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"Jedes Zehntelgrad zählt" Europa trocknet aus - Hitze und Dürren werden Normalität

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Staubige Erde, verkohlte Baumstämme und aus dem Wasserhahn zischt es nur noch: Weite Teile Europas leiden unter extremer Hitze und Trockenheit. Alles Anzeichen, worauf wir uns in Zukunft einstellen müssen.

Die schwerste Dürre seit Jahrzehnten trifft derzeit Haushalte, Landwirte und Unternehmen in Westeuropa. In vielen Regionen zeigt sich das gleiche Bild: verdorrte Felder, ausgetrocknete Flussbetten, leere Brunnen. Ein Ausnahme-Sommer? Keineswegs, sagen Experten und warnen: Wasserknappheit wird durch trockenere Winter und sengende Sommer zur neuen Normalität.

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Laut der Europäischen Dürrebeobachtungsstelle (EDO) galt Mitte Juli für fast die Hälfte des gesamten EU-Gebiets eine Dürrewarnung, wobei für 15 Prozent bereits die Alarmstufe Rot ausgerufen wurde.

(Foto: European Drought Observatory (EDO))

Bei keinem anderen Thema sind sich Klimaforscher so sicher über die künftige Tendenz wie bei Temperatur und Hitze. Beim Niederschlag spricht zwar viel für mehr Extreme. Aber die Modelle seien in diesem Punkt gerade für Zentraleuropa unsicher, sagt Jakob Zscheischler vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. "Bei Hitze ist klar, dass es so weitergeht wie in den letzten Jahren." In allen Modellen werde es wärmer, in manchen gar extrem heiß. "40 Grad in Deutschland werden zur Regel", verdeutlicht Peter Hoffmann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. "Heutige Extremjahre mit 20 Hitzetagen werden Durchschnittssommer zum Ende des Jahrhunderts, wenn wir in den kommenden Jahren nicht massiv gegensteuern."

Berechnungen des Expertennetzwerks des Bundesverkehrsministeriums verdeutlichen die erschreckenden Prognosen: Demnach könnte das 30-jährige Mittel der Temperatur in den Sommermonaten in Deutschland im Zeitraum 2071 bis 2100 um drei bis fünf Grad höher sein als im Vergleichszeitraum 1971 bis 2000. Dadurch würden dann Tageshöchstwerte von über 45 Grad mindestens so häufig erreicht, wie das aktuell schon für die 40-Grad-Marke der Fall ist.

Die Zahl der heißen Tage mit 30 Grad und mehr könnte diesen Daten zufolge im deutschlandweiten Mittel mit hoher Wahrscheinlichkeit in einer Spanne von 9,4 bis 23,0 pro Jahr liegen. Zum Vergleich: Von 1971 bis 2000 gab es im Mittel nur 4,6 solcher Tage im bundesweiten Durchschnitt. Die Zahl der Sommertage mit Höchsttemperaturen ab 25 Grad könnte sogar auf 39,5 bis 63,8 steigen (Vergleichszeitraum: 29,0). Bei Tropennächten, in denen das Thermometer nicht weniger als 20 Grad anzeigt, sind 0,8 bis 7,8 im Jahr möglich. Im Vergleichszeitraum 1971 bis 2000 lag der Wert bei 0,1.

Brände vernichten ganze Wälder

Und nicht nur in Deutschland wird es immer heißer. Klimaforscher anderer europäischer Länder kommen in ihren Modellen zu ähnlichen Ergebnissen. Was die extreme Hitze schon jetzt für Auswirkungen hat, zeigt die Europäische Dürrebeobachtungsstelle der Europäischen Union (EDO): Mitte Juli galt für fast die Hälfte des gesamten EU-Gebiets eine Dürrewarnung, wobei für 15 Prozent bereits die Alarmstufe Rot ausgerufen wurde. Seitdem haben sich die Bedingungen durch immer neue Hitzewellen auf dem Kontinent weiter verschlechtert.

