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"Nicht im Winter" Epidemiologe nennt Corona-Strategie illusorisch

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Epidemiologe und Virologe Klaus Stöhr hält niedrige Corona-Inzidenzen im Winter für unrealistisch.

(Foto: imago images/Xinhua)

Das Ziel des Lockdowns ist, die 7-Tage-Inzidenz unter 50 pro 100.000 Einwohner zu drücken. Epidemiologe Klaus Stöhr nennt das "illusorisch". Er sagt, niedrige Inzidenzen seien im Winter nicht zu erreichen und plädiert für eine ganz andere Strategie zur Bewältigung der Corona-Pandemie.

"Es wird vermutlich noch mehrere Wochen dauern, bis die Fallzahlen zurückgehen", sagt RKI-Chef Lothar Wieler. Die bundesweite 7-Tage-Inzidenz liegt aktuell bei fast 200 registrierten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern. Ziel des Lockdowns ist, sie mindestens auf 50 zu senken. Selbst wenn die Maßnahmen mit der erwarteten Verzögerung Wirkung zeigen, wird das sehr schwierig und kein Experte erwartet ernsthaft, dass der Wert vor Februar in greifbare Nähe rücken könnte. Was aber soll geschehen, wenn dies nicht gelingt? Epidemiologe Klaus Stöhr erwartet im Gespräch mit ntv.de genau das, er hält das Ziel einer Inzidenz von 50 oder sogar niedriger schlicht für "illusorisch" und mahnt eine veränderte Strategie zur Bewältigung der Pandemie an.

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Klaus Stöhr ist Epidemiologe, aber auch Virologe.

(Foto: privat)

Stöhr ist Epidemiologe und Virologe, leitete bis 2007 das weltweite Influenza-Programm der WHO und war dort auch Sars-Forschungskoordinator. Danach war er Chef der Impfstoff-Forschung des Schweizer Pharmakonzerns Novartis in den USA. Er weiß also, wovon er spricht, was angesichts des mäßigen Erfolgs des Teil-Shutdowns im November für die kommenden Monate nachdenklich stimmt.

50er-Inzidenz weder erreichbar noch haltbar

In unserer Klimazone sei das Ziel einer 50er-Inzidenz nicht machbar, sagt er. Bei einer so hohen Infektiosität und weil noch mehr als 90 Prozent der Bevölkerung keine Immunität gegen das Virus entwickelt hätten, "können selbst drastische Einschränkungen die dauernde Viruszirkulation nur in einem begrenzten Umfang und dann nur über einen kurzen Zeitraum reduzieren". Ein Inzidenzwert von unter 50 im Winter sei "illusorisch", so Stöhr.

Er hat dafür eine plausible Begründung: Vergleichbare Atemwegsinfektionserreger wie das Influenzavirus zirkulierten auf einem ähnlichen Niveau im Winter, erklärt er. "Und das, obwohl dagegen viel mehr Menschen immun sind als gegen Corona." Der Epidemiologe glaubt daher auch nicht, dass eine Inzidenz von 50 Neuinfektionen pro Woche und 100.000 Einwohnern über eine Kontaktverfolgung der Gesundheitsämter zu verteidigen wäre. Das Überschreiten dieses Werts habe man im Oktober nicht aufhalten können, "wie sollte das dann im Winter gelingen, selbst wenn die Marke irgendwie erreicht werden würde"?

Den Einsatz ausgebildeten Personals der Gesundheitsämter in der Kontaktnachverfolgung hält der Wissenschaftler für Verschwendung. Sie fehlten bei der Umsetzung von Hygiene-Richtlinien und -Konzepten in Seniorenheimen und Schulen, sagt er.

Die große Mehrheit sieht es anders

Die Auffassung Stöhrs steht im krassen Gegensatz zu einem Positionspapier, das mehr als 300 renommierte europäische Wissenschaftler unterstützen, unter ihnen Christian Drosten, Sandra Ciesek, Melanie Brinkmann und die Leiter mehrerer Institute und Forschungsorganisationen wie die Leopoldina. Auch RKI-Chef Lothar Wieler hat unterzeichnet.

