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Aktuell so schnell wie nie zuvor Impfstoffe entstehen in mehreren Phasen

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Mumps, Masern, Keuchhusten: Viele Infektionskrankheiten können durch Impfungen verhindert werden.

(Foto: picture alliance/dpa)

Impfstoffe sollen wirken und gleichzeitig sicher sein. Ihre Entwicklung dauert normalerweise viele Jahre. In Zeiten von Corona hat an vielen Instituten ein regelrechter Forschungswettlauf um ein solches Mittel begonnen. Dennoch dauert es noch Monate, bis der Impfstoff zur Verfügung stehen kann. Warum?

Erst ein wirksamer Impfstoff gegen das neue Coronavirus kann zu einem Leben wie vor der Pandemie zurückführen. Aus diesem Grund werden große Hoffnungen darauf gesetzt. Seit dem Ausbruch der Infektionskrankheit Covid-19, also binnen kurzer Zeit, sind viele Impfstoffprojekte gestartet - nach Angaben des Verbandes der Forschenden Arzneimittelhersteller e. V. (vfa) weltweit bislang 77. Nie zuvor wurde gleichzeitig an so vielen Stellen an der Bekämpfung desselben Erregers gearbeitet. Dennoch wird es Expertenangaben zufolge noch Monate dauern, bis ein Impfstoff zur Verfügung gestellt werden kann.

Auch wenn es noch keinen marktreifen Impfstoff gegen eine Sars-CoV-2-Infektion gibt, ist die bisherige Entwicklung im Vergleich zu anderen Impfstoffen rasant. Grund sind neue Technologien, die zur Anwendung kommen, und Vorerfahrungen, die mit verwandten Viren gemacht worden sind. Experten gehen davon aus, dass Anfang 2021 ein Impfstoff zur Verfügung stehen könnte. Denkbar wäre auch eine Zulassung im Herbst dieses Jahres.

Was dauert denn so lange?

Angesichts der strengen Ausgangsbeschränkungen und der wirtschaftlichen Folgen der Coronavirus-Krise ist es bis dahin noch ein langer Zeitraum. Warum brauchen die Forscher denn so lange? "Jeder Impfstoff muss mehrere Etappen durchlaufen, da darf keine übersprungen werden", erklärt Dr. Rolf Hömke, Forschungssprecher des vfa in einem Gespräch, das als Podcast des vfa veröffentlicht wurde. Noch vor einigen Jahren hatte man für die Entwicklung eines neuen Impfstoffes beziehungsweise für das Durchlaufen aller Etappen 15 bis 20 Jahre angesetzt. Jede Impfstoffentwicklung startet mit der Analyse des Virus und der Frage: Was daran ruft die Immunreaktionen im Körper des Menschen hervor? Sind diese Fragen geklärt, beginnt das Design des Impfstoffes. Das ging nun schneller als bisher. "Die Impfstoffe waren fertig designt, das heißt, in ihrer Zusammensetzung geklärt, binnen zwei Monaten. Das hat es vorher überhaupt noch nie gegeben", betont Römke zu der momentan beschleunigten Arbeit der Forscher.

Die Abkürzung des Prozesses konnte aufseiten der Wissenschaft durch zwei wesentliche Methoden erreicht werden. "Man hat quasi Prototyp-Impfstoffe geschaffen. Das sind Impfstoffe, die noch gar nicht auf einen bestimmten Erreger festgelegt sind", erklärt der Experte weiter. Diese Prototypen müssten dann an den konkreten Erreger angepasst werden. Zum anderen kannte man ja aus vorherigen Forschungen schon andere Coronaviren, wie beispielsweise Sars und Mers. Aufgrund dieses Wissens konnten auch die Entwürfe der ersten Impfstoffe gegen das neue Coronavirus entstehen.

In Phase drei erfolgt die Erprobung dieser Impfstoffe an Tieren, um die Wirksamkeit, aber auch die Verträglichkeit zu testen. In dieser Phase muss auch geklärt werden, welchen Teil man für eine Immunreaktion wirklich vom Erreger benötigt. Zudem muss die Frage nach nötigen Zusatzstoffen geklärt werden. In Phase vier wird der Impfstoff an Freiwilligen ausprobiert. Diese sogenannten klinischen Tests werden normalerweise in mehreren Zwischenphasen durchgeführt. Sind die Ergebnisse vielversprechend und gleichzeitig unbedenklich, beginnt mit Phase fünf das Zulassungsverfahren. Die Mitarbeiter der zuständigen Behörde prüfen alle Ergebnisse und entscheiden. Wird der Impfstoff zugelassen, kann mit der Massenproduktion begonnen werden. Das ist dann Phase sechs.

Drei testen schon an Freiwilligen

Bisher gibt es drei Impfstoffprojekte (Moderna, USA; CanSinoBIO, China; Inovio, USA), die sich bereits in Phase vier, also der Erprobung an Freiwilligen befinden, schreibt der Vfa. Drei weitere starten damit demzufolge in den nächsten Wochen. Eine Beschleunigung der Phasen ist in der aktuellen Situation vor allem im organisatorischen Bereich möglich. Alle anderen Phasen können prinzipiell zwar auch schneller als sonst vorangetrieben werden, sie bleiben dennoch wichtig, um am Ende tatsächlich nicht nur einen wirksamen, sondern auch ein sicheren Impfstoff zu bekommen.

"Beim normalen Projekt würde man so arbeiten, dass man immer erst eine Etappe durchläuft, dann stellt man das Ergebnis den Behörden vor und wartet darauf, dass diese die nächste Etappe genehmigen. Dann organisiert man diese und führt sie durch, und so weiter", erklärt Hömke die Verfahrensweise.

In der aktuellen Situation laufen mehrere dieser Schritte parallel zueinander. Während eine Phase noch läuft, stimmen sich die Forscher schon mit den Behörden über die nächste Phase ab. Gleichzeitig werden die Parameter für die nächste Etappe geplant. Das spart enorm Zeit und ist der Situation angemessen. Die klinische Erprobung und behördliche Zulassung sind zeitraubend. Sie dauern "unter den besten Umständen mindestens 12 bis 18 Monate", gibt auch Professor Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, auf die Frage nach einem Impfstoff in einem Webinar des Science Media Centers zu bedenken. Dennoch werde seine Behörde alles dafür tun, um den Zugang zu einem Impfstoff gegen Sars-CoV-2 zu beschleunigen.

Quelle: ntv.de