So erreichte in Deutschland der Wasserstand von Bodensee und Rhein zuletzt Tiefstände. Besonders betroffen sind Binnenschiffer und Landwirte. Die Schiffe auf dem Rhein können nur noch ein Drittel der möglichen Fracht aufnehmen. Das treibt die Preise bei Container-, Kohle- und Getreidetransporten in die Höhe. Die umliegenden Felder sind zudem staubtrocken. Landwirte fürchten bereits um die Maisernte und die späten Kartoffelsorten.

Zudem brennen vielerorts die Wälder. In Brandenburg "ist die Dürre-Situation die schlimmste, die das Land in seiner Geschichte bisher erlebt hat", sagt Innenminister Michael Stübgen. Hintergrund seien die ausbleibenden Niederschläge der vergangenen fünf Jahre und die große Trockenheit auch in diesem Jahr. "Wir hatten in der Folge bereits über 400 Brände", erläutert Stübgen.

Auch in Frankreich stehen die Wälder in Flammen. Bereits im Juli zerstörte ein Feuer in der Nähe von Bordeaux Tausende Hektar Wald. Nun lodern die Brände als Folge der extremen Trockenheit erneut auf. Vergangene Woche richtete Premierministerin Élisabeth Borne einen Krisenstab ein, um die Dürre zu bekämpfen, die laut Météo-France, dem staatlichen Wetterdienst, die schlimmste seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1958 ist. Der über 1000 Kilometer lange Fluss Loire ist stellenweise so trocken, dass er zu Fuß durchquert werden kann. Die Niederschläge lagen im Juli laut Wetterdienst 85 Prozent unter den üblichen Werten.

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Hohe Temperaturen und ausbleibender Regen lassen Frankreichs einst grüne Flächen ausdörren

(Foto: European Union, Copernicus Sentinel-3 imagery)

Mehr als 100 französische Gemeinden haben kein fließendes Wasser mehr. Lastwagen karren Trinkwasser für die Menschen vor Ort an, berichtet der Minister für den ökologischen Wandel und territorialen Zusammenhalt, Christophe Béchu. Er blickt bang in die Zukunft: "Wir werden uns an solche Episoden gewöhnen müssen. Anpassung ist nicht länger eine Option, sondern eine Pflicht". Die Bodenfeuchtigkeit ist schon jetzt auf einem historischen Tiefstand, der erlösende Regen lässt weiter auf sich warten.

Trinkwasser wird knapp

Mit extremem Wassermangel kämpft auch Spanien. Das Land erlebt derzeit den wahrscheinlich trockensten Sommer der letzten 60 Jahre. Nach Angaben der Regierung sind die Wasserreserven mit knapp 40 Prozent so niedrig wie nie zuvor. Durch die Hitze wird mehr Wasser verbraucht, während die natürlichen Reserven immer weiter sinken - jede Woche um 1,5 Prozent, wie es aus Madrid heißt.

In den letzten drei Monaten fiel weniger als die Hälfte der für diese Jahreszeit erwarteten Niederschläge. 70 Prozent der Stauseen in Spanien können den Bedarf der ihr zugeteilten Region dauerhaft nicht mehr decken. In vielen Landesteilen wird die Wassernutzung daher beschränkt. Gemeinden stellen nachts das Wasser ab, schließen Duschen am Strand und verbieten die Pool-Füllung.

Dieses Jahr wird das heißeste und trockenste Jahr werden, das je in Italien aufgezeichnet wurde. "Ich weiß nicht, was wir noch tun müssen, um die Klimakrise zu einem politischen Thema zu machen", sagte zuletzt Luca Mercalli, der Präsident der Italienischen Meteorologischen Gesellschaft. "Es gibt keine vergleichbaren Daten in den letzten 230 Jahren, die mit der Dürre und Hitze, die wir in diesem Jahr erleben, vergleichbar sind." Diese Episoden würden an Häufigkeit und Intensität zunehmen.

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Der Po, die Lebensader Norditaliens, führt kaum noch Wasser.

