Tumor schrumpft bei PatientenNeues Medikament nimmt Krebs seine Tarnkappe

Die Krebsforschung meldet einen vielversprechenden Fortschritt bei der Immuntherapie. Ein neues Medikament führt bei sechs verschiedenen Krebsarten zu schrumpfenden Tumoren. Der Krebs wird dafür seiner wichtigsten Verteidigung beraubt.
Die Immuntherapie gilt als wichtigster Fortschritt der Krebsmedizin der letzten Jahre. Sie aktiviert das körpereigene Abwehrsystem, das Tumore aufspürt und zerstört. Doch bei rund zwei Dritteln aller Patienten funktioniert die Therapie bisher nicht, denn viele Tumore machen sich für das Immunsystem mit Tarnkappen unsichtbar. Ein neues Medikament zeigt nun in einer frühen Studie, dass sich diese Tarnung aufheben lässt.
Bei der Phase-1-Studie erhielten 83 Patienten den experimentellen Wirkstoff GRWD5769 in Kombination mit der Immuntherapie Cemiplimab. Bei 26 von 83 Patienten schrumpften die Tumore: Bei 15 Patienten wurde eine Verkleinerung des Tumors um mindestens 30 Prozent festgestellt, wie britische Medien übereinstimmend berichteten. Die Daten wurden beim Jahreskongress der American Society of Clinical Oncology in Chicago vorgestellt, der weltweit größten Krebskonferenz.
"Für ein Medikament, das als Tablette verabreicht wird, ist das sehr beeindruckend", sagte die leitende Prüfärztin Fiona Thistlethwaite vom Christie NHS Foundation Trust laut dem "Guardian". Die Pille wurde an Patienten des Christie-Krebsforschungszentrums in Manchester untersucht, bei denen Gebärmutterhals-, Leber-, Blasen-, nicht-kleinzelliger Lungenkrebs, Kopf-Hals-Krebs sowie eine Form von Darmkrebs diagnostiziert worden waren.
Krebs stoppte Wachstum bei Hälfte der Darmkrebs-Patienten
Besonders vielversprechend waren die Ergebnisse bei einer bestimmten Form von Darmkrebs: Bei 51 Prozent der Patienten kam das Fortschreiten der Krebserkrankung für sechs Monate zum Stillstand. Auch bei 55 Prozent der Patienten mit nicht-kleinzelligem Lungenkrebs und bei 38 Prozent der Patienten mit Kopf-Hals-Krebs kam das Fortschreiten der Erkrankung für einen ähnlich langen Zeitraum zum Stillstand.
Tumore tarnen sich, indem sie ein Enzym namens ERAP1 manipulieren und so für die T-Zellen des Immunsystems, die Krebszellen erkennen und eliminieren sollen, praktisch unsichtbar werden. Das Medikament GRWD5769 hemmt genau dieses Enzym - und nimmt den Krebszellen damit ihre Tarnkappe.
"In einem so frühen Stadium ungewöhnlich"
"Die Immuntherapie hat die Art und Weise, wie wir Krebs behandeln, grundlegend verändert, doch die Zahl der Menschen, die davon profitieren können, ist nach wie vor relativ gering", sagte Thistlethwaite. "Was mich an dieser Studie begeistert, ist die Kombination dessen, was wir beobachten - starke Anzeichen für eine Wirksamkeit bei sechs Tumorarten, die bisher eine große Resistenz gegen die Immuntherapie gezeigt haben, und das bei sehr wenigen Nebenwirkungen." Das sei in einem so frühen Stadium der Studie ungewöhnlich, in dem normalerweise nur die Sicherheit geprüft werde.
Auch unbeteiligte Experten zeigten sich vorsichtig optimistisch. Der Forschungsleiter von Cancer Research UK, Samuel Godfrey, nannte die Resultate gegenüber dem "Guardian" "ermutigend" - gerade weil sie bei Patienten auftraten, deren Krebs auf nichts mehr angesprochen hatte. Solche Effekte über mehrere schwer behandelbare Krebsarten hinweg seien ungewöhnlich.
Sicher ist damit allerdings noch wenig: Es handelt sich um eine Phase-1-Studie, die in erster Linie die Sicherheit prüft. Größere Untersuchungen müssen erst zeigen, ob der Ansatz dauerhaften Nutzen bringt - die zweite Phase der Studie ist bereits in Planung.