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Expertin über Film "Whalefall"Kann man im Magen eines Pottwals überleben?

18.10.2026, 10:23 Uhr 4c7df7cf-b5d4-45ae-9fca-fcc1dd77b1f9Interview: Katja Trippel
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Hauptfigur Jay Gardiner (gespielt von Austin Abrams) kämpft im Magen eines Pottwals ums Überleben. Ein realistisches Szenario? (Foto: picture alliance / Everett Collection)

Verschluckt und gefangen im Bauch eines Pottwals – mit nur wenig Atemluft in der Tauchflasche. Wie real ist dieser klaustrophobische Plot? Lisa Klemens vom Deutschen Meeresmuseum hat schon unzählige Walmägen obduziert und kennt die Unterschiede zwischen Realität und Kinokunst genau.

Der Film: "Whalefall" basiert auf den gleichnamigen Roman von Pulitzer-Preisträger Daniel Kraus und ist laut Verlag "ein wissenschaftlich exakter Thriller, der in einer absurd unwahrscheinlichen Umgebung spielt". Er erzählt vom jungen Jay Gardiner (im Film: Austin Abrams), der vor der kalifornischen Pazifikküste nach den Überresten seines ertrunkenen Vaters sucht. Beim Tauchen wird er aus Versehen von einem Pottwal verschluckt, zusammen mit einem Riesenkalmar, und versucht verzweifelt, sich aus dessen Magen zu befreien. Regisseur Brian Duffield engagierte für die Spezial- und visuellen Effekte Wētā Workshop aus Neuseeland und Visual Artist Guillaume Rocheron, der bereits zwei Oscars gewann (für "Life of Pi" von Ang Le und "1917" von Sam Mendes).

Die Wal-Expertin: Meeresbiologin Lisa Klemens vom Deutschen Meeresmuseum Stralsund hat schon unzählige Wale obduziert, denn sie schreibt ihre Doktorarbeit über den Verdauungstrakt von Zahnwalen. Auch den Magen eines Pottwals, der auf den Kanaren tot angeschwemmt wurde, hat sie schon untersucht. Die Hollywood-Filmkulisse ist ihr im echten Leben also sehr vertraut - genau wie der Geruch von Walinnereien. Für den Reality-Check der Szenen unter Wasser hat sie sich vor Kinostart die Trailer und das Disney-Pressematerial angeschaut.

Frau Klemens, Sie promovieren über die Magenanatomie und Nahrungsanalysen von Zahnwalen. Haben Sie im Bauch eines Wals schon mal einen Menschen entdeckt?

Lisa Klemens: Noch nie - das kenne ich auch nur aus der biblischen Geschichte vom Propheten Jona und von Pinocchio! Wissenschaftlich wurde jedenfalls noch nie dokumentiert, dass ein Mensch im Magen eines wild lebenden Wals gelandet ist. Nicht mal ein menschlicher Körperteil.

Der Autor des Buches, Daniel Kraus, erzählte, das Video eines Kajakfahrers, der versehentlich von einem Buckelwal "verschluckt" wurde, habe ihn zu seiner Story inspiriert.

So ein Video habe ich auch mal gesehen und kann erklären, was vermutlich passiert ist: Buckelwale haben raffinierte Jagdstrategien für Heringsfische. Sie kesseln den Schwarm im Team in einen sogenannten Blasenring ein. Der Kajakfahrer ist da wahrscheinlich rein gepaddelt und ein Wal, der von unten mit Anlauf nach den Heringen an der Wasseroberfläche schnappen wollte, hat ihn dabei kurz erwischt - aber sicher nicht geschluckt. Wale sind sehr schlaue Tiere und die Schleimhäute in ihrem Maul sind sehr sensibel. Die würden sofort merken, ieeh, das ist unerwünschter Beifang, und ihn wieder ausspucken. So war es auch bei dem Kajakfahrer.

Tauchen wir mal ein in die Filmszene vor der Küste Montereys, wo Jay auf den Pottwal trifft, der gerade einen Riesenkalmar jagt. Soweit so realistisch?