(Foto: picture alliance / NurPhoto)

Der austrocknende Fluss Po veranschaulicht die Klimakrise mit erschreckender Deutlichkeit. Die Durchflussmenge der längsten Wasserstraße Italiens ist auf ein Zehntel des üblichen Wertes gesunken, der Wasserstand liegt zwei Meter unter dem Normalwert. Anfang Juli rief die Regierung den Dürre-Notstand in fünf nördlichen Regionen aus und rationierte dort das Trinkwasser. Lastwagen versorgen seitdem die Dörfer rund um den Lago Maggiore.

Landwirte fürchten um Vieh und Felder

Die Niederlande haben vergangene Woche ebenfalls eine Wasserknappheit ausgerufen. Noch hat die Regierung keine Beschränkungen für den Verbrauch in den Haushalten eingeführt. Aber die Menschen sind aufgefordert, sich genau zu überlegen, ob sie ihr Auto waschen oder einen Pool füllen wollen.

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Satellitenaufnahmen zeigen die extreme Dürre in den Niederlanden im Vergleich zum vergangenen Jahr.

(Foto: European Union, Copernicus Sentinel-2 imagery)

Im benachbarten Belgien meldeten die Meteorologen unterdessen den trockensten Juli seit 1885. Trotz eines Verbots für Landwirte, Wasser für die Ernte abzupumpen, ist der Grundwasserspiegel außergewöhnlich niedrig. Moorgebiete drohen auszutrocknen. Und auch die Kanäle und Flüsse sind in einem schlechten Zustand: Örtliche Behörden berichten, dass viele Fische verenden, da dort nur noch Industrie- oder Abwasser ankommen. 13 Gemeinden in den Ardennen haben den Menschen verboten, ihre Swimmingpools zu befüllen.

In der Schweiz ist derweil die Milchwirtschaft am stärksten von der Dürre betroffen: Die Behörden in Freiburg, Jura und Neuenburg mussten die Wiesen in den Tälern, die normalerweise nicht zum Weiden genutzt werden, bis September öffnen, da die Weidenflächen in den höheren Lagen bereits ausgetrocknet sind. Im Kanton Obwalden in der Nähe von Luzern musste die Armee mit Hubschraubern Wasser aus einem See zu den Kühen transportieren, um sie vor dem Verdursten zu bewahren.

"Jedes Zehntelgrad zählt"

Verglichen mit anderen Regionen der nördlichen mittleren Breitengrade, etwa den USA oder Ostasien, habe die Zahl der Hitzewellen über Europa drei- bis viermal schneller zugenommen, heißt es in einer Anfang Juli erschienenen Studie in der Fachzeitschrift "Nature Communications". "Mit jedem weiteren Zehntelgrad globalen Temperaturanstiegs erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für noch heißere Sommer", mahnt Klimaforscher Peter Hoffmann. Es bestehe dringender Handlungsbedarf. "Der Klimawandel schreitet voran und wir wissen, wie mögliche Zukunftsszenarien aussehen könnten. Wir müssen unbedingt jetzt handeln, um die Chance zu wahren, das Weltklima auf deutlich unter zwei Grad zu stabilisieren."

Auch die Physikerin und Klimawissenschaftlerin Friederike Otto vom Grantham vom Institute des Imperial College London findet eindringliche Worte zur aktuellen Lage: "Es ist heiß in Europa und wird möglicherweise extrem heiß werden", schreibt sie auf Twitter. "Diese Temperaturen wären niedriger gewesen, wenn wir keine fossilen Brennstoffe verbrannt hätten. Das bedeutet auch, dass weniger Menschen gestorben wären. Hitzewellen sind die bei Weitem tödlichsten Extreme in Europa."

Noch sei es nicht zu spät zum Handeln, sagen Experten. "Auch wenn wir heute erst anfangen mit Klimaschutz, können wir noch Einfluss nehmen", erklärt Andreas Becker, Leiter der DWD-Abteilung Klimaüberwachung. "Jedes Zehntelgrad zählt."

Quelle: ntv.de, mit dpa

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