Wissen

"Schleichende Durchseuchung" Soll ich mein Kind jetzt impfen lassen?

253977017.jpg

Zwei Impfstoffe sind für 12- bis 17-Jährige freigegeben.

(Foto: picture alliance / ROBIN UTRECHT)

Die Ferien sind in den meisten Bundesländern vorbei. Das merkt man auch an den Infektionszahlen. Innerhalb von nur zwei Wochen hat sich in Deutschland die Inzidenz unter den Fünf- bis Neunjährigen von 49 auf 146 verdreifacht sowie unter den Sekundarstufe-I-Schülern von 70 auf 182 verzweieinhalbfacht. Dies geht aus dem aktuellen Wochenbericht zur Pandemie des Robert-Koch-Instituts hervor. Angesichts dieser Zahlen sind Eltern besorgt und fragen sich, ob sie ihr Kinder jetzt impfen lassen sollten. Doch ist das überhaupt möglich? ntv.de klärt über die wichtigsten Fragen dazu auf.

Wer darf überhaupt vor dem vollendeten 18. Lebensjahr geimpft werden?

Am 16. August 2021 hat die Ständige Impfkommission (STIKO) ihre Empfehlungen für Covid-19-Impfungen angepasst und empfiehlt sie nun auch für 12- bis 17-Jährige. Vorher galt diese nur für Erwachsene und für Kinder und Jugendliche nur unter bestimmten Voraussetzungen. Die 12- bis 17-Jährigen dürfen mit den Impfstoffen Comirnaty von Biontech/Pfizer und Spikevax von Moderna immunisiert werden. Zwei Impfungen sind auch für sie nötig. Impfangebote machen Kinder-, Jugend- und Hausärzte sowie Impfzentren. Eine Impfpflicht soll jedoch nicht eingeführt werden. Die STIKO spricht sich zudem ausdrücklich dagegen aus, dass bei Kindern und Jugendlichen eine Impfung zur Voraussetzung sozialer Teilhabe gemacht wird.

Aber was ist mit jüngeren Kindern?

Für Kinder unter 12 Jahren gibt es bis heute weder eine Impfempfehlung noch sind Impfstoffe für diese Altersklasse zugelassen. Doch gerade nach den Ferien treten auch in dieser Altersklasse immer mehr Infektionen mit Sars-CoV-2 auf. Dennoch rät Jörg Dötsch, Direktor der Klinik für Kinder und Jugendmedizin an der Uni-Klinik Köln, von einer sogenannten Off-Label-Impfung ab. Er plädiert vielmehr dafür, die Zulassungsdaten von Impfstoffherstellern sowie eine mögliche Zulassung durch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) als auch eine Empfehlung der STIKO abzuwarten. Die Ergebnisse der Impfstoffhersteller würden für die 6- bis 11-Jährigen Ende September und für jüngere Kinder Ende Oktober erwartet. Geklärt werden müsse beispielsweise noch, mit welcher Dosierung unter 12-Jährige und noch jüngere Kinder geimpft werden könnten. Der Virologe Christian Drosten betonte im aktuellen Corona-Update des NDR, er rechne zu Beginn des nächsten Jahres mit zugelassenen und sicheren Impfstoffen für diese Altersgruppen.

Und was ist bei Kindern unter 12 mit Vorerkrankungen?

Jede Impfempfehlung und jede Impfentscheidung ist ein Abwägen zwischen Nutzen und Risiko. Das gilt auch für Kinder mit bestimmten Erkrankungen, denn auch diese können schwer an Covid-19 erkranken. Durch Daten aus den USA weiß man bereits, dass sogenannte Multi-System-Erkrankungen, die verschiedene Körperregionen betreffen, wie beispielsweise bei Trisomie 21, das Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf erhöhen. Auch Kinder mit starkem Übergewicht (Adipositas) haben ein stark erhöhtes Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken. Im Einzelfall ist für diese Kinder, auch wenn sie unter 12 Jahre alt sind, eine Off-Label-Impfung schon heute eine Option. Von dieser vorzeitigen Off-Label-Impfung rät Dötsch aber auch für diese Risikogruppe zum jetzigen Zeitpunkt ab. "An dieser Stelle sollten wir nicht überaktiv werden, sondern vorhandene Schutzmaßnahmen nutzen", so Dötsch. Im Zweifel sollten Eltern das Gespräch mit dem behandelnden Kinderarzt führen.

