Wissen

Mondlandung vor 50 Jahren "Dass die hüpfen würden, war keinem klar"

imago72469031h.jpg

Astronaut "Buzz" Aldrin - zusammen mit Neil Armstrong schreibt er am 20. Juli 1969 Menschheitsgeschichte.

(Foto: imago/United Archives International)

Am 20. Juli 1969 landeten zum ersten Mal Menschen auf dem Mond. Der deutsche Astronaut Ulrich Walter erzählt im Interview mit n-tv.de, wie er die Mondlandung damals erlebte, wie die Menschheit für einen Moment zusammenwuchs - und warum der Mensch zum Mond zurückkehren wird.

n-tv.de: Herr Walter, zum Zeitpunkt der ersten Mondlandung am 20. Juli 1969 waren Sie 15 Jahre alt. Wie haben Sie das Ereignis in Erinnerung?

Ulrich Walter: Die eigentliche Landung auf dem Mond war an einem Samstag, so gegen 21 Uhr. Das Problem war, dass kein Mensch wusste, auch die Moderatoren der deutschen Livesendungen nicht, wann Neil Armstrong aussteigt. Stundenlang tat sich nichts. Irgendwann hat meine Mutter gesagt, Junge, jetzt gehst du ins Bett. Tatsächlich machte dann morgens gegen vier Uhr Neil Armstrong die ersten Schritte auf dem Mond - aber da habe ich geschlafen. Als ich dann aufwachte, waren die Medien voll davon. Radio, Fernsehen. Das können Sie sich gar nicht vorstellen - es gab kein anderes Thema.

UWalter_16-12-13_1930x2500.jpg

Ulrich Walter ist ein deutscher Astronaut und Professor an der Technischen Universität München.

Bedauern Sie, dass sie den historischen ersten Schritt verpasst haben?

Ich muss sagen, gar nicht so sehr. Meine Mutter hatte mich ins Bett geschickt, weil ich am Montag eine Arbeit in der Schule vor mir hatte. Sie wollte nicht, dass ich am Sonntag davor todmüde bin. Das war schon in Ordnung.

Es wurde später oft so beschrieben, dass die Mondlandung ein Gefühl der Einigkeit unter den Menschen hervorrief. Können Sie das bestätigen?

Ja. Man muss auch bedenken, in den 60er-Jahren waren die Deutschen sehr pro-amerikanisch, weit mehr als heute. Alle schwärmten von den USA. Man war auch sehr verbunden, weil es eben auch diese Aufbruchsstimmung in der Technik gab. Wir machen etwas Neues - dieser Gedanke war damals weit verbreitet. Es war daher nicht nur so, dass die Amerikaner auf dem Mond waren - die Menschheit war da. Und das war schon verbindend.

Lieferten die ersten Aufnahmen vom Mond etwas, womit man nicht gerechnet hatte?

Man hatte sich das so vorgestellt: Die fliegen da hin und spazieren dann auf der Mondoberfläche genauso wie Menschen auf der Erdoberfläche spazieren. Dass die hüpfen würden, das war keinem klar. Ich meine, wem ist wirklich klar, dass der Mond nur ein Sechstel der Erdschwerkraft hat und dass es deshalb einfacher ist, sich hüpfend fortzubewegen?

Die Reise zum Mond und zurück dauerte damals insgesamt acht Tage. Sie sind 1993 selbst mit dem Space Shuttle für fast zehn Tage ins All geflogen. Wie ist so ein Raumflug?

Es ist faszinierend. Es ist eine ganz andere Situation. Eine Situation, in der Sie vorher nie waren. Und es ist sehr erhaben. Sie schauen auf die Erde hinunter und merken, dass die Dinge, die man sieht, anders sind als man dachte. Etwa, dass die Wolken eine ganz besondere, regelmäßige Anordnung haben, die man auf der Erde gar nicht sieht. Und jeder Kontinent hat seine besondere Farbe. Die Erde aus einer so großen Distanz ist ein sehr wichtiger Eindruck. Und der bleibt. Der prägt.

