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Neue Therapie-Ära hat begonnen Heller Hautkrebs: "Vorstufen sind Volkskrankheit"

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Nur geübte Augen können die Vorstufen von Hellem Hautkrebs erkennen.

(Foto: imago/Panthermedia)

Sonnenlicht ist wichtig. Doch die Haut verzeiht ein Zuviel davon nicht. Wie sich Heller von Schwarzem Hautkrebs unterscheidet, wie Heller Hautkrebs seit Neuestem therapiert werden kann, wer vor allem betroffen ist und wie man sich effektiv davor schützt, erklärt anlässlich des Europäischen Tag des Hellen Hautkrebses Professor Dirk Schadendorf, Direktor der Klinik für Dermatologie und des Westdeutschen Tumorzentrums (WTZ) der Universitätsmedizin Essen, im Gespräch mit ntv.de.

ntv.de: Professor Schadendorf, der Schwarze Hautkrebs ist weitläufig bekannt und ein echtes Schreckgespenst. Der Helle Hautkrebs ist wesentlich unbekannter und scheint im Vergleich geradezu harmlos zu sein. Stimmt das?

Dirk Schadendorf: In der Tat ist es so, dass der Schwarze Hautkrebs bösartiger und letztlich auch tödlicher ist als der Helle Hautkrebs. Zudem trifft er viele junge Menschen. Das ist beim Hellen Hautkrebs anders. Er ist ja mehr die Schuldenbank für das, was wir im Leben an Sonnenstrahlen angesammelt haben. Er entsteht quasi über die chronische Lichtexposition über Jahrzehnte hinweg und betrifft deshalb vor allem ältere Menschen. Auch wenn er deutlich häufiger auftritt als der Schwarze Hautkrebs, ist doch die Lebensbedrohlichkeit durch den Hellen Hautkrebs vergleichsweise sehr gering.

Sie sagen: deutlich häufiger. Gibt es dazu Zahlen?

Da muss man etwas unterscheiden. Die Vorstufen des Hellen Hautkrebses, die sogenannten aktinischen Keratosen, sind eine echte Volkskrankheit. Wir rechnen mit etwa acht Millionen neuen Patienten pro Jahr. Ein Teil davon geht in den Hellen Hautkrebs über. Wir gehen von 200.000 bis 250.000 neuen Patienten aus. Leider ist es so, dass wir hier mit Schätzungen arbeiten müssen, da in den Krebsregistern zwar die Fälle von Schwarzem Hautkrebs penibel dokumentiert werden, die Fälle von Hellem Hautkrebs werden aufgrund der Vielzahl hingegen nicht dokumentiert, bis auf wenige Ausnahmefälle in einigen Bundesländern. Auch das mittlere Erkrankungsalter ist bei Hellem Hautkrebs deutlich höher als beim Schwarzen, denn es dauert ungefähr 40 Jahre, bis sich der Helle Hautkrebs ausgeprägt hat.

Sie unterscheiden zwischen zwei verschiedenen Formen von Hellem Hautkrebs. Welche sind das?

Wir unterscheiden zwischen dem Basaliom und dem Spinaliom. Das Basaliom, das auch als Basalzellkarzinom bezeichnet werden kann, macht etwa 80 Prozent der Hellen Hautkrebse aus. Das ist Krebs, der oftmals im Gesicht entsteht, beispielsweise im Nasenwinkel oder auf dem Ohr. Oftmals sind diese Basaliome knotig oder sehen aus wie eine Narbe. Dort, wo dieser Krebs entsteht, breiten sie sich auch aus und gehen in die Tiefe. Wenn man also lange wartet, dann kann beispielsweise der Knorpel im Ohr angegriffen werden. Operationen sind in diesen Fällen echte Herausforderungen und nicht immer bekommt man die geschädigten Körperregionen wieder gut rekonstruiert. Beim Spinaliom, das auch als Plattenepithelkarzinom bezeichnet wird, ist es ähnlich. Allerdings gibt es einige Fälle, ungefähr bei einem Prozent der Patienten, bei denen der Krebs nicht nur lokal wächst, sondern auch das umliegende Gewebe, vor allem das Lymphgewebe oder sogar andere Organe befällt. Das betrifft 400 bis 500 Patienten im Jahr, die meistens älter als 70 Jahre alt sind.

Was können Sie zu den Ursachen der beiden Formen sagen?