Die Wissenschaftler fordern eine grenzüberschreitende Strategie, die zum Kern hat, die 7-Tage-Inzidenz noch wesentlich tiefer als auf 50 pro 100.000 Einwohner zu drücken. Die Fallzahlen sollen auf maximal zehn Neuinfektionen pro eine Million Einwohner pro Tag zurückgehen. Das entspricht einer 7-Tage-Inzidenz von sieben Fällen pro 100.000 Einwohnern. Auf Twitter schrieb Initiatorin Viola Priesemann, dieses Ziel sei in vielen Ländern erreicht worden und könne in ganz Europa spätestens im Frühjahr wieder erreicht werden.

Die Max-Planck-Physikerin stützt ihre Theorie weitgehend auf mathematische Modelle, was Stöhr für problematisch hält. Er habe sehr viele Modellierer gesehen, die sicherlich auch akademisch gute Arbeit leisteten, sagt er. Sie zeigten aber zu wenig Verständnis für die eigentliche Epidemiologie von respiratorischen Erkrankungen - nicht nur in den gemäßigten, sondern auch tropischen und subtropischen Klimazonen. Ansonsten würde man jetzt nicht Taiwan und Südkorea als Beispiele nehmen, wo immer Sommer sei, sagt er. Und "dann würde man auch nicht glauben, dass man mit 50 Fällen pro 100.000 im Winter auskommt".

Klaus Stöhr fordert nicht, die Pandemie einfach laufen zu lassen, bis die sogenannte Herdenimmunität erreicht ist. Man müsse vermeidbare Erkrankungen und Todesfälle so stark wie möglich reduzieren, sagt er, "bei einem geringstmöglichen Einfluss auf die Wirtschaft durch die Pandemie und durch die Bekämpfungsmaßnahmen - und bei einem tolerierbaren und akzeptablen Niveau der Einschränkung der Freiheit".

Stöhr verlangt ein klares Ziel

Dafür wünscht er sich von der Politik, ein klares Ziel zu formulieren. Das ist für Stöhr keine bestimmte Inzidenz. Beispielsweise könne man sagen, man müsse durchhalten, bis Mitte nächsten Jahres die Risikogruppen durchgeimpft sind. Bis dahin müsse man so viele Neuinfektionen in Kauf nehmen, wie sie das Gesundheitssystem verkraften könne.

Damit meint der Epidemiologe vor allem die Auslastung der Intensivbetten. Die Erfahrung der jüngsten Zeit habe gezeigt, dass man mit rund 25.000 Fällen pro Tag beziehungsweise einer Inzidenz zwischen 100 und 120 in Deutschland umgehen könne, so Stöhr. Die Reproduktionszahl solle dabei nicht höher als 1 sein, aber auch nicht viel niedriger. Damit es nicht ständig rein oder raus aus den Kartoffeln heiße.

Der Fokus müsse dabei auf dem Schutz der Altenheime liegen. "Ich habe schon immer gesagt, die 900.000 in den Pflegeheimen sind die eigentlich Betroffenen." Ja, es gäbe viele Millionen besonders gefährdeter Menschen, die zu Hause leben. Mehr als die Hälfte von denen, die jetzt sterben, würden aber in Heimen betreut. "Wenn man sich auf die konzentriert, bräuchte man auch den Nebenkriegsschauplatz Schulen und Kindergärten nicht", sagt Stöhr.