Das hat nichts Beängstigendes?

Nein. Und zwar allein deswegen, weil es absolut ruhig ist. Sie fliegen ja antriebslos. Keine Geräusche. Die Erde zieht langsam vorbei. Eigentlich eine Situation zum Entspannen, zum Genießen, ohne sich Gedanken zu machen.

Ich komme leider nicht um das Thema Verschwörungstheorien herum. Bis heute wird thematisiert, ob die Mondlandung gefälscht war. Warum glauben Sie, ist das so?

Interessant zu beobachten ist: Wenn sie heute junge Menschen fragen, sagen die, natürlich waren wir auf dem Mond. Das wird überhaupt nicht mehr angezweifelt. Nur die Älteren, so zwischen 50 und 60 Jahren, sind meistens die, die mit solchen Fragen auf mich zukommen. Denn sie wurden geprägt in der Zeit der technologischen Zweifler. In den 60er-Jahren waren die Menschen ja noch sehr technikgläubig, aber in den 80er-Jahren kamen Zweifel und eine gewisse Technikfeindlichkeit auf. Die war in den 90er-Jahren sehr stark und flacht im Augenblick wieder ab.

Mit welchem Argument versuchen Sie, Zweifler zu überzeugen?

Wir haben Mondgestein. 382 Kilogramm Mondgestein.

Da könnte man doch sagen, das ist gefälscht und stammt eigentlich von der Erde?

Nein. Das kann man eben nicht sagen. Denn Mondgestein hat Eigenarten, die wir auf der Erde nicht haben. Da ist etwa Helium drin. Auch die Russen haben Mondgestein, sie haben es nämlich durch unbemannte Missionen vom Mond mitgebracht. Und es sieht exakt genau so aus wie das Mondgestein der Amerikaner. Übrigens: Die Russen haben nie angezweifelt, dass die Amerikaner auf dem Mond waren. Die haben nämlich mit ihren Antennen die Funksprüche vom Mond aufgefangen und abgehört.

In wenigen Jahren könnten wieder Menschen auf dem Mond landen. Die USA und auch andere Länder wie China verfolgen ambitionierte Mondprogramme. Warum müssen wir zurück zum Mond?

Es gibt zwei Gründe, wieder zum Mond zu fliegen. Der eine ist der geplante Flug zum Mars. Wenn wir dort hinwollen, geht es nur über den Mond. Zum einen, weil der Mars weit weg und so kompliziert zu erreichen ist, dass die Zuverlässigkeit der Technologie noch nicht ausreicht. Das heißt, wir müssen sozusagen den Mond als Testfeld nutzen. Zum anderen wird es eine "Lunar Gateway" genannte Raumstation geben, die um den Mond kreist. Von dieser aus ist der Mars gut zu erreichen. Der zweite Grund für die Rückkehr der Menschheit zum Mond: Es wird Mond-Tourismus geben. Und der wird meiner Meinung nach sehr groß werden. Wir haben bereits heute zuverlässige Technik dafür.

Billig wird so ein Trip aber wahrscheinlich nicht?

Nein. SpaceX-Chef Elon Musk hat einen für 2023 geplanten Flug zum Mond für 150 Millionen Dollar an einen japanischen Unternehmer verkauft. Aber die Preise werden über die Jahre runtergehen. Irgendwann wird ein Flug nur noch eine Million Dollar kosten. Das ist zwar immer noch viel, aber es gibt eine Reihe von Menschen, die eine Million Dollar bezahlen können.

Würden Sie auch mal gerne als Tourist zum Mond reisen?

Ich würde das richtig gerne machen. Nicht einmal, um dort zu landen. Sondern einfach, um den Mond zu umkreisen und die Erde von dort aus zu sehen.

Mit Ulrich Walter sprach Kai Stoppel

Jetzt bei TVNOW die exklusive Doku "Wettlauf zum Mond" ansehen.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema