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10 Prozent stecken 80 Prozent an Superspreader: Welche Rolle spielen Virenschleudern?

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Langsam, aber sicher kommen die Wissenschaftler Sars-CoV-2 auf die Schliche.

(Foto: via REUTERS)

Superspreader sind möglicherweise zu einem Großteil für die Verbreitung von Sars-CoV-2 verantwortlich. Ist das tatsächlich so, könnte das eine gute Nachricht sein, obwohl Ausbrüche mit vielen Fällen erst mal gar nicht danach aussehen.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass sogenannte Superspreader eine wichtige, möglicherweise entscheidende Rolle bei der Ausbreitung des Coronavirus spielen. Dabei handelt es sich um Menschen, die nicht nur ein, zwei oder drei andere Personen infizieren, sondern vielleicht sogar Dutzende anstecken können. Sie stellen vermutlich auch aktuell die größte Gefahr dar, dass die Pandemie in Deutschland und anderswo wieder aufflammt.

Denn obwohl oder gerade weil die Zahl der Neuinfektionen klein ist, gibt es nur sehr wenige Menschen, die immun sind. Das heißt, Virenschleudern können fast jede Person anstecken, der sie nahe kommen.

Auch Streeck tippt auf Superspreading

Die meisten Fälle weltweit, speziell die meisten Toten, seien auf Superspreading-Ereignisse zurückzuführen, sagte der Bonner Virologe Hendrik Streeck dem "Wall Street Journal". Er erstellte die "Heinsberg-Studie" über die Gemeinde Gangelt, die sich nach einer Karnevalsfeier am 15. Februar in der Bürgerhalle des Ortes mit mehr als 300 Teilnehmern zu einem der ersten deutschen Corona-Hotspots entwickelte. Wenige Wochen später waren in Heinsberg mindestens 755 Menschen infiziert, etliche von ihnen starben. Ähnliches passierte bei Aprés-Ski-Partys in Ischgl, von wo aus Hunderte infizierte Touristen das Virus in ihre Heimatländer importierten. Unter anderem wurde so auch Aalen im baden-württembergischen Ostalbkreis zum Hotspot.

Dass Superspreader-Ereignisse auch in der aktuellen Phase der Pandemie jederzeit auftreten können, zeigen die Ausbrüche in Schlachthöfen in Deutschland oder den Niederlanden mit insgesamt Hunderten Covid-19-Erkrankungen. Masseninfektionen gab es kürzlich auch nach einem Gottesdienst in Frankfurt und einer Restaurant-Feier in Leer. Weltweites Aufsehen erregte außerdem der erneute Ausbruch des Coronavirus in Südkorea, der auf die Club-Tour eines einzelnen Mannes zurückzuführen ist.

Warum werden Menschen zu Virenschleudern?

Dass einzelne Virenschleudern zu Brandbeschleunigern bei Epidemien werden, ist nicht neu, ähnliche Ereignisse gab es in der Geschichte bei vielen Seuchen, unter anderem auch bei den Coronaviren-Epidemien durch Sars und Mers. Und die Wissenschaft versucht bereits seit geraumer Zeit herauszufinden, warum Menschen zu Superspreadern werden.

Der Arzt und Medizin-Journalist Christoph Specht sagte ntv.de, dies könne an einer höheren Viruslast dieser Personen liegen. Wahrscheinlicher sei aber, dass sie ihr Verhalten zu Virenschleudern macht, durch das sie binnen kurzer Zeit viele enge Kontakte zu anderen Menschen haben, sagt Specht. Bei Covid-19 komme noch hinzu, dass die Inkubationszeit lang sei und Infizierte länger keine Symptome zeigen könnten. Eine Studie der Universität Hongkong lässt darauf schließen, dass alles zusammenkommen könnte. Die chinesischen Wissenschaftler stellten fest, dass die Viruslast kurz bevor und nachdem erste Symptome auftreten, am größten ist.

Aerosole bleiben in der Luft

Inzwischen deuten Studien und Ereignisse darauf hin, dass bei Coronavirus-Superspreadern sehr wahrscheinlich noch ein anderer Faktor mitentscheidend ist. Eine zentrale Rolle bei der Ausbreitung von Sars-CoV-2 könnten Aerosole spielen, wenige Mikrometer große Tröpfchen, die unter anderem beim Sprechen, Singen oder Husten ausgestoßen werden. In ihnen können Viren minutenlang, möglicherweise auch Stunden in der Luft schweben und so vor allem in geschlossenen Räumen auch Menschen anstecken, die den Mindestabstand zu einem Infizierten einhalten.

