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Bruch mit alter Biologie-RegelAffen in Südamerika werden trotz Erderwärmung schwerer

20.05.2026, 18:44 Uhr
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Die in Argentinien untersuchten Azara-Nachtaffen konnten laut den Forschern seit 1999 etwa vier Prozent an Körpergewicht zulegen. (Foto: picture alliance / imageBROKER)

Laut einer Regel werden Tierarten bei höheren Temperaturen tendenziell kleiner. Eine Primatenart in Südamerika scheint dem zu trotzen und Körpermasse zuzulegen. Die Forscher haben eine Vermutung, was der Grund sein könnte.

Schwerer wegen des Klimawandels? Zumindest wiegen die in Südamerika heimischen Azara-Nachtaffen heute mehr als noch vor 25 Jahren. Das geht aus einer Langzeitstudie eines Forschungsteams der Yale University hervor. Die Tiere waren im Jahr 2023 im Schnitt rund 50 Gramm schwerer als 1999, wie das Forschungsteam der Yale University in der Fachzeitschrift "Proceedings B" der britischen Royal Society schreibt. Das entspreche einem Zuwachs vonetwa vier Prozent Körpergewicht.

In dem Zeitraum stiegen der Studie zufolge die durchschnittlichen Tagestemperaturen in der Untersuchungsregion in Argentinien um mehr als ein Grad, weshalb die Forscher die Gewichtszunahme mit dem Klimawandel in Verbindung bringen. Neben Argentinien kommen die Affen auch in Paraguay und Bolivien vor.

"Wir haben festgestellt, dass Nachtaffen heute mehr wiegen als 1999, obwohl die Durchschnittstemperaturen seitdem gestiegen sind", sagte der federführende Autor Jonathan Pertile von der Yale University. Das sei überraschend, weil Wissenschaftler davon ausgehen, dass ein geringeres Körpervolumen bei Wärme vorteilhafter ist.

Woran liegt es, dass die Affen schwerer werden? Haben sie mehr zu fressen, weil bestimmte Früchte in wärmerem Klima besser gedeihen? Oder können sie sich besser fortpflanzen? Das Forschungsteam hatte mehrere Erklärungsansätze – nur einer davon bestätigte sich.

Ersten Lebensjahre womöglich der Schlüssel

Nach Angaben der Forscher deutet vieles darauf hin, dass vor allem höhere Temperaturen im ersten Lebensjahr der Tiere entscheidend sind. Affen, die in wärmeren Jahren geboren wurden, waren später im Leben schwerer als Tiere aus kühleren Jahrgängen. Das Team vermutet, dass junge Affen bei höheren Temperaturen weniger Energie aufbringen müssen, um ihre Körpertemperatur zu regulieren. Die eingesparte Energie könne in Wachstum investiert werden.

Die Daten der 180 Affen, die zwischen 1999 und 2023 immer wieder gemessen wurden, stammen aus einem Langzeitprojekt auf einer privaten Rinderfarm in der Provinz Formosa im Norden Argentiniens, das von dem Seniorautor der Studie, Eduardo Fernandez-Duque, geleitet wird. In dem betrachteten Zeitraum stiegen die durchschnittlichen Tagestemperaturen dort laut den Forschern von 22,2 auf 23,8 Grad. Die Wissenschaftler untersuchten Tiere in verschiedenen Lebensphasen und maßen neben dem Gewicht auch die Körperlänge.

Diese blieb über die Jahre weitgehend unverändert. Die Forscher vermuten, dass zusätzliche Kalorien zwar zu mehr Gewicht führen, aber nicht zwangsläufig zu weiterem Wachstum in die Länge, wenn dies keine grundsätzlichen Vorteile für die Entwicklung bringt.

Widerspruch zur Bergmannschen Regel

Die Ergebnisse der Studie stehen im Gegensatz zur sogenannten Bergmannschen Regel, einer der wichtigsten ökogeographischen Klimaregeln: Innerhalb einer Art oder unter nah verwandten gleichwarmen Tieren sind Individuen in kälteren Regionen durchschnittlich größer als solche in wärmeren Regionen.

Grund dafür ist das Verhältnis von Körperoberfläche zu Körpervolumen. Das Volumen - proportional zur Masse - bestimmt, wie viel Körperwärme durch Stoffwechsel produziert wird. Die Oberfläche bestimmt, wie viel Wärme an die Umgebung abgegeben wird. Ein größerer Körper hat eine relativ kleine Oberfläche im Verhältnis zum Volumen und kann Wärme daher besser halten, was in kälteren Regionen ein Vorteil ist. Ein vergleichsweise kleiner Körper hingegen hat eine relativ große Oberfläche im Verhältnis zum Volumen und kann Wärme besser abgeben, was bei höheren Temperaturen vorteilhaft ist.

Nachvollziehbarer wäre nach dieser Regel, hätten die Affen im Mittel etwas Körpervolumen und damit Gewicht verloren. Allerdings beeinflussen auch zahlreiche weitere Faktoren die Entwicklung von Tieren.

Quelle: ntv.de, Larissa Schwedes, dpa

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