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Coronavirus eine Altersfrage Wäre "Ü50-Inzidenz" der bessere Maßstab?

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Für ältere Menschen ab 50 bis 60 Jahren nimmt das Risiko eines schweren Verlaufs von Covid-19 stetig zu.

(Foto: dpa)

Fast die Hälfte aller Regionen in Deutschland reißt bereits die Corona-Obergrenze. Die Lage droht außer Kontrolle zu geraten, warnt das RKI. Wie also damit umgehen? Charité-Virologe Drosten schlägt den Blick auf eine neue Kennzahl vor, die künftig eine bessere Einschätzung der Situation erlauben soll.

Deutschland färbt sich rot: Mittlerweile überschreiten 166 Regionen die zwischen Bund und Ländern vereinbarte Obergrenze von 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen. 33 mehr als am Vortag. Der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, bezeichnete die Lage in Deutschland zuletzt als "sehr ernst" - es müsse damit gerechnet werden, dass sich das Virus in einigen Regionen stark und auch "unkontrolliert" ausbreiten könne. Hält der Trend an, wird ein Großteil Deutschlands über der Obergrenze liegen, ab der verschärfte Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen fällig sind.

Droht also wieder ein flächendeckender Lockdown wie zuletzt im Berchtesgadener Land? Schwer zu sagen. Es mehren sich jedoch die Stimmen, dass angesichts der rasanten Entwicklung die Zahl der Neuinfektionen nicht mehr das alleinige Maß der Dinge sein sollte, um über Maßnahmen zu entscheiden.

Charité-Virologe Christian Drosten etwa hatte Anfang der Woche eine neue Kennzahl ins Spiel gebracht: eine "Ü50-Inzidenz". Damit meint er eine "altersspezifische Betrachtung der Inzidenz" - also ein Blick auf Neuinfektionen ab einem bestimmten Alter, etwa 50 Jahren. Im Gespräch mit der "Bild"-Zeitung erläuterte eine Sprecherin der Charité, dass die sogenannte Ü50-Inzidenz "eine Prognose über die demnächst zu erwartenden schwereren Fälle und damit über die Bettenauslastung" sei. Denn Menschen ab diesem Alter haben Menschen ein steigendes Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken.

Drosten verweist auch auf einen ganz ähnlichen Vorschlag des Epidemiologen Klaus Stöhr, der vor einigen Tagen in einem Interview mit der "Zeit" eine Neuorientierung bei der Betrachtung der Corona-Lage gefordert hatte. So kritisierte Stöhr, dass noch immer die Zahl der Neuinfektionen im Fokus stünde, um über die "Schärfe der Maßnahmen" zu entscheiden. Sei jedoch ganz Deutschland "mit roten Kreisen gepflastert", sei auch der Grenzwert von 50 Fällen "kein Indikator mehr, der uns hilft". Der Epidemiologe sagt, dass es sachgerechter gewesen wäre, "von Anfang an einen auf die Alters- und Risikostruktur bezogenen Krankenstand zu verwenden".

"Wir sind also viel zu spät"

"Bei den jungen Erwachsenen werden wir nicht mehr umhinkommen, mehr als 50 Fälle pro 100.000 zu tolerieren", so Stöhr im Gespräch mit der "Zeit". Wenn hingegen bei den Alten und den Risikopersonen die Erkrankungen stiegen, müsse man "die Notbremse ziehen". Als gesichert gilt, dass mit zunehmendem Alter das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs bei Covid-19 deutlich steigt - vor allem ab einer Altersklasse von 50 bis 60 Jahren.

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Auch laut RKI-Chef Wieler könnte eine Kennzahl, welche die über 50-Jährigen betrifft, das aktuelle Bild etwas besser wiedergeben als etwa die zuletzt von Experten als Alternative für die Neuinfektionen vorgeschlagene Auslastung der Krankenhäuser und Zahl der freien Intensivbetten. Denn bei den Zahlen zu den freien Intensivbetten etwa, so Wieler, schauen man drei bis vier Wochen in die Vergangenheit zurück. "Wir sind also viel zu spät", sagte er mit Blick auf die Aussagekraft dieser Werte für den Kampf gegen die Pandemie.

Ein Blick auf den RKI-Lagebericht vom vergangenen Dienstag zeigt, dass zuletzt wieder mehr ältere Menschen von einer Sars-CoV-2-Infektion betroffen waren. Zwar steigt seit der Kalenderwoche 40 Ende September die Inzidenz über alle Altersgruppen hinweg in ähnlichem Maße steil an. Allerdings ist bereits seit der Kalenderwoche 35 Ende August eine Verschiebung hin zu den Altersgruppen über 50 Jahren zu erkennen. Deren Anteil an allen Covid-19-Fällen stieg von etwa ein Sechstel auf zuletzt fast ein Drittel.

Chancen auf Umsetzung stehen nicht so gut

"Insbesondere die Anstiege in den Altersgruppen der 60- bis 79-Jährigen und der über 80-Jährigen müssen genau beobachtet werden", heißt es in dem RKI-Bericht. Zu Beginn der Pandemie lag der Anteil der Über-50-Jährigen an den Gesamtfällen allerdings noch deutlich höher als heute - bei mehr als der Hälfte aller Fälle. Gleichzeitig gab es im März und April auch deutlich mehr Intensivpatienten und Todesfälle.

Wie stehen die Chancen, dass Drostens Vorschlag einer "Ü50-Inzidenz" zu einem neuen Maßstab der Pandemie wird? Derzeit wohl nicht so gut. Die Regierung will den Vorschlag wohl nicht umsetzen, berichtet die "Bild"-Zeitung. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums sagte demnach: "Es ist richtig, regional auf das Ausbruchsgeschehen zu reagieren und dafür national einen Rahmen zu setzen. Dafür geben die beiden vorhandenen Warnstufen schon jetzt Orientierung." Zu diesen zählen neben der Obergrenze von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen auch die Warnschwelle von 35 Neuinfektionen. Beim Überschreiten von Letzterer sollen laut einer Vereinbarung zwischen Bund und Ländern vom vergangenen Mittwoch bereits erste Maßnahmen greifen.

Quelle: ntv.de