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Droht der Erde ihr Schicksal? Der neue Anlauf zur Venus

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Im Jahr 2031 könnte die ESA-Mission "Envision" zur Venus starten.

(Foto: ESA/VR2Planets/Damia Bouic)

Die Venus könnte ein Zwilling der Erde sein - doch auf ihrer Oberfläche herrschen extreme Bedingungen. Ein Treibhauseffekt macht den Planeten zur lebensfeindlichen Hölle. Doch wie konnte es so weit kommen? Eine ganze Reihe neuer Weltraum-Missionen soll das Rätsel lösen.

Wenn es um Leben auf anderen Planeten im Sonnensystem geht, gelten Mars und Venus als heißeste Kandidaten. Während die Suche auf dem Mars seit Jahren in vollem Gange ist, wurde die Venus zuletzt jedoch wenig beachtet. Doch plötzlich hat die Wissenschaft das Interesse an dem nächsten Nachbarplaneten der Erde wiederentdeckt. Ein Grund: Aus Sicht der Menschheit könnte die Erforschung der Venus Antworten auf überlebenswichtige Fragen liefern.

Gleich drei neue Weltraummissionen zur Venus wurden in den vergangenen Wochen vorgestellt: Anfang Juni legte die US-Raumfahrtbehörde NASA mit ihren Sonden "Davinci+" und "Veritas" vor, die im Zeitraum zwischen 2028 und 2030 starten sollen. "Das nächste Jahrzehnt wird der Venus gehören", sagte NASA-Wissenschaftsdirektor Thomas Zurbuchen. Die Raumfahrtagentur ESA präsentierte dann vergangene Woche das Konzept für ihre eigene Sonde "Envision", die in den frühen 2030er Jahren zur Venus starten soll.

Dass bisher vor allem der Mars als Landeplatz für eine wachsende Zahl von Forschungs-Robotern dient, liegt an den vergleichsweise günstigen Bedingungen auf seiner Oberfläche. Dort ist es zwar bitterkalt, aber Rover wie "Perseverance" können dort dennoch lange Zeit ungestört operieren. Die Oberfläche der Venus hingegen ist für technisches Gerät jeglicher Art eine Todeszone: Dort herrscht ein Druck, so stark wie in 900 Meter Meerestiefe. Die Temperaturen können rund 450 Grad Celsius erreichen, was sogar Blei zum Schmelzen bringt. Sowjetische Lander in den 1970er- und 1980er-Jahren überlebten selten länger als eine Stunde.

Droht der Erde ein ähnliches Schicksal?

Grund für die enorme Hitze ist ein massiver Treibhauseffekt. Die Venusatmosphäre besteht zu mehr als 90 Prozent aus CO2. Auf der Erde sorgt ein CO2-Gehalt von knapp 0,04 Prozent bereits für Probleme. Am Venushimmel treiben dichte Wolken aus ätzender Schwefelsäure. Was das Ganze noch bedenklicher macht: Die Venus ist praktisch eine Kopie der Erde. Sie ist fast genauso groß, und auch ihre Zusammensetzung weist starke Ähnlichkeiten auf. Zudem gibt es Hinweise, dass es auf der Venus früher Wasser in flüssiger Form gegeben haben könnte. Forscher fragen sich daher, ob der Planet erst mit der Zeit zur Gluthölle verkam - und ob der Erde ein ähnliches Schicksal drohen könnte.

"Die Wissenschaft ist gespalten in der Frage, ob die Venus in der Vergangenheit erdähnlich und bewohnbar war, mit Ozeanen aus flüssigem Wasser. Oder ob ihre Entwicklung dieses Stadium, schön und sanft und bewohnbar zu sein, umgangen hat", sagte Colin Wilson von der Oxford University, der das Konzept von "Envision" mitentwickelt hat, gegenüber der Studentenzeitung "Cherwell". Wilson hofft nun, dass die neue ESA-Mission Antworten darauf finden wird.

Auch bei der NASA will man verstehen "wie ein erdähnlicher Planet zu einem Treibhaus werden kann", so Zurbuchen. "Es ist erstaunlich, wie wenig wir über die Venus wissen, aber die kombinierten Ergebnisse dieser Missionen werden uns etwas über den Planeten erzählen, von den Wolken am Himmel, über die Vulkane auf der Oberfläche bis hinunter zu seinem Kern", sagte Tom Wagner, Wissenschaftler des Discovery-Programms der NASA. "Es wird so sein, als ob wir den Planeten wiederentdeckt hätten."

Eintauchen in die Venusatmosphäre

Die spektakulärste der drei neuen Venus-Missionen ist mit Sicherheit "Davinci+". Sie besteht aus einer Kapsel, die durch die dichte Atmosphäre des Planeten tauchen und präzise Messungen ihrer Zusammensetzung machen soll. Ziel ist, zu verstehen, warum die Venusatmosphäre im Vergleich zur Erde ein Treibhaus ist. Auch soll eine Kamera an Bord hochauflösende Bilder von den sogenannten Tesserae schießen, möglichen Venus-Kontinenten. Es ist die erste US-Mission in die Venusatmosphäre seit 1978.

Die Sonde "Veritas" soll zu gleicher Zeit als Orbiter die Venus kartieren, um die geologische Geschichte des Planeten zu bestimmen. Auch darin sehen Forscher einen Schlüssel zu der Frage, ob eine einst milde Venus auf die schiefe Bahn geriet - und warum. Bei dem Projekt kreist das mit einem Radar ausgestattete Raumschiff um die Venus und erstellt dabei ein 3D-Bild des Planeten. Die NASA-Forscher erhoffen sich dadurch Erkenntnisse dazu, ob Prozesse wie Plattentektonik und Vulkanismus auf der Venus noch aktiv sind.

"Ist die Venus lebendig oder tot, geologisch gesehen?" - aus Sicht von Planetenforscher Wilson eine der entscheidenden Fragen. Radarbilder der Oberfläche hatten in den 90er Jahren gezeigt, dass es zumindest in der Vergangenheit aktive Vulkane gegeben haben muss. Ob dies noch immer der Fall ist, ist aufgrund der undurchsichtigen Wolkendecke von außen nicht feststellbar. Die europäische Mission "Envision" soll nun thermische Signaturen möglicherweise noch aktiver Vulkane aufspüren und deren Gasfahnen orten.

Umstrittene Hinweise auf Leben

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Spekulationen über möglicherweise noch existierendes Leben auf der Venus hatte im September 2020 der vermeintliche Fund des Gases Monophosphan in der Venusatmosphäre angeheizt. Dieses Gas gilt als Biomarker für mögliches außerirdisches Leben, denn auf der Erde wird es nur künstlich vom Menschen oder biologisch von Mikroorganismen produziert. Bis heute ist jedoch umstritten, ob die Forscher tatsächlich Monophosphan entdeckt haben.

Sicher ist: Nach Jahren der Einsamkeit dürfte rund um die Venus bald wieder mehr los ein. Die letzte NASA-Mission mit der Sonde "Magellan" liegt mehr als 20 Jahre zurück. Europa hatte zuletzt die Raumsonde "Venus Express" losgeschickt, die den Planeten von 2006 bis 2014 umkreiste. Lediglich die japanische Klimabeobachtungssonde "Akatsuki" kreist noch im Orbit der Venus. Aber nicht nur ESA und NASA planen neue Missionen, sondern auch Indien mit "Shukrayaan-1" sowie die russische Weltraumagentur mit "Venera-D". Das Verständnis des seltsamen Schwesterplaneten dürfte damit wachsen - und damit vielleicht auch das der Erde.

Quelle: ntv.de

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