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Von Irland bis Portugal Noch hat B.1.1.7 keine dritte Welle ausgelöst

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Die mutierte Coronavirus-Variante B.1.1.7 ist auf dem Vormarsch, aber nicht unaufhaltsam.

(Foto: imago images/MiS)

Die Sorge vor einer dritten Welle durch die mutierte Virus-Variante B.1.1.7 ist groß, in einigen deutschen Kreisen scheint die Lage schon zu kippen. Ein Blick in die bisher am stärksten betroffenen Länder zeigt, dass man die Mutante unter Kontrolle halten kann - die Frage ist nur, wie lange?

In Modellen scheint es unabwendbar zu sein, dass eine dritte Corona-Welle durch mutierte Varianten des Coronavirus ausgelöst wird. Vor allem die zuerst in Großbritannien entdeckte Sars-CoV-2-Mutante B.1.1.7 bereitet derzeit große Sorgen, da sie sich inzwischen auch in Deutschland rasch verbreitet. Doch in Ländern, in denen B.1.1.7 zum Teil schon die dominante Variante ist, sinken die Fallzahlen deutlich. Das zeigt wohl, dass einschränkende Maßnahmen auch die Mutante zurückdrängen können. Die große Frage ist aber, was passiert, wenn die Lockdowns gelockert werden?

B.1.1.7 kaum aufzuhalten

Nach dem aktuellen Bericht des Robert-Koch-Instituts (RKI) zu der besorgniserregenden Virus-Variante ist deren Siegeszug in Deutschland kaum aufzuhalten. Binnen zwei Wochen ergibt sich aus den bisherigen Zahlen der Behörde ein Anstieg des B.1.1.7-Anteils am Infektionsgeschehen von 6 auf jetzt 22 Prozent. Und es gibt Regionen, in denen die Mutante bereits viel weiter verbreitet ist. Dazu gehören beispielsweise Tirschenreuth und Wunsiedel an der ostbayerischen Grenze zu Tschechien. Schlagzeilen macht aktuell aber vor allem Flensburg, wo mindestens ein Drittel der Neuinfektionen auf die mutierte Variante zurückzuführen ist und die Fallzahlen deutlich ansteigen.

Dies könnte aber auch zu einem guten Teil an einer illegalen Silvesterfeier im benachbarten Dänemark liegen, an der etliche Zeitarbeiter teilnahmen, die in Flensburg wohnen. Im Januar war ein Großteil der Neuinfektionen darauf zurückzuführen. Jetzt sei das Infektionsgeschehen laut Stadtsprecher Clemens Teschendorf deutlich diffuser. Wie sehr individuelles Fehlverhalten und die Mutante jeweils für die steigenden Fallzahlen verantwortlich sind, ist also noch nicht klar.

Maßnahmen wirken auch bei Mutanten

Unaufhaltbar ist eine dritte Welle durch B.1.1.7 jedenfalls nicht, wie ein Blick in andere Länder zeigt, beispielsweise nach Großbritannien. Einer Vorabstudie nach waren dort schon im Januar rund 60 Prozent der Neuinfektionen auf die mutierte Variante zurückzuführen, inzwischen dürfte der Anteil noch weit höher sein.

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Im Vereinigten Königreich waren die Fallzahlen im Dezember ausgehend von knapp 15.000 Neuinfektionen im 7-Tage-Schnitt explosionsartig angestiegen und erreichten mit fast 60.000 registrierten Ansteckungen am 9. Januar einen Höchststand. Seitdem sind die Fallzahlen aber ebenso rasant wieder gefallen, aktuell hat Großbritannien einen 7-Tage-Schnitt von etwa 12.300 Neuinfektionen. Es haben sich also immer weniger Menschen neu angesteckt, obwohl parallel B.1.1.7 die dominante Virus-Variante geworden ist.

Zurückzuführen ist das auf einen harten Lockdown, den Premierminister Boris Johnson am 4. Januar ankündigte. Zuvor hatte ähnlich wie in Deutschland ein weicher November-Shutdown zu einem mäßigen Rückgang der Neuinfektionen geführt.

Johnson schockt Briten

Der harte Lockdown hätte eigentlich erst gegen Ende Januar Wirkung zeigen können. Dass die Fallzahlen schon vorher deutlich zurückgegangen sind, dürfte damit zusammenhängen, dass Johnson bereits am 19. Dezember in einer dramatischen Ansprache vor dem mutierten Virus warnte, das bis zu 70 Prozent ansteckender sei. Gleichzeitig ging London schon vor dem Rest des Königreichs in den Lockdown.

