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Gefährlicher als Delta? Neue Sars-CoV-2-Variante trotzt Antikörpern

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Viren mutieren ständig.

(Foto: imago images/Bihlmayerfotografie)

Während in Deutschland mit Booster-Impfungen auf die rasante Ausbreitung der aggressiven Delta-Variante reagiert wird, ist in Kolumbien eine andere Variante vorherrschend. Diese könnte im Pandemiegeschehen eine neue Herausforderung darstellen.

Die Variante B1.621 von Sars-CoV-2, die auch als My oder auch Mu (gesprochen Müh) bezeichnet wird, hat das Potenzial, Durchbruchserkrankungen zu verursachen. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung japanischer Forscher. Die Virus-Variante zeigt in Versuchen eine hohe Resistenz gegen die Antikörper im Serum von Geimpften und Genesenen. Diese Resistenz lasse sich auf Mutationen im Spike-Protein des Virus zurückführen, schreiben die Forscher im "The New England Journal of Medicine".

Das Team um Kei Sato vom Konsortium "Genotype to Phenotype Japan" hatte bei der Untersuchung der Variante eine ganze Reihe von Mutationen festgestellt. Einige dieser Mutationen sind auch in anderen besorgniserregenden Varianten zu finden. So trägt Mu auch die sogenannte E484K-Mutation in sich, genauso wie die Beta- und die Gamma-Variante des Virus. Diese Erbgutveränderung steht im Verdacht, für die Unempfindlichkeit auf Antikörper verantwortlich zu sein.

Antikörper von Geimpften und Genesenen überprüft

Neutralisation durch Antikörper

(Foto: Kei Sato, Genotype to Phenotype Japan)

In einem nächsten Schritt wurde die Virus-Variante für weitere Untersuchungen nachgebaut und mit antikörperhaltigen Serum von insgesamt 27 Personen konfrontiert. 13 davon hatten sich von April bis September 2020 mit Sars-CoV-2 infiziert und waren von Covid-19 genesen. 14 waren mit dem mRNA-Impfstoff von Biontech / Pfizer geimpft worden. Parallel wurden die Reaktionen mit allen anderen bisher bekannten Corona-Varianten verglichen.

Bei der Analyse der Daten zeigte sich, dass Mu die bisher höchste Antikörperresistenz aller Mutationen zeigt. Bei Geimpften war die Resistenz um das 7,6-fache höher als beim Wildtyp von Sars-CoV-2. Die Varianten Beta und Delta waren 6,3-fach beziehungsweise 2,6-fach resistenter. Ein noch drastischeres Bild lieferten die Tests mit Proben von Genesenen. Die Resistenz war bei Mu um das 12,4-fache höher als beim ursprünglichen Typ des Coronavirus. Zum Vergleich lagen sie bei Beta bei 8,2 und bei Delta bei 4,0. Auch wenn die Studie nur mit wenigen Proben durchgeführt wurde, liefert sie jedoch erste Hinweise darauf, wie gefährlich diese Mutation von Sars-CoV-2 sein könnte.

Mu ist in Kolumbien vorherrschend

Kolumbien, wo im Januar 2021 erstmals die Mu-Variante festgestellt wurde, liefert dafür ein erstes Beispiel. Die Mutation sei dort für die bisher tödlichste Welle der Corona-Pandemie verantwortlich, sagte Marcela Mercado von der staatlichen Gesundheitsbehörde im September 2021. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde die Virus-Variante in mindestens 43 Ländern nachgewiesen und hatte sich, genauso wie die Delta-Variante, als hochansteckend gezeigt. Bisher wurden 128.000 Tote im Zusammenhang mit Covid-19 in Kolumbien gezählt. Bei rund zwei Drittel der Tests bei Corona-Toten sei Mu nachgewiesen worden.

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Wegen der großen Bedeutung von Durchbruchsinfektionen seien weitere Charakterisierungen und die Überwachung dieser Variante gerechtfertigt, schreiben die Forscher. Andere Experten halten es für wahrscheinlich, dass die Mu-Variante, die auch schon in Europa nachgewiesen wurde, die Delta-Variante verdrängen und sich durchsetzen könnte. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnte beispielsweise im September vor Mu: "Die in Japan festgestellte Mu-Variante ist gegen Biontech oder Antikörper Genesener resistenter als alle anderen Varianten", erklärte er. "Wenn eine Variante wie Mu auch zu hoher Ansteckung mutiert, wäre das äußerst gefährlich. Bei Milliarden Ungeimpfter jederzeit möglich."

Auch die Europäischen Arzneimittelbehörde EMA bezeichnet Mu als "potenziell besorgniserregend". Die Variante weise möglicherweise Merkmale auf, vor der weder Geimpfte noch Genesene geschützt sind, erklärte der Leiter für Impfstoffstrategie, Marco Cavaleri. Noch gebe es keine Daten, die zeigten, ob sich die neue Variante stark ausbreitet. Die EMA wolle jedoch mit den Impfstoffentwicklern über die Wirksamkeit der verfügbaren Corona-Impfstoffe beraten.

Quelle: ntv.de, jaz

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