laut Testverordnung zu, und seit dieser Woche sind die Einrichtungen verpflichtet, ihre Mitarbeiter regelmäßig auf Covid-19 zu testen. Doch die Tests dürfen nur von Fachpersonal durchgeführt werden, was die Durchführung in zahlreichen Heimen verhindert oder zumindest behindert.

Großer Schutz-Aufwand

Der Aufwand ist groß: Das baden-württembergische Gesundheitsministerium schätzt, dass eine durchschnittlich große Einrichtung alleine zwei zusätzliche Personalstellen bräuchte, um alle Mitarbeiter wenigstens zweimal pro Woche zu testen. "Pflegen-online.de" berichtet, große Organisationen wie die Evangelische Heimstiftung mit 145 Einrichtungen und 13.500 Kunden könnten das stemmen. Aber auch die Heimstiftung sei immer noch auf der Suche nach "Fachkräften für Antigen-Schnelltests".

Die Leiterin einer Regionaldirektion mit zehn Einrichtungen hat erklärt, wie der Schutz der Heimbewohner in ihren Häusern abläuft: Seit Beginn des Teil-Shutdowns werden alle Mitarbeiter täglich, Bewohner zweimal in der Woche und Gäste immer vor Betreten der Einrichtung getestet. Besuche sind zwischen 14 und 18 Uhr möglich. Außerdem tragen alle Personen, die direkten Kontakt zu den Bewohnern haben, zu allen Zeiten eine FFP2-Maske - auch die Bewohner selbst.

"Da kann man noch so viel fordern"

Das Prozedere ist vorbildlich, kann aber noch nicht von allen über 15.000 deutschen Pflegeheimen umgesetzt werden. Und selbst bei umfassenden Schutzmaßnahmen ist es wahrscheinlich nicht möglich, Infektionen und damit Todesfälle in den Einrichtungen zu verhindern. "Bei hoher Gesamtinzidenz ist es kaum irgendwo gelungen, die Pflegeheime zu schützen, da kann man noch so viel fordern", twitterte Virologe Christian Drosten. "Deswegen muss prioritär die Gesamtinzidenz reduziert werden, wenn man Leben schützen will. Strategiewechsel-Forderungen ohne Lösungsvorschläge sind irreführend."

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Es ist also zum Schutz der alten Menschen essenziell, dass der Lockdown wirkt und die Zeit erkauft, die nötig ist, bis die Risikogruppen so weit wie möglich durchgeimpft worden sind. Aber selbst wenn es gelingt, die Zahl der Neuinfektionen auf deutlich weniger als 50 pro 100.000 Einwohner und Woche zu drücken, muss man leider wohl noch mindestens zwei Wochen mit so schrecklichen Meldungen wie in Berlin leben.

Höchststände nach Weihnachten

Eine Kombination verschiedener Modellierungen des German-Polish COVID-19 Forecast Hub ergibt, dass in der Weihnachtszeit im Schnitt etwa 515 Menschen pro Tag dem Virus erliegen werden, eine Woche später könnten es schon mehr als 570 sein. Viel wird davon abhängen, wie verantwortlich die Menschen mit ihren Freiheiten an Weihnachten umgehen werden.

Quelle: ntv.de