Hm… Wo soll ich da anfangen?

Ich schlage vor: unter Wasser.

Was wir da sehen, ist ein Kelpwald - in so einem Ökosystem mit großen Braunalgen schwimmen normalerweise keine Pottwale herum, da würden sie sich ja nur drin verfangen. Sie leben fernab der Küsten im offenen Meer, wo sie sehr tief abtauchen können. Auch der Riesenkalmar lebt in der dunklen Tiefsee, weit unter 300 Metern. Nur seine Larven findet man nahe der Meeresoberfläche. Ein Taucher wiederum kann mit der Ausrüstung, die Jay im Film hat, niemals in dessen Lebensraum vordringen. Dafür braucht es einen Tauchroboter.

Okay, dieses Setting ist also eher märchenhaft. Aber grundsätzlich jagen und fressen Pottwale Riesenkalmare?

Absolut! Ihre Nahrung besteht überwiegend aus Cephalopoden, also Kalmaren und Tintenfischen. Und beim Jagen können sie sehr schnell werden.

Sie orientieren sich mit Echosonar, das ist das Klicken, das man im Film hört.

Wale können sich aktiv dafür entscheiden, was für ein Klickgeräusch sie aussenden - ob für Menschen hörbar oder nicht. Wenn ihr Echosonar gegen etwas prallt, wird es zurückgesendet, und sie empfangen diese Signale in ihrem Unterkiefer. Dieser wahnsinnig empfindliche Hohlkörper leitet sie weiter an die Gehörstruktur.

Ein Pottwal hört mit seinem Kiefer?

Er nimmt die Welt jedenfalls total anders wahr als wir Menschen! Er sieht schlecht, aber sein Sonar ist so feinfühlig, dass er jedes noch so kleine Objekt im Wasser "hört". Handelt es sich dabei nicht um Nahrung oder einen Artgenossen, würde er beim Schwimmen sofort abbiegen - und es käme nie zum Zusammenstoß mit einem Taucher wie im Film. Mein Kollege, unser Tauch-Einsatzleiter Henning May, meinte übrigens, dass sich Jay in dieser Szene bewegt wie bei einem Sturz an Land. Unter Wasser schlägt man nach einem Zusammenstoß nicht mehrmals auf dem Boden auf.

Ich vermute, diese Szene wurde digital nachgebaut. Wie gefällt Ihnen denn der eigentliche Hauptdarsteller: der Pottwal?

Von außen sehr gut. Die Haut mit den Narben wirkt richtig natürlich.

Woher hat er die vielen Narben?

Hauptsächlich von Kämpfen mit anderen Männchen - und von Riesenkalmaren, die sich wehren, gefressen zu werden. Ihr Schnabel ist aus Chitin und sehr scharf. Der Walunterkiefer ist auch top: schmal, fast weiß, mit bis zu 50 großen, spitzen Zähne und breiten Lücken dazwischen; einer davon kann 20 Zentimeter lang und ein Kilo schwer werden! Sie nutzen ihre Zähne aber nicht zum Beißen, sondern um die weichen, glibbrigen Cephalopoden festzuhalten. Der Oberkiefer wiederum ist zahnlos. Klappt ein Pottwal seine Kiefer zu, kann die Beute nicht mehr entwischen.

Unser Taucher Jay verwickelt sich ja irgendwie in die Tentakel des Kalmars, wird mit ihm in den Schlund des Pottwals gezogen - und dann verschluckt.

Rein theoretisch könnte ein Mensch von der Größe her in das Maul eines Pottwals passen und ganz eventuell sogar durch die Speiseröhre rutschen; die Walmännchen werden ja bis zu 18 Meter lang, das Filmplakat zeigt die Größenverhältnisse realistisch. Es wurde in der Natur nur noch nie beobachtet. Und es gibt noch ein Problem: Jay hat ja auch Flossen und eine Pressluftflasche dabei. Diese harten Ecken und Kanten würde der Pottwal in seinem empfindlichen Maul sofort spüren und entsprechend erschreckt reagieren: Huch, da hab ich mit dem Kalmar etwas Seltsames aufgeschnappt, das tut weh, das gebe ich sofort wieder frei.

