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SARS-Ausbruch vor 20 Jahren "Die vierte Phase der Epidemien"

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Der Chefarzt der Lungenklinik Hemer in NRW steht im Frühjahr 2003 vor einer Projektion, die das neuartige Coronavirus zeigt. Die Lungenseuche SARS hatte damals bereits Deutschland erreicht.

(Foto: picture alliance / dpa)

Vor 20 Jahren tritt eine zuvor unbekannte Lungenkrankheit im Süden Chinas auf. Sie wird wie Covid-19 von einem Coronavirus ausgelöst und verbreitet sich rasend schnell um die Erde. Ihr Name: SARS. Aus Sicht von Medizinhistoriker Jörg Vögele ist sie der Auftakt zu einer neuen Ära.

Der erste Patient erkrankte am 16. November 2002. Zumindest ist es der erste, von dem man weiß. Er war 45 Jahre alt und lebte mit seiner Frau und vier Kindern in der Stadt Foshan in der südchinesischen Provinz Guangdong. Dort war er in der Verwaltung und als Dorfvorsteher tätig. Dann erkrankte er an einem neuartigen Lungenleiden, das später den Namen SARS erhielt. Er war zuvor nicht gereist, aber hatte Lebensmittel zubereitet: darunter Huhn, Hauskatze und Schlange.

Dieser erste Fall kam jedoch erst viel später ans Licht. Die chinesische Regierung bemühte sich anfangs, die Berichterstattung über die sich ausbreitende unbekannte Krankheit zu unterdrücken. Erst am 10. Februar 2003 informierte Peking die WHO. Damals gab es in China bereits mehr als 300 Infektionen und fünf Todesfälle.

Und vielleicht wäre die Krankheit ein regionales Phänomen geblieben, wenn es nicht einen Zwischenfall in Hongkong im Februar 2003 gegeben hätte. Dort checkte ein Professor aus der Provinz Guangdong in das Metropole Hotel ein. Er wollte die Hochzeit seines Neffen besuchen. Doch schon seit Tagen fühlte er sich krank. Im Hotel verschlechterte sich sein Zustand und er wurde in ein Krankenhaus gebracht, wo er zwei Wochen später starb. Er war mit dem neuen SARS-Virus infiziert. Mehrere andere Hotelgäste steckten sich an und trugen das Virus in alle Welt.

Es war der Beginn von etwas, was später als "Mini-Pandemie" beschrieben wurde. SARS, auch schweres akutes Atemwegssyndrom genannt, befiel weltweit mehr als 8000 Menschen. Von ihnen starben 774, etwa zehn Prozent aller Infizierten. "Von der Letalität her ist das natürlich viel schlimmer als Corona", sagt der Medizinhistoriker Jörg Vögele zu ntv.de. "Wenn SARS so ansteckend gewesen wäre wie Corona, dann hätte man damals ein echtes Problem gehabt."

Sprung aus dem Tierreich

SARS wird, wie später Covid-19, von einem Coronavirus ausgelöst. Es trägt den Namen Sars-CoV und ist ein enger Verwandter von Sars-CoV-2, allerdings kein unmittelbarer Vorgänger. Heute vermutet man, dass sich das Virus von Schleichkatzen der Art Larvenroller auf den Menschen übertragen hatte. Auf Märkten in der Provinz Guangdong entdeckte man eng verwandte Viren in dort angebotenen Tieren. Die Bausteine für das Virus wurden 14 Jahre später in Fledermäusen in Südchina entdeckt, die damit als ursprünglicher Wirt gelten.

Doch anders als Covid-19 endete die SARS-Pandemie bereits nach einigen Monaten. Am 5. Juli 2003 erklärte die WHO den weltweiten Ausbruch als eingedämmt. "Das Virus war nicht so ansteckend wie Corona", sagt Vögele. "Und Menschen waren erst ansteckend, nachdem sie Symptome entwickelt hatten. Das machte die Kontrolle einfacher." Erkrankte konnten schnell erkannt und isoliert werden, bevor sie andere ansteckten. Das Tückische an Covid-19 ist hingegen, dass auch Menschen ohne Symptome das Virus verbreiten.