Ähnlich, wenn auch mit einer anderen Vorgeschichte, ist die Entwicklung in Irland. Nachdem das Land im Herbst konsequent in einen harten Lockdown gegangen war, der die Fallzahlen auf unter 300 im 7-Tage-Schnitt drückte, stiegen die Neuinfektionen Mitte Dezember wieder an und schossen kurz darauf in die Höhe.

Vermutlich war auch in Irland der Auslöser eine laschere Einstellung der Bevölkerung, die sich durch die niedrigen Inzidenzen in Sicherheit wog. Michael Ryan, Chef des WHO-Notfall-Programms, sagte "The Irish Times", der rasante Anstieg sei nicht unbedingt auf die mutierte Variante B.1.1.7 zurückzuführen, sondern auf vermehrte soziale Kontakte und zu wenig Distanz während der Festtage.

Während die Neuinfektionen von einem Höchststand von rund 6500 Fällen im 7-Tage-Schnitt auf jetzt unter 850 abstürzten, breitete sich aber wie in Großbritannien auch in Irland die Sars-CoV-2-Variante B.1.1.7 rasant aus. Das European Centre for Desease Prevention and Control (ECDC) schätzt dort den Anteil der Mutante auf mindestens 75 Prozent.

Mutiertes Virus in Portugal auf dem Rückzug?

Für Portugal gibt die ECDC einen Wert von 45 Prozent an. Das Land hatte einen noch milderen Herbst-Lockdown als Deutschland, ließ unter anderem Restaurants und Schulen geöffnet. Die Corona-Maßnahmen wurden mit leichten Verschärfungen verlängert, und die Zahl der Neuinfektionen ging von etwa 6400 im 7-Tage-Schnitt am 19. November auf weniger als 3000 am 28. Dezember zurück.

Kurz zuvor hatte die Regierung die Maßnahmen zum Weihnachtsfest gelockert, um Familienzusammenkünfte zu ermöglichen. Nur vorübergehend, wie in Deutschland, sollte Silvester wieder Schluss mit lustig sein. Doch da war es schon zu spät, die Fallzahlen waren in ein exponentielles Wachstum übergegangen, das erst am 28. Januar bei fast 13.000 Neuinfektionen im 7-Tage-Schnitt endete.

Dann fielen die Fallzahlen wie nach dem Höhepunkt einer Achterbahn. Aktuell liegt in Portugal der 7-Tage-Schnitt bei weniger als 2900 Ansteckungen, Tendenz weiter steil nach unten. Der Grund: Am 15. Januar ging Portugal in einen harten Lockdown.

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Die rosa Fläche zeigt die Entwicklung von B.1.1.7, die braune die der Variante 20A.EU1, die erst im Sommer in Spanien auftrat und sich dann über Europa verbreitete.

(Foto: Covariants.org)

Erstaunlicherweise könnte es sein, dass sich B.1.1.7 dabei nicht zur dominanten Variante entwickelt hat. Auf der Website Covariants.org, die Daten zu den Virus-Varianten weltweit sammelt, zeigt die entsprechende Grafik zwar eine Vormachtstellung der Mutante Ende November an. Aber im Laufe des Dezember übernahm der Vorgänger wieder die Mehrheit der Infektionen. Und der Trend setzte sich bis Mitte Januar fort. Wie zutreffend die Daten des Projekts der Universität Bern unter Leitung von Emma Hodcroft sind, ist aber schwer einzuschätzen. Außerdem könnte B.1.1.7 in den vergangenen vier Wochen in Portugal erneut die Oberhand gewonnen haben.

R-Wert von B.1.1.7 in Dänemark unter 1

Flensburgs "Problem-Nachbar" ist Dänemark, wo laut ECDC mindestens schon 27 Prozent der Ansteckungen auf B.1.1.7 zurückzuführen sind. Die dortige Gesundheitsbehörde Statens Serums Institut (SSI) schätzt die Verbreitung auf mindestens 28 Prozent.

Auch in unserem nordwestlichen Nachbarland erhöhten sich die Fallzahlen im Herbst erst langsam und stiegen dann im Dezember sprungartig von etwa 1399 Neuinfektionen im 7-Tage-Schnitt innerhalb von nicht mal drei Wochen auf über 3500 an. Dann ging es bis zum 3. Februar steil bergab, seit der Inzidenz von rund 450 sinken die Zahlen langsamer. Aktuell zählt das Land etwa 390 Ansteckungen im 7-Tage-Schnitt.