Charité-Virologe Christian Drosten geht davon aus, dass rund die Hälfte aller Covid-19-Infektionen auf Aerosole zurückzuführen ist. Dies würde unter anderem Superspreader-Ereignisse in den USA und Berlin bei Chorproben erklären, bei denen sich jeweils rund die Hälfte der Teilnehmer ansteckte. Die hohe Infektionsrate könnte laut dem "Science"-Magazin aber auch daran liegen, dass Sänger besonders stark und tief atmen.

Innenräume sind gefährlich

Auf jeden Fall sind fast alle Masseninfektionen mit Sars-CoV-2 in Innenräumen passiert. Japanische Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, dass das Risiko hier nahezu 19 Mal größer ist als im Freien. Und laut einer chinesischen Studie war von 318 Ausbrüchen mit mindestens drei Ansteckungen nur ein einziger nicht auf Kontakte in Innenräumen zurückzuführen.

Was es genau braucht, um einen Menschen zum Coronavirus-Superspreader zu machen, ist wissenschaftlich noch nicht endgültig geklärt. Mehrere Faktoren greifen offenbar ineinander, welche entscheidend sind, kann man bisher nur vermuten. Sicher ist aber, dass Virenschleudern in Innenräumen viel gefährlicher sind als im Freien. Das bedeutet, dass man hier mit Lockerungen besonders vorsichtig sein muss, und dass die Gefahr einer wiederaufflammenden Epidemie wächst, wenn im Herbst die warmen Monate zu Ende gehen.

Die meisten Infizierten stecken niemanden an

Aber selbst wenn alle Faktoren zusammenkommen, wird nur ein kleiner Teil der Sars-CoV-2-Infizierten zu Superspreadern. Die Basisreproduktionszahl (R0) des Virus liegt laut RKI zwischen 2,4 und 3,3. Das bedeutet statistisch, dass ohne einschränkende Maßnahmen ein Infizierter ungefähr drei andere Personen ansteckt. In der Realität würden aber die meisten Sars-CoV-2-Träger das Virus überhaupt nicht weitergeben, sagte Jamie Lloyed-Smith von der University of California "Science".

Deswegen nutzen die Wissenschaftler den Dispersionsfaktor k, der beschreibt, wie oft Häufungen von Infizierungen auftreten. Je niedriger die Zahl ist, desto weniger Personen verbreiten den Erreger. Bei Sars spielte Superspreading eine große Rolle, hier kamen Lloyed-Smith und sein Team auf den Faktor 0,16. Für Mers schätzten sie den Wert auf 0,25, für die Spanische Grippe auf 1.

Kleiner oder großer k-Faktor bei Sars-CoV-2?

Wissenschaftler der Universität Bern versuchten im Januar den k-Faktor von Sars-CoV-2 anhand von Daten aus Wuhan zu bestimmen. Sie kamen auf einen Wert, der etwas höher liegt als bei Sars und Mers. Möglicherweise spielen Virenschleudern aber auch eine weit wichtigere Rolle in der aktuellen Pandemie. Denn in einer kürzlich veröffentlichten Vorab-Studie (Preprint) errechnete Adam Kucharski von der London School of Hygiene & Tropical Medicine (LSHTM) den Dispersionsfaktor 0,1 für das Virus. Das würde bedeuten, dass rund 10 Prozent der Fälle für 80 Prozent der Ausbreitung verantwortlich sind, sagt Kucharski.

Dies könne erklären, warum Sars-CoV-2 sich nach dem Ausbruch in China nicht schneller verbreitet hat und erste Fälle in anderen Ländern zunächst keine Folgen hatten, so der Wissenschaftler. Denn dann würden die meisten Infektionsketten von alleine verkümmern und das Virus bräuchte statistisch mindestens vier unentdeckte Ansteckungen in einem Land, um eine Chance zu haben, sich auszubreiten. Wenn die chinesische Epidemie ein großes Feuer gewesen sei, seien die meisten seiner in die Welt geflogenen Funken einfach erloschen, sagt Kucharski.

Niedriger Wert wäre eine gute Nachricht

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Ein israelisches Preprint der Universität Tel Aviv kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass Superspreader zu einem extrem hohen Anteil an der Ausbreitung beteiligt sind. Liegen beide Studien richtig, würde das bedeuten, dass man in Deutschland eher wie zuletzt mit wenigen, aber dafür größeren Ausbrüchen rechnen muss, die man vermutlich leichter als viele kleine isolieren kann, wenn man schnell und entschlossen reagiert.

Das wäre eine gute Nachricht für die Pandemie-Bekämpfung - nicht nur in Deutschland. Und sie wird immer wahrscheinlicher. Denn auch Gabriel Leung von der Universität Hongkong hat jetzt ein Preprint veröffentlicht, das einen sehr niedrigen k-Faktor bestätigt. Immerhin kommt sein Team auf 20 Fälle, die zu 80 Prozent für die Verbreitung verantwortlich sind.

Quelle: ntv.de