Lange Zeit unter dem RadarNeue Corona-Variante "Cicada" breitet sich aus
Von Hedviga Nyarsik
Ein Ableger des Coronavirus mit dem Spitznamen "Cicada" sorgt international für Aufsehen. Die neue Variante verfügt über eine ungewöhnlich große Anzahl genetischer Veränderungen. Laboruntersuchungen deuten darauf hin, dass Antikörper gegen das Pathogen eine geringere Wirksamkeit zeigen.
Sie galt lange als unauffällig - jetzt rückt eine neue Corona-Variante in den Fokus: BA.3.2, mit dem Spitznamen "Cicada", breitet sich neuesten Erkenntnissen zufolge bislang unbemerkt zunehmend in den USA, in Europa und auch in Deutschland aus. Gesundheitsbehörden beobachten die Entwicklung aktuell sehr genau. Grund dafür ist vor allem die ungewöhnlich hohe Zahl an Mutationen der Variante. Diese könnten es dem Virus erleichtern, bestehende Immunität teilweise zu umgehen - auch die durch die Impfungen.
Die Variante wurde erstmals im November 2024 in Südafrika nachgewiesen und hat sich seitdem weitgehend unbeachtet weltweit verbreitet. Inzwischen ist sie laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in mehr als 20 Ländern aufgetreten. In einigen Regionen, vor allem in Nordeuropa, hat sich die Variante bereits stärker etabliert. So entfiel in Ländern wie Dänemark oder den Niederlanden zeitweise rund ein Drittel der untersuchten Corona-Fälle auf BA.3.2, wie Daten der dortigen Gesundheitsbehörden zeigen.
In den USA spielt BA.3.2 hingegen bislang nur eine untergeordnete Rolle - zumindest offiziellen Zahlen zufolge. Laut CDC liegt ihr Anteil aktuell bei unter einem Prozent der sequenzierten Fälle. Gleichzeitig zeigen Abwasseranalysen ein anderes Bild: Die Variante wurde bereits in Hunderten Proben aus mehr als zwei Dutzend Bundesstaaten nachgewiesen. Fachleute werten das als frühes Signal für eine weitere Ausbreitung. In Deutschland macht die Variante dem Robert-Koch-Institut (RKI) zufolge aktuell etwa fünf Prozent der nachgewiesenen SARS-CoV-2-Infektionen aus. Doch auch hier gehen Experten von einer höheren Dunkelziffer aus.
"Neuer Gegner" für das Immunsystem
Warum die Cicada-Variante international für Aufsehen sorgt, liegt in erster Linie an ihrer auffälligen genetischen Struktur. BA.3.2 weist laut Experten 70 bis 75 Veränderungen im sogenannten Spike-Protein auf - jenem Teil des Virus, mit dem es in menschliche Zellen eindringt. "Die Zahl der Mutationen macht es weniger wahrscheinlich, dass die aktuellen Impfstoffe hochwirksam gegen diese Variante sind", erklärt der Infektiologe Robert H. Hopkins laut "USA Today".
Auch der Epidemiologe Kyle B. Enfield von der University of Virginia sieht darin einen möglichen Vorteil für das Virus: "Diese Veränderungen erschweren es dem Immunsystem, das Virus zu erkennen", schreibt er im Wissenschaftsportal "The Conversation". Die derzeit eingesetzten Covid-19-Impfstoffe seien auf Varianten aus der JN.1-Linie zugeschnitten. Die neue Variante BA.3.2 unterscheidet sich dem Experten zufolge jedoch deutlich davon und ist für das Immunsystem gewissermaßen ein "neuer Gegner". Dadurch könnten die Impfstoffe Infektionen weniger effektiv verhindern, weil sie das Virus nicht so schnell erkennen.
Einen Grund zur Panik gibt es Fachleuten zufolge vorerst aber nicht: Es gebe "keine Hinweise darauf, dass die Variante schwerere Krankheitsverläufe verursacht", betont Enfield. Auch andere Experten kommen zu ähnlichen Einschätzungen. "Die bisherigen Daten deuten nicht darauf hin, dass sie schwerer verläuft oder besondere Symptome verursacht", sagt der Infektiologe William Schaffner dem US-Sender PBS.
Impfen und Hygieneregeln beachten
Typische Symptome bleiben demnach unverändert und ähneln denen früherer Varianten: Dazu zählen unter anderem Husten, Halsschmerzen, Müdigkeit oder Schnupfen. Einzelne Berichte deuten auf besonders starke Halsschmerzen hin, belastbare Daten dazu gibt es jedoch noch nicht.
Trotz der möglichen Immunflucht betonen Experten, dass Impfungen sehr wahrscheinlich weiterhin zuverlässig vor schweren Verläufen und Todesfällen schützen. "Das bedeutet nicht, dass man sich nicht impfen lassen sollte", so Enfield. "Ein weniger gut passender Impfstoff wird das Virus nur etwas später erkennen."
Ob sich BA.3.2 zur dominanten Variante entwickelt, ist noch offen. Einige Experten wie etwa Infektiologe Hopkins halten auch eine neue Infektionswelle im Sommer für möglich. Fachleute raten daher weiterhin zu einfachen Schutzmaßnahmen: Bei Krankheitssymptomen zu Hause bleiben, Hygieneregeln einhalten und bei Bedarf medizinischen Rat einholen. Gerade für Menschen mit Vorerkrankungen bleibt das Risiko für schwere Verläufe bestehen.