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Rätselhafter Fall in SibirienPest oder Lungenentzündung - woran starb die russische Forscherin?

05.10.2026, 17:19 Uhr Artur WeigandtVon Artur Weigandt
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Der Pest-Erreger Yersinia pestis zirkuliert in Russland auch noch heute unter Nagetieren wie Murmeltieren und Zieseln und wird von deren Flöhen übertragen. (Foto: picture alliance / Phanie)

Am Pestinstitut in Irkutsk zerbricht angeblich ein Röhrchen mit einem gefährlichen Erreger. Kurz darauf stirbt eine junge Forscherin. Moskau widerspricht den Darstellungen. Doch die Reaktionen der Behörden sprechen eine andere Sprache.

Darja Schipilowa war 28 Jahre alt, als sie in der Nacht zum 2. Oktober im Kreiskrankenhaus von Schelechow starb, einer Kleinstadt rund 20 Kilometer von Irkutsk entfernt. Sie stammte aus Irkutsk, hatte dort Medizin studiert und vor zwei Jahren ihre Facharztausbildung in klinischer Labordiagnostik mit Auszeichnung abgeschlossen. Seit mindestens 2022 arbeitete sie am Irkutsker Forschungsinstitut zur Pestbekämpfung. Ausgerechnet an dem Erreger, den sie erforschte, soll sie gestorben sein. Wie es dazu kam, darüber kursieren mehrere Versionen.

Laut dem Exilmedium "Ljudi Baikala" zerbrach Schipilowa am 25. September im Labor ein Röhrchen mit dem Erreger der Lungenpest. Kurz darauf sei sie mit schwerer Lungenentzündung eingeliefert worden, künstlich beatmet worden und wenige Tage später gestorben. Der kremlnahe Telegram-Kanal Mash meldete dagegen zunächst, sie sei nach einer Dienstreise nach Burjatien erkrankt. Später hieß es dort, sie habe beim Sammeln von Proben pestinfizierter Tiere aus Transbaikalien ein Gefäß zerbrochen. Die russischen Behörden bestätigen keine dieser Versionen.

Die offizielle Lesart lieferte am Sonntag die Gesundheitsbehörde Rospotrebnadsor. Schipilowa sei an einer "Pneumonie ungeklärter Ätiologie" gestorben. Erweiterte Tests hätten in ihren Proben keine Mikroorganismen gefunden, mit denen sie beruflich zu tun hatte. Eine Biosicherheitskommission habe im Institut keinen Unfall festgestellt, und kein anderer Mitarbeiter habe sich in den vergangenen zehn Tagen mit einer Infektion gemeldet. Die Lage in Irkutsk und Schelechow sei "stabil". Nur passen die Maßnahmen der vergangenen Tage schlecht zu einer gewöhnlichen Lungenentzündung.

Das Zurückrudern beginnt

Schon am 2. Oktober reiste Rospotrebnadsor-Chefin Anna Popowa persönlich aus Moskau an und leitete gemeinsam mit Gouverneur Igor Kobsew eine Sondersitzung der regionalen Seuchenschutzkommission. Kobsew sprach vom Verdacht auf eine "besonders gefährliche Infektion" und nannte es verfrüht, die Krankheit zu benennen. Ermittler leiteten laut der Zeitung "Iswestija" ein Strafverfahren wegen Verstoßes gegen Hygienevorschriften mit fahrlässiger Todesfolge ein. Das Krankenhaus in Schelechow kam unter Quarantäne. Laut dem Staatssender REN TV wurden 189 Kontaktpersonen stationär aufgenommen, verteilt auf zwei Krankenhäuser und das Pestinstitut selbst. Andere Berichte nennen 197 Kontaktpersonen. Laut "Ljudi Baikala" begleiteten FSB-Beamte die Krankenwagen, die diese Menschen zu Untersuchungen brachten. In Irkutsk wurden öffentliche Veranstaltungen abgesagt.

Burjatiens Republikchef Alexej Zydenow hatte zunächst geschrieben, die Frau sei "an der Pest gestorben". Damit wollte er vor allem klarstellen, dass sie sich nicht in seiner Region angesteckt habe. Später änderte er seinen Post in "möglicherweise an der Pest gestorben". Die Stadtverwaltung von Baikalsk warnte ihre Bürger vor Fahrten nach Schelechow, unter Verweis auf "inoffizielle Informationen" über einen Pestfall. Nach knapp zwei Stunden war der Post gelöscht.

Auch REN TV entfernte alle fünf Telegram-Beiträge zum Thema, darunter jene mit den Zahlen der Hospitalisierten. In Apotheken in Irkutsk und Schelechow sollen die Antibiotika ausverkauft sein. Ob auch Irkutsker Stadtkliniken unter Quarantäne stehen, ist umstritten: "Ljudi Baikala" meldet Einschränkungen in mehreren Häusern für drei Wochen, eine der genannten Kliniken dementierte das. Gouverneur Kobsew sagt in einem Video, alle Tests der Kontaktpersonen seien bislang negativ, die Angehörigen der Toten sollen kommende Woche entlassen werden. Bestätigt ist damit nur ein Todesfall mit Pestverdacht, kein Ausbruch. Ungeklärt bleibt, warum die Behörden so reagieren, wie sie reagieren.