Von der Blitz-Pandemie 2002/2003 waren rund 30 Länder auf der Erde betroffen. Auch in Deutschland gab es neun Erkrankte, die allerdings alle überlebten. Es gab hierzulande keine Infektionsketten, alle Infizierten waren zuvor eingereist. Damals machte zudem ein junger deutscher Virologe namens Christian Drosten von sich reden, weil er mit Kollegen den Erreger identifizierte und einen Schnelltest entwickelte. Während der Corona-Pandemie ab 2020 wird er zu einer der wichtigsten wissenschaftlichen Stimmen in Deutschland.

Globalisierung bringt neue Epidemien

So scheint die SARS-Pandemie wie ein Vorspiel auf das, was fast zwei Jahrzehnte später folgen sollte. Sowohl SARS, die 2012 aufgetauchte Seuche MERS und Covid-19 werden von Coronaviren ausgelöst. "Diese Coronaviren sind eine relativ neue Sache", sagt Vögele. "Im 19. Jahrhundert gab es Cholera und Tuberkulose als chronische Infektionskrankheit. Im 20. Jahrhundert waren es die grippeartigen Erkrankungen und gegen Ende AIDS. Und jetzt kommen die grippe- und coronaartige Erkrankungen."

Die Gründe dafür: "Man kann diese Entwicklung nur im Rahmen der zunehmenden Globalisierung sehen", sagt Vögele. "Wenn Raubbau an der Natur betrieben wird, immer mehr Wälder gerodet werden, dann gibt es immer mehr Viren, die von den Tieren auf die Menschen überspringen können." Der Mensch selbst würde durch seine Aktivitäten "ganz neue Biotope von Viren" erschließen. Und mit dem internationalen Flugverkehr würden neuartige Erreger schnell um die ganze Welt verteilt. Bereits SARS zeigte diese "Anzeichen für Pandemien in einer globalen Welt" - vom Ursprungsland China eigentlich weit entfernte Länder wie Kanada und die USA waren relativ schnell betroffen.

Mit der Globalisierung ist die Menschheit im Wandel. Wenn dieser Wandel veränderte Krankheitsmuster nach sich zieht, spricht man von einem epidemiologischen Übergang. "Es gab bisher drei Phasen", so Vögele. "Die erste ist vorindustriell, das Zeitalter der Seuchen und Hungersnöte. Die zweite ist das Zurückgehen der Seuchen und das Steigen der Lebenserwartung während der Industrialisierung." Die dritte Phase sei das Zeitalter der durch den Menschen verursachten Krankheiten (man-made-diseases) im 20. Jahrhundert, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. "Ich würde sagen, wir sind nun in einer vierten Phase der Epidemien. Die Rückkehr der Infektionskrankheiten."

Weckruf für die Welt

Doch die Menschheit ist dem nicht schutzlos ausgeliefert. Und die vergleichsweise glimpflich abgelaufene SARS-Pandemie 2002/2003 könnte auch eine Art Weckruf gewesen sein. "Bei der WHO hatte man damals bereits erkannt, dass das ein Problem darstellt und in den folgenden Jahren wurden die Richtlinien aktualisiert, wie man mit solchen Pandemien umgeht", so Vögele. Es gab auch einige Staaten in Asien, die nach SARS Vorsorge für die nächste Pandemie getroffen hatten, unter anderem Singapur und Taiwan. Sie waren es auch, die nach Ausbruch von Covid-19 am schnellsten mit Gegenmaßnahmen reagiert hatten. Auch in Deutschland wurde 2005 der erste Nationale Pandemieplan ausformuliert. Der SARS-Ausbruch beschleunigte zudem den Aufbau des Europäisches Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten ECDC.

Zudem half die Erfahrung mit SARS später auch bei der rasend schnellen Entwicklung eines Impfstoffs gegen Covid-19. Denn nach Ausbruch der SARS-Pandemie war ebenfalls an Impfstoffen gegen das damalige Coronavirus gearbeitet. Allerdings erreichte keiner von diesen die Marktreife. Das lag auch daran, dass SARS, nach einem kurzen Aufflackern Ende 2003 und Anfang 2004 - darunter Infektionen nach Laborunfällen in Peking, Taiwan und Singapur - einfach wieder verschwand. Die Krankheit wurde seitdem nie mehr beim Menschen festgestellt.

Quelle: ntv.de

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