Alte schützen, ohne Schulen zu schließen

Schulen zu schließen sei im Prinzip die Entscheidung, Erwachsene nach Hause zu schicken. "Ab zehn bis zwölf Jahren muss man Kinder als infektiöse Erwachsene betrachten." Wie junge Erwachsene erkrankten sie aber seltener und meistens weniger stark. Verniedlichen wolle er die Gefahr aber nicht, er wisse, dass auch jüngere Menschen schwer erkranken und auch sterben können. Aber die Wahrscheinlichkeit sei eben "sehr, sehr gering". Und als Populationsmediziner und Epidemiologe finde er es "unvernünftig, Schulen und Kindergärten zu schließen, wenn man weiß, dass die Hauptauswirkungen bei den Alten liegen".

Natürlich könne man argumentieren, wenn Jugendliche erkrankten, entstehe ein Infektionsdruck auf Altenheime und Ältere, räumt Stöhr ein. Da wäre man aber wieder beim Lehrbuchwissen. Akademisch sei das korrekt. Aber deswegen gibt es ja Interventionen und er habe beispielsweise schon im März Tests für Besucher angemahnt.

"Es gibt die Möglichkeiten, die Alten zu schützen, ohne dass man die Pandemieentwicklung - die ja nicht aufzuhalten ist bei so einem Naturereignis - unvernünftig in die falschen Bahnen lenkt", so der Epidemiologe. Hätte man im Sommer nicht so viele Maßnahmen getroffen, gäbe es jetzt viel mehr junge Menschen, die nicht mehr infektiös sind, sagt er. Die Pandemie sei erst vorbei, wenn alle infiziert waren oder geimpft wurden.

Im Sommer sei auch versäumt worden, die nötigen Forschungen anzugehen, mit deren Ergebnissen man jetzt wissen würde, welche Maßnahmen effizient seien, kritisiert Stöhr. So fehlten jetzt Entscheidungskriterien. Es gibt keine Ergebnisse, inwieweit das Schließen von bestimmten Einrichtungen, beispielsweise Museen, Restaurants oder Bars, eine Rolle spiele. Es gäbe noch nicht mal eine Studie, die belege, dass Quarantäne wirksam ist.

Ethische, medizinische, ökonomische und freiheitliche Komponente

Einschränkende Maßnahmen sind auch nötig, um eine Inzidenz von 100 oder die Reproduktionszahl bei 1 zu halten, da ist der Epidemiologe realistisch. Aber, welche das jetzt genau sein sollten, möchte er nicht festlegen. Denn das seien politische Entscheidungen, "die mit einer klaren ethischen, medizinischen, ökonomischen und freiheitlichen Komponente" getroffen werden müssten. So viel verrät er dann aber doch: Die Restaurants hätte er nicht geschlossen, das Geld für deren Unterstützung hätte man besser in den Ausbau der Intensivkapazitäten stecken sollen.

Es gelte, die Maßnahmen durch die Stellschrauben, die man habe, ständig anzupassen. Das seien neben den Masken die Entscheidungen, Geschäfte und Restaurants zu öffnen oder zu schließen beziehungsweise wie viele Personen zugelassen sind. Auch Schulschließungen gehören für Stöhr zu den Stellschrauben. Man müsse die Maßnahmen so anpassen, das man prospektiv mit einem gewissen Sicherheitsvorbehalt das Ziel ansteuern könne, erklärt der Wissenschaftler.

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"Wir haben jetzt fast ein Jahr Zeit gehabt, die Sache durchzurechnen, dass wir immer zwei bis drei Wochen vorher einigermaßen wissen, in welche Richtung es gehen muss", sagt Stöhr. Und dann könne man regional oder national gegensteuern oder auch mal nachlassen. Das sei nichts Neues, das habe man schon bei vorangegangenen Pandemien so gemacht.

Einen Jojo-Effekt zu fürchten und einheitliche Maßnahmen das ganze Jahr durchzuziehen, ergibt für den Epidemiologen keinen Sinn. Es handle sich bei der Corona-Pandemie um ein Naturereignis. Entsprechend müsse man sich den Naturkräften anpassen. "Eine langfristige Strategie, die sich adaptiv an die wechselnden Bedingungen einer saisonalen Infektionserkrankung anpasst", nennt Stöhr das.

Quelle: ntv.de