Dass er den Mann runterschluckt, ist also unmöglich?

Ich würde sagen ja.

Korrekt ist aber: Pottwale haben vier Mägen.

Vielmehr einen Magen mit vier Kompartimenten, genau wie wiederkäuende Kühe und Nilpferde übrigens, mit denen sind Wale verwandt. Der Vormagen, der erste, ist der größte und recht dehnbar - aber definitiv zu klein, um einen Menschen mit Tauchgerät aufzunehmen. Ab hier sehen wir reine Hollywood-Fantasien.

Erzählen Sie mal, was nicht passt.

Rein optisch ist so ein Walmagen von innen zwar feucht, aber nicht so glitschig wie im Film. Eher wie raue Hornhaut, das sind tote keratinisierte Zellen. Dann hat der Vormagen eine sehr starke Muskulatur, die sich ständig bewegt, um die Nahrung zu verdauen. Sie wird wie in einer Waschmaschine hin und her geschleudert und geknetet - das überlebt nicht mal ein kleiner Fisch. Geschweige denn ein Riesenkalmar, der schon einiges hinter sich hat: Er hat gekämpft, wurde gebissen, ist am Ende seiner Kräfte und kommt wohl kaum auf die Idee, auch noch Jay anzugreifen. Vor allem aber ist so ein Magen ja kein Hohlraum, in dem sich ein Mensch hin- und herbewegen kann. Da drückt das Oberteil vom Wal auf das Unterteil, das Tier ist tonnenschwer und platzsparend organisiert, da wird einfach alles zusammengedrückt.

Würde die Magensäure auch die Haut angreifen?

Welcher pH-Wert in einem Walmagen herrscht, ist bis heute nicht ganz klar. Fest steht allerdings: Parallel zur mechanischen Verdauung findet eine chemische statt. Glauben Sie mir: Ich bin geruchstechnisch wirklich abgehärtet, aber in einem Walmagen stinkt es extrem. Die Verdauungsenzyme machen einen unglaublich guten Job. Nur Jay hat damit im Film seltsamerweise keine Probleme.

Er findet auch eine biolumineszente Qualle, die ihm das Innere erleuchtet und hilft, die Speiseröhre des Wals hochzuklettern.

Biolumineszenz gibt es viel in der Tiefsee, wobei Quallen nicht das Paradebeispiel sind, eher Krebstiere. Und ihr Licht leuchtet nicht wie eine Stirnlampe, sondern flackert sporadisch. Ich hatte mal eine Seefeder auf der Hand, ihr Leuchten war absolut faszinierend - doch hell ist anders. Aber hej, das ist ein Spielfilm, keine Doku. Künstlerische Freiheit ist also erlaubt.

Schauen Sie sich den Film denn im Kino an?

Walmägen sind mein Herzensthema und natürlich finde ich es toll, dass es diesen Film gibt und nun viele darüber reden. Ins Kino gehe ich aber vermutlich nicht - nicht weil ich den Trailer doof fand, sondern weil mir die Geschichte viel zu gruselig und klaustrophobisch ist. Ich bin nicht gut bei Horrorfilmen. Aber ich schaue ihn mir gern später mal zu Hause an.

Könnten Sie zum Schluss noch kurz erklären, was eigentlich "Whalefall" bedeutet?

Walsturz sagt man auf Deutsch, wenn ein Wal stirbt und sein Körper sehr schnell absinkt. Für alle Tiefseewesen ist das ein echter Jackpot. Denn so ein tonnenschweres Tier bringt Futter in diesen sehr nährstoffarmen Lebensraum. Der Kadaver wird zu einem eigenen kleinen Ökosystem, an dem sich sehr viele Tiere ansiedeln und auch fortpflanzen - vom Hai über Seesterne und Muscheln bis zu Mikroorganismen.

Aber wie die Geschichte des Filmwals endet, verraten wir nicht.

Auf keinen Fall!

Quelle: ntv.de

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