Wie groß ist denn nun das Risiko, dass mein Kind wegen Covid-19 ins Krankenhaus muss?

Auf Intensivstationen in Deutschland ist derzeit ein Prozent der Betten mit Covid-19-Fällen von 0- bis 17-Jährigen belegt, das zeigt das Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Das sind insgesamt 12 Kinder und Jugendliche (Stand 5. September), die intensivmedizinisch betreut werden müssen. Das Risiko für die Aufnahme in ein Krankenhaus liege bei den 0- bis 4-Jährigen bei zwei bis vier Prozent, erklärt Berit Lange, Leiterin der Klinischen Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig. Es sei damit etwas höher als bei den 5- bis 14-Jährigen, bei denen das Risiko mit 0,5 Prozent angegeben wird. Diese Zahlen hätten sich auch durch die Delta-Variante oder durch Impfungen nicht verändert.

Aber warum soll mein Kind dann überhaupt geimpft werden?

Auch wenn die meisten Kinder nicht schwer an Covid-19 erkranken, ist bisher noch völlig unklar, wie es sich mit der Entwicklung von Post-Covid bei Kindern verhält. "Wir wissen eigentlich gar nicht genau, was bei Kindern nach einer mild verlaufenen Coronavirus-Infektion im Körper passiert und wie hoch das Risiko für Long Covid ist", erklärt Jördis Frommhold von der Median-Klinik in Heiligendamm dazu. Klar sei allerdings bereits, dass sich das immunologische Gedächtnis bei Kindern nach der Infektion verändert. Ob sich die vor allem bei Familien gefürchteten Quarantäne-Maßnahmen und Schulschließungen durch Impfungen verhindern lassen, kann zudem nicht mit Sicherheit vorhergesagt werden.

Von Ansteckungen im Herbst und Winter sind ja vor allem Kinder und Jugendliche betroffen, oder?

Das ist angesichts der aktuellen Zahlen sehr wahrscheinlich. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise ist die Inzidenz unter den 5- bis 14-Jährigen bundesweit mit Abstand am höchsten. In Wuppertal gab es sogar Spitzenwerte von 775. Insgesamt 90 komplette Schulklassen befinden sich in dem Bundesland derzeit in Quarantäne. Von einer sogenannten "stillen Durchseuchung" der jungen Menschen mit Sars-CoV2 warnte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kürzlich auf Twitter. Er bekam Zustimmung vom Virologen Alexander Kekulé. Bei Kindern sei die Lage jetzt am schlimmsten, sagte der Virologe als Gast bei "Markus Lanz". Kekulé verwies mit Blick auf den Herbst auf eine neue Modellierung der STIKO, in der davon die Rede sei, dass man Anfang Oktober eine Inzidenz von 500 habe. "Das heißt, dass das Virus sozusagen in einem Herbstorkan unterwegs ist", so Kekulé. Ähnlich sieht es auch Drosten. Der Virologe warnte auch vor einer Durchseuchung der Kinder und Jugendlichen. "Es ist ganz klar, das kann man nicht machen", erklärte er in einem Interview mit dem Deutschlandfunk.

Von einer vollständigen Durchseuchung im Herbst in der jungen Bevölkerung ist die Helmholtz-Epidemiologin Lange hingegen nicht überzeugt. "Vermutlich werden sich nicht alle Kinder anstecken, aber innerhalb eines kurzen Zeitraums sehr viele." Würden sich tatsächlich alle Kinder mit Sars-CoV-2 infizieren, könnte es zu einer Sterblichkeit in dieser Altersgruppe im zwei- bis dreistelligen Bereich kommen. Dies gelte es durch entsprechende Maßnahmen, die in den S3-Leitlinien zur Prävention und Kontrolle der Sars-CoV-2-Übertragung in Schulen zusammengefasst sind, zu verhindern. Sogenannte gepoolte Lolli-Tests hätten sich beispielsweise bereits bewährt und seien ein gutes Mittel für Schulen und Kitas, um Infektionen in Schach zu halten.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen