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Ausbeutung im Nutztierprinzip "Hummelverkauf ist eine üble Entwicklung"

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Eine Erdhummel auf einer Kleeblüte.

(Foto: imago images / Frank Sorge)

Früchte wachsen, wenn Blüten bestäubt werden. Das passiert auf natürliche Weise durch Insekten oder durch den Wind. Doch der vermehrte Obstanbau in Gewächshäusern und die allgemeine Reduzierung der allgemeinen Insektenanzahl führen dazu, dass Landwirte ganze Insektenvölker für die Befruchtung kaufen. Das kann schlimme Folgen haben, erklärt die Biologin Melanie von Orlow vom Naturschutzbund Deutschland im Gespräch mit n-tv.de.

Frau von Orlow, Hummeln aus dem Internet bestellen ist doch ganz romantisch, oder?

Melanie von Orlow: Hummeln fallen in Deutschland unter das Bundesartenschutzgesetz. Wenn ein Wissenschaftler an Hummeln forschen will, dann muss er vorab eine Reihe von Hürden überwinden. Er braucht beispielsweise eine Ausnahmegenehmigung, um Tiere aus der Natur entnehmen zu dürfen und muss seine Forschungsvorhaben detailliert begründen. Danach wird durch eine Kommission entschieden. Um solche langfristigen Prozesse abzukürzen, fingen Forscher an, Hummeln selbst zu züchten. Ohne diese Hummelzucht wüssten wir heute wesentlich weniger über diese spannenden Tiere. Hummelzüchter nutzen nun die Erkenntnisse zur Zucht der Tiere aus, um daraus Profit zu schlagen. Dabei gibt es eine Reihe von unvorhersehbaren Risiken.

Warum sollen gekaufte Hummeln nicht zur Bestäubung eingesetzt werden?

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Kiste mit gekauften Hummeln in einem Gewächshaus.

(Foto: imago/Rech)

Prinzipiell spricht nichts dagegen, allerdings ist das Verfahren, wie sie Obstbauern hierzulande praktizieren, überaus fragwürdig. Es beginnt damit, dass Zuchthummeln in Deutschland frei gehandelt werden dürfen, während wildlebende Hummeln streng geschützt sind. Der Einsatz der Tiere wird zudem oftmals als besonders ökologisch dargestellt, dabei gibt es dafür keinerlei ethischen Richtlinien. Es geht also auch hier lediglich um finanzielle Aspekte und nicht um die Tiere. In Wahrheit handelt es sich beim Einsatz von gekauften Hummeln um ein weiteres trauriges Nutztierprinzip, bei denen die Tiere einfach nur ausgebeutet werden. Eine Blütenbestäubung durch Insekten bringt nicht nur bessere und höhere Erträge hervor, sondern ist für die Erzeuger billiger als beispielsweise die manuelle Bestäubung, wie sie vor einiger Zeit für Gewächshaus-Erdbeeren durchaus üblich war. Leider werden die Tiere in letzter Zeit immer häufiger eingesetzt, da auch immer öfter Erdbeeren unter Folie angebaut werden.

Was kostet denn so ein Hummelvolk?

Manche Züchter versprechen, schon für unter 100 Euro ein "komplettes Volk" zu versenden, das die Bestäubungsarbeit verrichten kann. Dabei bestehen die gekauften Tiere im Karton meistens nur aus Arbeitern und der Brut. Die Königinnen bleiben häufig bei den Züchtern. Die Tiere werden in Kartons verschickt. Eine Zuckerlösung in einem Kunststoffbehälter steht zudem als Nahrung bereit. Das Schlimmste aber ist, dass niemand weiß, woher die Tiere wirklich stammen. Anbieter müssen darüber auch keinen Beleg erbringen.

Wieso schlimm?

Die Tiere kommen aus Zuchtstöcken, die irgendwo im Ausland angelegt wurden, da, wo die Tiere nicht besonders geschützt sind. Die Tiere, die daraus entstehen, unterliegen damit nicht dem Bundesartenschutzgesetz. Das ist eine sehr üble Entwicklung. Hummelzüchter nutzen eine Gesetzeslücke aus, denn das Tierschutzgesetz greift für Insekten nicht, da sie keine Wirbeltiere sind. Das nächste Problem ist das der Faunenverfälschung. Durch das Einführen von häufig nicht korrekt artbestimmten Hummeln aus fremden Gebieten wird der regionale Bestand verfälscht oder gefährdet. In manchen Gebieten kommen keine Hummeln vor und heimische Bestäuber werden verdrängt. Solche traurigen Erfahrungen gibt es bereits beispielsweise in Chile. Und als drittes tritt das Problem von eingeschleppten Krankheiten und Parasiten auf, die auf einheimische Arten übergehen und diese belasten.

Was müsste Ihrer Meinung denn passieren?

Zuerst einmal muss der Einsatz von Hummeln auf Gewächshäuser beschränkt werden. Der Einsatz im Freiland müsste verboten werden. Jeder, der Hummeln zur Bestäubung verwenden möchte, müsste gesetzlich verpflichtet werden, die Gewächshäuser so zu gestalten, dass keine Jungkönigin der Zuchthummeln in die Natur entfliehen kann. Das würde bedeuten, dass beispielsweise Insektenschutz an Lüftungsschlitzen angebracht, Ein- und Ausgänge als Schleusen gestalten werden müssen. Das kostet natürlich Geld und viele Erzeuger würden sich fragen, ob sich der Aufwand überhaupt lohnt. Die gelieferten Hummeln müssten samt ihrer Verpackung bis zum natürlichen Absterben der gesamten Völker im Gewächshaus bleiben und danach tatsächlich so entsorgt, dass Krankheiten und Parasiten sich nicht ausbreiten können. Dafür und für ein Recycling der Verpackungen könnten auch die Anbieter zur Verantwortung gezogen werden.

Was können denn Verbraucher für den Hummelschutz tun?

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Melanie von Orlow ist Biologin und arbeitet für den Naturschutzbund.

(Foto: Melanie von Orlow)

Regional und saisonal kaufen sind die beiden wichtigsten Grundsätze. Ob hinzugekaufte Hummeln zur Bestäubung zum Einsatz gekommen sind, kann man manchmal sogar beim Erzeuger erfragen. Am besten ist es aber, die Erdbeeren unter freiem Himmel selbst vom Feld zu pflücken. Dann weiß man, dass hier Bienen und Hummeln aus der Umgebung beim Bestäuben am Werk waren und es gibt keine Plastikfolien, die die Umwelt zusätzlich belasten.

Und Gartenbesitzer?

Gartenbesitzer können ganz direkt etwas für Hummeln und andere Insekten tun. Alle, die sich für eine strukturierte, artenreiche Gartengestaltung entscheiden, müssen nicht lange auf Hummeln und andere bestäubende Insekten warten. Die kommen von ganz allein. Ein Rasen mit einem darauf gestellten Hummelnistkasten voller Zuchthummeln ist für mich absurd. Hummeln dürften aus meiner Sicht gar nicht erst an Privatpersonen verkauft werden. Jeder Forscher oder Landwirt, der Hummeln erwirbt, müsste eine Qualifikation für den Umgang mit den Tieren vorweisen.

Mit Melanie von Orlow sprach Jana Zeh

Quelle: n-tv.de

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