Ursache Nummer eins ist tatsächlich das Sonnenlicht, das auf ungeschützte Haut trifft. Was viele in diesem Zusammenhang nicht wissen: Der Helle Hautkrebs ist bei einer Reihe von Berufsgruppen als Berufskrankheit anerkannt. Ein Antrag kann auch noch von denen gestellt werden, deren Erkrankung erst im Rentenalter festgestellt wird. Der Kostenträger ist dann die Berufsgenossenschaft, deren Leistungen in vielen Fällen deutlich umfangreicher ausfallen als die der gesetzlichen Krankenkassen. Neben dem UV-Licht gibt es auch andere Faktoren, die die Bildung von Hellem Hautkrebs beziehungsweise dessen Vorstufen begünstigen. Das ist der Fall, wenn bei Patienten das Immunsystem nur eingeschränkt arbeitet. Das kann durch bestimmte Erkrankungen der Fall sein, aber auch durch sogenannte Immunsuppressiva, also Medikamente, die die Arbeit des Immunsystems herabsetzen. Solche Medikamente bekommen beispielsweise Rheumatiker oder Organtransplantierte. Eine weitere mögliche Ursache sind Röntgenstrahlen. Zum Glück hat sich das Bewusstsein über die Risiken der Röntgenstrahlen-Therapie bei Ärzten in den letzten Jahrzehnten eingestellt.

Kann man denn selbst erkennen, ob man Hellen Hautkrebs oder eine Vorstufe davon hat?

Eher nicht. Allerdings sollte jeder regelmäßig ein Hautscreening beim Hautarzt seines Vertrauens wahrnehmen. Die meisten gesetzlichen Krankenkassen übernehmen für Versicherte ab 35 Jahren alle 24 Monate die Kosten dafür. Manche Kassen bieten die Vorsorgeuntersuchung auch für jüngere Menschen an. Hautkrebs zu erkennen ist gleichzeitig nicht trivial, denn das, was man sieht, ist unspektakulär. Wie andere Krebsarten auch macht Hautkrebs zunächst keine Schmerzen. Da vor allem bei älteren Patienten die Haut trockener, schuppiger und manchmal auch geröteter ist, ist die Unterscheidung zwischen normaler Schuppung der Haut beziehungsweise allergischer Reaktion und Hellem Hautkrebs beziehungsweise Vorstufen davon nicht leicht. Allerdings gibt es durchaus einige konkrete Hinweise darauf. Knotige, blutende oder sehr juckende Hautstellen sollten unbedingt zeitnah von einem Hautarzt angeschaut werden.

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Professor Dirk Schadendorf ist Hautarzt am Uniklinikum Essen.

(Foto: Universitätsmedizin Essen)

Und wie sind die Heilungschancen?

Die Vorläufer des Hellen Hautkrebses, die aktinischen Keratosen, können in der Regel durch Salben oder Bestrahlungen gut behandelt und kontrolliert werden. So kann man oftmals sogar das Herausschneiden umgehen. Beim Hellen Hautkrebs ist das Herausschneiden Standard, mit guten Ergebnissen. Dennoch gibt es ein bis zwei Prozent von Patienten, denen auch noch anders geholfen werden muss. Für diese wie auch für andere Krebsarten wurden in den letzten Jahren neue Therapieformen zugelassen. Das sind Mittel, die der Immuntherapie zugeordnet werden und gute Ergebnisse zeigen. Zugleich ist die Verträglichkeit im Vergleich zu einer Chemotherapie exzellent. Man kann diese Infusionstherapien also problemlos auch bei Patienten anwenden, die jenseits der 70 sind. Auch für Patienten mit Basalzellkarzinom gibt es seit einigen Wochen eine Neuzulassung eines sogenannten Checkpoint-Inhibitors, der einen langfristigen Nutzen auch für sehr alte Patienten haben kann. In Bezug auf die Therapie von Hellem Hautkrebs sind wir mit diesen neu zugelassenen Therapien tatsächlich in eine neue Ära eingetreten.

Was kann man tun, damit es erst gar nicht zum Hellen Hautkrebs kommt?

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An erster Stelle steht der verantwortungsvolle Umgang mit Sonnenlicht. Gleichzeitig muss man aber sagen, dass viele der Patienten, die heute betroffen sind, darüber früher gar nicht Bescheid wussten. Sie haben ihre Haut 40 oder sogar 50 Jahre dem UV-Licht ausgesetzt. Wirksame UV-Schutzmittel mit hohem Lichtschutzfaktor gibt es aber erst seit den 1980er-Jahren. Zum Glück hat sich in den letzten 20 Jahren das Bewusstsein für Sonnenschutz erhöht. Das hilft aber nur, wenn man solche Mittel auch konsequent anwendet und zwar, bevor man in die Sonne geht. Arbeitgeber, deren Angestellte viel im Freien arbeiten, sind sogar verpflichtet, Sonnenschutzmittel für Angestellte zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus ist auch textiler Sonnenschutz geeignet: Kopfbedeckungen, die auch Gesicht und Ohren schützen, ein Hemd mit langen Ärmeln und eine geeignete Sonnenbrille sind die Dinge, die schützen, um im Alter nicht von seinen Jugendsünden eingeholt zu werden. Für Patienten, die mehr wissen wollen, steht das Informationsportal SKINFO zur Verfügung.

Mit Professor Dirk Schadendorf sprach Jana Zeh

Quelle: ntv.de

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