Die Pest ist in Russland nie verschwunden

Für die Menschen in der Region ist diese Mischung aus Schweigen und Dementis nicht neu. Seit Anfang September keulen die Behörden im Irkutsker Umland Rinder, Ziegen und Schweine, offiziell wegen der Lumpy-Skin-Krankheit, einer für Menschen ungefährlichen Viruserkrankung von Rindern. Mit der Pest hat das nichts zu tun. Doch Dorfbewohner beklagen, man zeige ihnen keine Laborbefunde und töte auch gesund wirkende Tiere. Schon im Frühjahr waren in mehreren russischen Regionen Zehntausende Rinder getötet worden, und die Behörden wiesen Vermutungen über Maul- und Klauenseuche zurück.

Das Institut, an dem Schipilowa arbeitete, heißt mit vollem Namen Irkutsker Forschungsinstitut zur Pestbekämpfung Sibiriens und des Fernen Ostens und untersteht ausgerechnet Rospotrebnadsor, also der Behörde, die den Fall nun bewertet. 1934 wurde es zum staatlichen Pestinstitut ausgebaut, seit 1939 sitzt es in einem eigens errichteten Gebäude, das damals am Stadtrand lag. Es gehört zu einem in der Sowjetunion aufgebauten Netz aus Forschungsinstituten und Pest-Stationen, die neben der Pest auch Cholera, Milzbrand, Tularämie und Brucellose erforschen. Das sowjetische Antipest-System war zudem mit dem geheimen Biowaffenprogramm der UdSSR verflochten.

Dass in Sibirien an Pest geforscht wird, hat einen einfachen Grund: Die Krankheit ist in Russland nie verschwunden. Ihr Erreger, das Bakterium Yersinia pestis, zirkuliert in sogenannten Naturherden unter Nagetieren wie Murmeltieren und Zieseln und wird von deren Flöhen übertragen. 2025 wurden infizierte Tiere im zentralen Kaukasus, im Altai-Hochgebirge und in Tuwa an der mongolischen Grenze nachgewiesen. Die Institute überwachen diese Herde, fangen Tiere, untersuchen Proben und entwickeln Impfstoffe und Tests.

Menschen erkranken selten. Der letzte bestätigte Fall in Russland war 2016 ein zehnjähriger Junge im Altai, der sich beim Häuten eines Murmeltiers angesteckt hatte und überlebte. Riskant ist auch die Feldarbeit: Beim Ausgraben von Nagerbauten kann erregerhaltiger Staub eingeatmet werden, warnt der Infektiologe Wladimir Belobordow in einem Interview mit dem Portal "VFokuse". Eine Ansteckung im Labor hält er für weniger wahrscheinlich.

Laborinfektionen sind selten

Gefürchtet ist vor allem die Lungenpest. Anders als bei der Beulenpest, bei der der Erreger über einen Flohbiss die Lymphknoten befällt, verläuft sie schnell, ist unbehandelt fast immer tödlich und wird über Tröpfchen von Mensch zu Mensch übertragen. Mit Antibiotika ist sie heilbar, aber nur, wenn die Behandlung früh beginnt, oft zählt jede Stunde. Die Inkubationszeit beträgt höchstens etwa eine Woche. Hätten sich Kontaktpersonen angesteckt, müsste sich das also bald zeigen. Russische Fachleute halten eine Ausbreitung bei einem bekannten und isolierten Kontaktkreis für unwahrscheinlich, denn für eine Ansteckung braucht es engen und längeren Kontakt.

Gearbeitet wird mit dem Pesterreger in abgeschotteten Hochsicherheitslaboren mit Schutzanzügen, Atemschutz und Unterdruck. Wie streng die Regeln sein können, zeigt das Virologiezentrum "Vector" bei Nowosibirsk. Wer dort mit von Mensch zu Mensch übertragbaren Erregern arbeitetet und länger als einen Tag verreist, muss danach 21 Tage in Quarantäne. Im Fall Schipilowa drängt sich deshalb eine Frage auf: Wenn sie sich tatsächlich bei der Arbeit angesteckt hat, warum wurde das nicht sofort erkannt? Nach einem bekannten Laborunfall wäre eine vorbeugende Antibiotikagabe die Regel. Laborinfektionen sind selten, ein tödlicher Pestfall in einem russischen Labor wäre nach Jahrzehnten außergewöhnlich. Vielleicht sprechen die Behörden das Wort auch deshalb so ungern aus.

Inzwischen reagieren auch Russlands Nachbarn. Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan haben die Gesundheitskontrollen an ihren Grenzübergängen verschärft, Usbekistan hat seinen Seuchenschutz in erhöhte Bereitschaft versetzt. Kasachstans Gesundheitsministerium stuft das Risiko einer Einschleppung allerdings als "niedrig" ein, an der Grenze sei bislang niemand mit Fieber oder Verdacht auf eine gefährliche Infektion aufgefallen. Aserbaidschan hält Beschränkungen für unnötig.

Auch das Weiße Haus und das US-Außenministerium verfolgen den Fall gemeinsam mit der US-Seuchenschutzbehörde CDC. Wie es weitergeht, hängt wohl an zwei Fragen. Die Erste ist medizinisch: Bleiben die Kontaktpersonen gesund? Die Zweite politisch: Wird Russland offenlegen, woran Darja Schipilowa gestorben ist?

Quelle: ntv.de

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