Dänemark ist seit ungefähr Mitte Dezember im Lockdown, auch hier sind also die Maßnahmen sehr effektiv gegen die mutierte Virus-Variante. Das SSI schätzt aktuell die Ansteckungsrate von B.1.1.7 auf 0,99. "Dies deutet darauf hin, dass B.1.1.7 derzeit voraussichtlich nicht wachsen wird", heißt es in der Pressemitteilung.

Die Zeitung "Nordschleswiger" berichtet, SSI-Direktor Henrik Ullum mahne trotz "der erfreulichen Entwicklung" zur Vorsicht. Vor allem deshalb, weil in den aktuellen Zahlen noch nicht die möglichen Folgen der Schulöffnungen für die jüngsten Kinder am 8. Februar zu sehen seien. Dafür, über eine weitere Öffnung zu diskutieren, sei es noch zu früh.

Tschechien strauchelt auch ohne B.1.1.7

Es gibt aber auch schlechte Beispiele, was die Entwicklung der Neuinfektionen und die Verbreitung der mutierten Variante betrifft. In Tschechien steigen die Fallzahlen trotz eines Lockdowns seit dem 26. Januar wieder an. Tiefer als knapp 6750 Neuinfektionen im 7-Tage-Schnitt kam das Land seit dem Höchststand von rund 13.000 Fällen am 9. Januar nicht mehr. Davor hatte ein Herbst-Shutdown die Ansteckungen von fast gleich hohem Niveau immerhin auf eine Inzidenz von rund 3650 drücken können.

Wie hoch der Anteil von B.1.1.7 in Tschechien ist, lässt sich nur vermuten, belastbare Zahlen aus dem Land gibt es nicht. Einen Eindruck davon vermittelt aber die Situation an der Grenze zu Deutschland. Einer aktuellen Studie nach ergab sich bei rund 330 von 530 positiven Tests an einer Grenzstation der Verdacht auf die Mutante B.1.1.7., was einem Anteil von etwa 65,5 Prozent entspricht. Mehr als zwei Drittel davon stammen von tschechischen Bürgern. "Onetz" berichtet, der tschechische Gesundheitsminister gehe von einem zehnprozentigen Anteil aus.

Die Mutante ist aber eher nicht verantwortlich für das Corona-Desaster in Tschechien. Die Bevölkerung macht nicht mehr mit. Sie ist erschöpft und folgt immer weniger den Regeln. Unter anderem deklarierten zahlreiche Menschen Urlaubsfahrten in Skigebiete als Dienstreisen. Innenminister Jan Hamáček erwog deshalb laut "Onetz" Anfang des Monats sogar, "die Bewegungsmöglichkeiten auf die Kreise und Bezirke zu begrenzen". Das Vertrauen in die Politik sei verloren, auch der bereits dritte Gesundheitsminister seit September sei hilflos und bestärke mit verwirrenden Äußerungen Corona-Leugner, berichtete die "Süddeutsche Zeitung".

Erst wenn ein Land lockert, weiß man Bescheid

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Was in Tschechien schon passiert, droht auch in anderen Ländern, unter anderem in Deutschland. Denn die Zahlen durch Lockdowns trotz Mutationen effektiv zu senken, ist nur ein Teilerfolg. Das kann so aber nicht ewig weitergehen, weder die Bevölkerung noch die Wirtschaft kann dies noch lange verkraften. Selbst einem wohlhabenden Land wie Deutschland geht irgendwann die Puste aus - und der Druck auf die Politik, beim nächsten Bund-Länder-Treffen einen Stufenplan für Lockerungen vorzulegen, ist schon jetzt enorm hoch.

Wann aber soll oder kann man es wagen, die Maßnahmen zurückzuführen? Niemand weiß das so genau, Modellierungen gehen nur von geschätzten R-Werten aus. Es muss nicht zur dritten Welle kommen, es könnte aber passieren, auch ohne Mutanten haben Lockerungen zur falschen Zeit andere Länder ins Unglück gestürzt. Der richtige Zeitpunkt wird sich wissenschaftlich kaum exakt bestimmen lassen. Letztendlich wird man also erst wissen, wie gefährlich B.1.1.7 wirklich ist, wenn ein Land ein Ende des Lockdowns riskiert.

Quelle: ntv.de