"System ist kritisch belastet"Erdbeben-Studie: Spannungen bei Los Angeles auf 1000-Jahres-Höchstwert

Die Gefahr eines massiven Bebens in Südkalifornien ist bekannt. Jetzt zeigt eine neue Untersuchung, dass die unterirdische Spannung in der Region Los Angeles so hoch ist wie seit 1000 Jahren nicht mehr. Die Folgen eines Bruchs wären für die Metropole verheerend.
Man spricht von "The Big One" - einem gewaltigen Erdbeben, das irgendwann Kalifornien erschüttern könnte. Dass es irgendwann so kommt, halten Experten für ausgemacht. Doch wann es so weit sein wird, kann niemand vorhersagen. Eine neue Studie kommt jedoch zu dem Schluss, dass die Spannungen in der Erde in der Region Los Angeles so stark sind wie seit mindestens 1000 Jahren nicht mehr.
Der US-Bundesstaat Kalifornien ist stark erdbebengefährdet. Immer wieder kommt es dort zu spürbaren, leichteren Erdbeben. Ein internationales Forschungsteam hat 1000 Jahre Erdbebengeschichte in Südkalifornien nachmodelliert. "Indem wir die Erdbebengeschichte Südkaliforniens als Simulation durchführen, können wir abschätzen, wie stark das Verwerfungssystem heute bereits belastet ist", sagte Studienleiterin Liliane Burkhard von der Universität Bern laut einer Mitteilung.
Erdbeben entstehen meist entlang sogenannter Bruchzonen in der Erdkruste, wo Erdplatten aneinander vorbeigleiten und sich verhaken. Genau in Kalifornien schieben sich die Pazifische Platte und die Nordamerikanische Platte aneinander vorbei. Dabei baut sich über lange Zeit Spannung auf, die sich plötzlich in Form eines Erdbebens entlädt.
Sichtbar wird das an tektonischen Verwerfungen wie der San-Andreas- und der San-Jacinto-Verwerfung in Südkalifornien. Wo sich die beiden Verwerfungssysteme nordöstlich von Los Angeles annähern, liegt der Cajon Pass, eine Art Knotenpunkt für Verwerfungen. Sollte es zu einem großen Erdbeben kommen, könnte sich dort entscheiden, ob es auf eine einzelne Verwerfung begrenzt bleibt oder sich über beide Systeme ausbreitet, so die Forscher.
"Was uns besorgt, ist nicht nur, dass die Spannungen historische Höchstwerte erreichen", so Burkhard. Auch würden sich die Spannungsbedingungen zwischen den dortigen Verwerfungssystemen einem Bereich nähern, der mit großen Erdbeben in Verbindung gebracht wird. "Und das ist ein Szenario mit deutlich größeren Folgen für die Region", sagte Burkhard.
Forscher: Keine Vorhersage für Beben
Ein gemeinsames Erdbeben der San-Andreas-Verwerfung und der San-Jacinto-Verwerfung wäre ein deutlich folgenschwereres Ereignis als ein Ereignis, das auf eine einzelne Verwerfung beschränkt bleibt, so die Forscher. Denn in dem Gebiet liegen einige der am dichtesten besiedelten Regionen der USA, wie etwa der Großraum Los Angeles. Durch den Cajon Pass verlaufen zudem wichtige Autobahnen, Eisenbahnstrecken und Energieinfrastrukturen.
Burkhard betont jedoch, dass die Studie keine Vorhersage treffe, wann ein Erdbeben stattfinden wird. "Was wir sagen können, ist, dass das System kritisch belastet ist." Um die Spannungen in der Erdkruste zu modellieren, hat das Forschungsteam Daten genutzt, die Belege für Erdbeben in den vergangenen 1000 Jahren lieferten. Darunter waren etwa Baumringanomalien und historische Dokumentationen von Bodenaufbrüchen. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift "Journal of Geophysical Research: Solid Earth" veröffentlicht.