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Superspreadern auf der Spur Studie zeigt, wo das Corona-Risiko hoch ist

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Japan hat sich bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie schon früh auf Cluster konzentriert.

(Foto: AP)

Japanische Wissenschaftler analysieren große Corona-Ausbrüche in ihrem Land. Ihre Studie zeigt, wo das Risiko für Superspreading-Events besonders hoch ist. Um solche Masseninfektionen zu vermeiden, gilt es vor allem drei Situationen aus dem Weg zu gehen.

Die Wissenschaft geht davon aus, dass bei der Verbreitung des Coronavirus einige wenige Superspreader viele weitere Personen anstecken, während die meisten anderen Virusträger nur einen oder gar keinen anderen Menschen infizieren. Für die Bekämpfung der Pandemie ist es daher entscheidend, dass solche Ereignisse verhindert oder wenigstens schnell eingedämmt werden. Wichtige Erkenntnisse liefert dafür eine neue Vorab-Studie aus Japan.

Die Wissenschaftler haben darin insgesamt 61 ortsgebundene Ausbrüche (Cluster) analysiert, die zwischen dem 15. Januar und dem 4. April stattfanden. Sie versuchten festzustellen, wo unter welchen Bedingungen von welchen Personen das Virus verbreitet wird. In den meisten Fällen fanden drei bis zehn Infektionen statt, beim größten erkannten Superspreading-Event wurden mehr als 100 Menschen infiziert. Folge-Infektionen berücksichtigten die Forscher dabei nicht. Immerhin gelang es den Wissenschaftlern auch, 22 Personen zu identifizieren, die wahrscheinlich Auslöser der Massen-Infektionen waren.

Kliniken und Pflegeheime vor Bars und Restaurants

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Von den 61 Clustern lokalisierten die Forscher 18 (30 Prozent) in Krankenhäusern und anderen medizinischen Einrichtungen. Zehn Superspreading-Events (16 Prozent) gab es in Pflegeeinrichtungen (Altenheimen), ebenfalls zehn Cluster machten die Forscher in Bars und Restaurants aus. Sieben Ausbrüche (11 Prozent) wurden an Arbeitsplätzen registriert. Musikveranstaltungen wie Chorproben, Karaokepartys oder Live-Konzerte waren Schauplatz von 7 (11 Prozent) der Superspreading-Events. In Fitnessstudios bildeten sich fünf Cluster (8 Prozent), nur einen einzigen Superspreading-Event machten die Wissenschaftler in einem Flugzeug aus. Den massivsten Cluster mit mehr als 100 Infizierten lokalisierten die Forscher in einer Klinik, bei einem Konzert mit über 30 Ansteckungen fand der größte Ausbruch außerhalb einer medizinischen Einrichtung statt.

Nicht alle Ausbrüche rückverfolgbar

Erstaunlicherweise befindet sich unter den registrierten Clustern kein Ausbruch in den notorisch überfüllten Nahverkehrszügen des Landes. Das muss nicht bedeuten, dass es sie nicht gegeben hat. Es könnte auch daran liegen, dass so ein Ereignis durch die hohe Mobilität der Menschen hier kaum nachvollziehbar ist. So weisen die Forscher auch darauf hin, dass ihre Studie vor allem auf Interviews basiert, die zur Rückverfolgung von Infektionsketten geführt wurden. Eine Tracing-App wie in Südkorea kam nicht zum Einsatz. Laut der Biostatistikerin Natalie E. Dean sagte der leitende Wissenschaftler, Reisende säßen still und redeten nicht mit anderen. Außerdem sei das Maskentragen in Japan üblich.

Bemerkenswert ist auch, dass sich offenbar in japanischen Schulen keine Cluster bildeten. Allerdings schloss das Land bereits Ende Februar alle Schulen, zu diesem Zeitpunkt zählte Japan nur rund 200 Ansteckungen. Rückschlüsse auf die Infektiosität von Kindern kann man daher aus der Studie kaum ziehen.

Drei Situationen besonders gefährlich

Die Wissenschaftler schließen aus ihren Beobachtungen, dass viele Covid-19-Cluster an Orten stattfanden, wo tief atmende Menschen eng zusammen sind, beispielsweise in Karaoke-Bars, Fitnessstudios oder Clubs. Daher gelte es vor allem drei Situationen zu vermeiden: geschlossene Räume mit schlechter Belüftung, überfüllte Orte und enge Kontakte.

Weniger eindeutige Aussagen können die japanischen Forscher dazu machen, warum manche Personen zu Superspreadern werden. Von den 22 identifizierten Personen, die wahrscheinlich Cluster auslösten, waren 13 männlich und 9 weiblich. Die Hälfte von ihnen ist mit 20 bis 39 Jahren jünger als der durchschnittliche japanische Covid-19-Patient. Die Wissenschaftler wissen nicht, ob dies soziale oder biologische Ursachen hat oder auf eine Kombination beider Faktoren zurückzuführen ist.

Die wichtigste Erkenntnis der Forscher zu den Superspreadern ist wahrscheinlich, dass viele von ihnen keine Krankheitssymptome zeigten. Nur einer von ihnen hustete am Tag der Infektionen, bei einer großen Zahl setzten die Symptome kurz danach ein. Unterschiede nach Altersgruppen registrierten die Wissenschaftler nicht.

Quelle: ntv.de